Zuletzt aktualisiert: April 2026
Die Frage, ob man besser in einzelne Aktien oder in Indexfonds investiert, ist so alt wie der private Aktienmarkt selbst. Was sich seit der ursprünglichen Fassung dieses Beitrags geändert hat, ist allerdings einiges: ETFs sind vom Nischenprodukt zum Massenstandard geworden, die Kosten sind auf Bruchteile von Prozentpunkten gefallen, und die empirische Datenlage zur Grundsatzfrage ist inzwischen so dicht, dass sich eine klare Antwort ableiten lässt. Für die allermeisten Privatanleger lautet sie: ETFs als Kern, Einzelaktien — wenn überhaupt — als bewusste Ergänzung.
Die Datenlage ist eindeutig
Seit Jahren wird regelmäßig untersucht, wie viele aktiv gemanagte Aktienfonds es tatsächlich schaffen, ihren jeweiligen Vergleichsindex nach Kosten zu schlagen. Die Ergebnisse sind über Märkte, Zeiträume und Studien hinweg bemerkenswert konsistent: Über einen Zeitraum von zehn Jahren liegen rund zehn bis fünfzehn Prozent der aktiven Fonds vor ihrem Index. Über zwanzig Jahre sind es sogar noch weniger.
Das ist nicht Zufall, sondern hat einen simplen mathematischen Grund: Ein Index bildet den Durchschnitt aller investierten Euros ab. Aktive Manager konkurrieren im Nullsummenspiel darum, über diesem Durchschnitt zu landen. Sobald man die Kosten für Research, Handel und Fondsverwaltung abzieht, rutscht die Mehrheit automatisch unter den Index. Der durchschnittliche aktive Fonds kann gar nicht anders, als zu unterperformen — weil seine Gebühren ihn dazu zwingen.
Für Privatanleger, die selbst Einzelaktien auswählen, ist die Ausgangslage noch einmal schwieriger: Ihnen fehlt die Infrastruktur professioneller Fondsmanager, der Zugang zu Unternehmensführung und Research, und oft auch die Zeit für eine saubere Aktienanalyse.
Was spricht für ETFs?
Die Vorteile des Indexansatzes lassen sich in vier Punkten zusammenfassen:
- Kosten. Ein moderner Welt-ETF hat laufende Jahreskosten (TER) von 0,07 bis 0,25 Prozent. Ein aktiv gemanagter Aktienfonds verlangt typischerweise zwischen 1,2 und 2 Prozent plus Ausgabeaufschlag. Auf zwanzig Jahre hochgerechnet macht dieser Unterschied einen beträchtlichen Teil der Endrendite aus.
- Diversifikation in einem Schritt. Ein ETF auf den MSCI World hält rund 1.400 Unternehmen aus 23 Industrieländern. Ein ETF auf den FTSE All-World kommt auf über 4.000 Unternehmen inklusive Schwellenländer. Eine vergleichbare Streuung mit Einzelaktien zu erreichen, ist praktisch nicht zu bezahlen.
- Keine Stock-Picking-Falle. Wer Einzelaktien kauft, trifft implizit die Behauptung, den Markt besser einschätzen zu können als die Millionen Analysten, Trader und Fondsmanager, die täglich versuchen, genau dasselbe zu tun. Die meisten Privatanleger unterschätzen, wie ambitioniert diese Behauptung ist.
- Zeitersparnis. Ein ETF-Sparplan läuft nach einmaligem Einrichten ohne weiteren Aufwand. Einzelaktien erfordern regelmäßige Beobachtung, Quartalsberichte, Bilanzanalyse — Zeit, die die meisten berufstätigen Anleger nicht haben.
Was spricht trotzdem für Einzelaktien?
Die obige Auflistung könnte den Eindruck erwecken, Einzelaktien seien ein pauschaler Fehler. Das stimmt nicht. Es gibt mehrere Situationen, in denen Einzelaktien eine sinnvolle Rolle spielen können:
- Dividendenstrategie mit bewusster Auswahl. Wer gezielt ein Depot aus dividendenstarken Qualitätsunternehmen aufbauen möchte, um langfristig regelmäßige Ausschüttungen zu beziehen, kann das mit einer sorgfältig ausgewählten Zusammenstellung klassischer Blue Chips tun. Ein Dividenden-ETF erfüllt denselben Zweck, aber für manche Anleger ist die persönliche Auswahl Teil der Motivation.
- Überzeugung von einem konkreten Unternehmen. Wer ein bestimmtes Geschäftsmodell, Management oder Produkt sehr gut kennt und langfristig für aussichtsreich hält, kann bewusst einen kleineren Teil des Depots in diese Überzeugung investieren. Das ist kein Stock-Picking im eigentlichen Sinne, sondern eine begründete Einzelwette.
- Interesse und Engagement. Für Anleger, die Freude am Lesen von Geschäftsberichten, an Bilanzanalyse und an der Entwicklung einzelner Unternehmen haben, ist das Halten von Einzelaktien auch ein Hobby mit potenzieller Rendite. Das ist legitim, solange es nicht den Kern des Vermögensaufbaus gefährdet.
- Steueroptimierung und Einzelfälle. Bei sehr großen Vermögen gibt es durchaus Gründe, Teile als Einzelaktien zu halten — etwa um Verlusttopf-Verrechnungen zu steuern oder Sperrfristen auszunutzen. Für den typischen Kleinanleger ist dieser Aspekt allerdings zweitrangig.
Die praktische Synthese: Core und Satellite
Die in der Praxis bewährte Lösung für Anleger, die sowohl von der ETF-Logik überzeugt sind als auch Lust auf Einzelaktien haben, nennt sich Core-Satellite-Strategie: Der überwiegende Teil des Depots — typischerweise achtzig bis neunzig Prozent — liegt in einem oder wenigen breit gestreuten Welt-ETFs als stabiler Kern. Die restlichen zehn bis zwanzig Prozent können als „Satelliten“ in Einzelaktien oder Themen-Investments fließen, bei denen man eine bewusste Überzeugung hat.
Der Vorteil: Die Hauptrendite kommt aus dem breit gestreuten, günstigen Kernbestand. Die Einzelaktien sind klein genug, um bei schlechter Entwicklung nicht den gesamten Vermögensaufbau zu gefährden, aber groß genug, um die Beschäftigung mit dem Aktienmarkt interessant zu halten. Wer nach einigen Jahren feststellt, dass die Satelliten systematisch unter der Rendite des Kerns liegen, hat eine ehrliche Antwort auf die Eingangsfrage erhalten — und kann gegebenenfalls umschichten.
Wie starten Sie praktisch?
Für den Einstieg brauchen Sie ein Wertpapierdepot bei einem Broker. Für ETF-Sparpläne als Kern des Depots sind moderne Neobroker wie Trade Republic die naheliegende Wahl — kostenloses Depot, ETF-Sparpläne ab einem Euro kostenfrei, eine ausreichende Auswahl an Welt-ETFs. Wer ein etwas umfangreicheres Angebot sucht, findet bei Scalable Capital eine größere ETF-Auswahl und zusätzliche Premium-Funktionen für aktivere Anleger.
Für beide gilt: Einzelaktien lassen sich zum gleichen niedrigen Gebührenniveau kaufen wie ETFs — die Core-Satellite-Strategie ist damit auch für kleine Depots praktikabel. Eine vollständige Übersicht der für diesen Zweck geeigneten Broker finden Sie in unserem Broker-Vergleich.
Häufige Fragen
Wie viele aktive Fonds schlagen tatsächlich ihren Index?
Über einen Zeitraum von zehn Jahren schaffen das je nach Markt und Studie rund zehn bis fünfzehn Prozent der aktiven Aktienfonds nach Kosten. Über zwanzig Jahre sinkt die Quote noch weiter. Die Mehrheit der aktiven Manager underperformt nicht aus Unfähigkeit, sondern weil die höheren Kosten mathematisch kaum aufzuholen sind.
Bedeutet das, ich sollte nie Einzelaktien kaufen?
Nein. Einzelaktien können eine sinnvolle Ergänzung zum ETF-Kern sein — etwa bei bewussten Einzelüberzeugungen, einer Dividendenstrategie oder weil Sie Freude an der Beschäftigung mit einzelnen Unternehmen haben. Als alleiniges Investmentvehikel für den Vermögensaufbau sind sie für die meisten Privatanleger allerdings die schlechtere Wahl als ein breit gestreuter Welt-ETF.
Wie sieht eine Core-Satellite-Strategie konkret aus?
Üblich ist eine Aufteilung von achtzig bis neunzig Prozent in einem oder zwei Welt-ETFs (zum Beispiel MSCI World oder FTSE All-World) als stabiler Kern, und die verbleibenden zehn bis zwanzig Prozent in Einzelaktien, Themen-ETFs oder spezifischen Regionen als Satelliten. So bleibt die Basis breit diversifiziert, während der Satellitenteil Raum für persönliche Überzeugungen lässt.
Was ist der günstigste Welt-ETF für den Kern?
Für den Kern eines Depots bieten sich ETFs auf den MSCI World oder den breiteren FTSE All-World an. Die laufenden Kosten liegen bei den günstigsten Produkten zwischen 0,07 und 0,20 Prozent pro Jahr. Wichtig sind neben dem niedrigen TER vor allem ein hohes Fondsvolumen (idealerweise über eine Milliarde Euro) und eine physische Replikation.
Welcher Broker eignet sich für den Einstieg?
Für Einsteiger, die einen ETF-Sparplan als Depotkern einrichten möchten, sind Trade Republic oder Scalable Capital die naheliegende Wahl. Beide bieten kostenlose Depots, kostenfreie ETF-Sparpläne ab einem Euro und genug Auswahl für eine solide Core-Satellite-Strategie.
Weiterführende Links
- Folge 69 — Exchange Traded Fund (ETF)
- Die Downsides von modernen ETFs
- Kann man alle DAX Aktien auf einmal kaufen?
- Folge 34 — Die ultimative Aktien-Zusammenfassung
- Folge 11 — Der Broker, Ihr Zugang zum Kapitalmarkt