Folge 29 – Spekulationsblasen (Aktien Teil 10)

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Folge 29 – Spekulationsblasen (Aktien Teil 10)

Zuletzt aktualisiert: April 2026

Spekulationsblasen sind eines der ältesten und teuersten Phänomene der Börsengeschichte. Sie folgen einem fast immer gleichen Muster — und werden von jeder neuen Anlegergeneration aufs Neue ignoriert, weil „diesmal alles anders“ ist. In dieser Folge zeigen wir, wie eine Spekulationsblase entsteht, welche historischen und jüngeren Beispiele es gibt, und woran Privatanleger erkennen können, dass sie sich gerade in einer befinden.

Was ist eine Spekulationsblase? (einfach erklärt)

Eine Spekulationsblase — einfach erklärt — ist eine Marktphase, in der die Preise eines Vermögenswerts weit über den fundamentalen Wert steigen, weil Anleger in der Erwartung kaufen, ihre Anteile später noch teurer verkaufen zu können. Eine Spekulationsblase braucht drei Zutaten: viel Liquidität, eine plausible Geschichte und steigende Kurse, die andere Anleger anziehen. Ist viel Geld am Markt — etwa weil die Notenbanken die Zinsen niedrig halten — sucht es nach Anlagemöglichkeiten. Findet sich eine Erzählung, die genug Menschen überzeugt („das Internet verändert alles“, „Immobilien fallen nie“, „Krypto ersetzt das Bankensystem“, „KI revolutioniert jede Branche“), beginnen die Kurse zu steigen.

Steigende Kurse sind in einer Blase kein Bewertungssignal, sondern ein Werbeargument. Je mehr der Kurs steigt, desto mehr Anleger werden aufmerksam, desto mehr kaufen, desto mehr steigt der Kurs. Dieser Herdeneffekt entkoppelt den Preis irgendwann vollständig vom realen Wert dessen, was gehandelt wird. In dieser Phase bezahlt niemand mehr für den fundamentalen Nutzen — alle bezahlen in der Erwartung, später noch teurer verkaufen zu können. Das nennt sich „Greater Fool Theory“: Der eigene Kauf ist nur deshalb sinnvoll, weil man darauf vertraut, einen noch größeren Narren zu finden, der teurer kauft.

Irgendwann passiert das Unausweichliche. Entweder geht das frische Kapital aus, oder ein einzelnes Ereignis bringt die Stimmung zum Kippen. Dann verkehrt sich der Mechanismus ins Gegenteil: Fallende Kurse erschrecken Anleger, die verkaufen, was die Kurse weiter drückt, was wiederum mehr Anleger erschreckt. Was als langsamer Aufstieg über Jahre stattfand, kollabiert oft innerhalb von Wochen oder Tagen. Wer nach der in Folge 26 beschriebenen Value-Investing-Strategie arbeitet — also nur kauft, wenn der Preis erkennbar unter dem fairen Wert liegt — hat einen guten Teil der Schutzmechanik gegen Blasen bereits eingebaut.

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Die bekanntesten Spekulationsblasen der Geschichte

Tulpenmanie (1634–1637)

Der Klassiker. In den Niederlanden des 17. Jahrhunderts stiegen die Preise für seltene Tulpenzwiebeln über drei Jahre auf absurde Höhen — eine einzelne Zwiebel der Sorte Semper Augustus kostete zeitweise so viel wie ein Amsterdamer Stadthaus. Im Februar 1637 brach der Markt innerhalb weniger Tage zusammen. Die Tulpenmanie gilt bis heute als das früheste dokumentierte Beispiel einer reinen Spekulationsblase.

Black Thursday und die Große Depression (1929)

Nach den Goldenen Zwanzigern hatten US-Anleger Aktien zunehmend auf Kredit gekauft — teilweise mit Hebeln von 1:10 und höher. Als der Markt am 24. Oktober 1929 zu kippen begann, lösten Margin Calls Zwangsverkäufe aus, die in den Tagen darauf den vollständigen Kollaps brachten. Der Dow Jones verlor in den folgenden drei Jahren rund 89 Prozent seines Höchststandes. Die Große Depression, die folgte, prägte ein ganzes Jahrzehnt.

Dotcom-Blase (1995–2002)

Die zweite Hälfte der neunziger Jahre erlebte den ersten großen Internet-Boom. Unternehmen ohne Umsatz, ohne Geschäftsmodell und manchmal ohne Produkt erhielten Bewertungen in Milliardenhöhe — solange im Namen ein „.com“ stand. Der NASDAQ verfünffachte sich zwischen 1995 und März 2000, halbierte sich anschließend in zwölf Monaten und brauchte fünfzehn Jahre, um sein altes Hoch wieder zu erreichen. Wer 1999 zu Höchstkursen eingestiegen ist, hat erst 2015 die Verluste aufgeholt.

Immobilienblase und Finanzkrise (2007–2009)

In den USA hatte die lockere Kreditvergabe der Banken — kombiniert mit der Verbriefung dieser Kredite zu Wertpapieren, die niemand mehr richtig verstand — über Jahre einen Immobilien-Boom befeuert. Als die Hauspreise zu fallen begannen, kollabierte das ganze Konstrukt. Lehman Brothers ging im September 2008 insolvent, und die folgende globale Finanzkrise war die schwerste seit den dreißiger Jahren. Sie führte zur europäischen Schuldenkrise und prägte die Geld- und Wirtschaftspolitik bis weit in die zwanziger Jahre.

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Drei jüngere Beispiele, an die sich heute viele noch erinnern

Der erste große Krypto-Hype (2017)

Bitcoin stieg im Verlauf des Jahres 2017 von rund 1.000 Dollar auf knapp 20.000 Dollar. Im Schlepptau notierten Hunderte „Altcoins“ mit Bewertungen, denen oft kein funktionierendes Produkt gegenüberstand. Ende 2018 hatte Bitcoin rund 80 Prozent verloren, viele Altcoins verschwanden komplett. Bemerkenswert: Bitcoin selbst überlebte und erreichte 2021 neue Höchststände — was zeigt, dass „Blase“ und „dauerhaft wertlos“ nicht dasselbe sind.

GameStop und die Meme-Stock-Welle (Januar 2021)

Im Januar 2021 koordinierten sich Privatanleger über das Reddit-Forum r/wallstreetbets, um die Aktie der angeschlagenen US-Einzelhandelskette GameStop massenhaft zu kaufen. Die Aktie schoss innerhalb weniger Tage von rund 20 Dollar auf Höchststände um 480 Dollar — getrieben weniger von Fundamentaldaten als vom kollektiven Versuch, professionelle Leerverkäufer in einen sogenannten Short Squeeze zu zwingen. Wer bei 400 Dollar einstieg, hatte wenige Wochen später Verluste im hohen zweistelligen Prozentbereich. Die Episode bleibt das Lehrstück für eine durch Social Media befeuerte Blase auf Einzelaktien-Ebene.

Der Krypto-Crash 2022

Der zweite große Krypto-Zyklus endete im Mai 2022 mit dem Kollaps des Stablecoin-Projekts Terra/Luna, gefolgt im November vom Bankrott der Krypto-Börse FTX. Bitcoin verlor binnen eines Jahres rund drei Viertel seines Höchststandes, viele kleinere Projekte gingen vollständig unter. Die Episode zeigte einmal mehr, dass nicht jede „Innovation“, die mit Milliardenbewertungen gehandelt wird, auch über die nächste Liquiditätswende kommt.

Woran Sie eine Blase erkennen können

Es gibt keine sichere Erkennungsformel — sonst gäbe es keine Blasen. Aber es gibt Warnsignale, die in fast jeder historischen Episode vorhanden waren:

  • Eine dominierende Erzählung, die jede Skepsis als „nicht verstanden“ abtut
  • Bewertungen, die nur mit Annahmen weit jenseits des historisch Plausiblen zu rechtfertigen sind
  • Anleger ohne Vorerfahrung steigen in großer Zahl ein, oft auf Kredit
  • Medienberichterstattung, die hauptsächlich aus Erfolgsgeschichten besteht
  • Klassische Bewertungskennzahlen wie Kurs-Gewinn-Verhältnis oder Kurs-Buchwert werden als „nicht mehr relevant“ bezeichnet

Wichtig zu wissen: Auch wer alle Warnsignale erkennt, kann Blasen nicht verlässlich timen. Eine Blase kann zwei Jahre länger aufgehen als jede vernünftige Bewertung erlaubt — und genau das macht sie so gefährlich. Wer aussteigt, weil ihm die Bewertungen zu hoch erscheinen, riskiert, einen erheblichen Teil der weiteren Aufwärtsbewegung zu verpassen. Wer drinbleibt, riskiert, den Crash mitzunehmen.

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Der pragmatische Weg für Privatanleger ist deshalb nicht das Erkennen und Timen von Blasen, sondern eine Allokation, die so robust ist, dass sie auch eine Blase übersteht: breit gestreut, langfristig angelegt, ohne Hebel und ohne Klumpenrisiken in einzelnen Modethemen. Wer nach diesen Prinzipien investiert, kann eine Blase genüsslich von außen beobachten — ohne Magenkrämpfe und ohne den Drang, „diesmal dabei sein zu müssen“. Eine Übersicht über breit gestreute Anlageoptionen und passende Broker finden Sie in unserem Depotkonto-Vergleichsrechner.

Häufige Fragen zu Spekulationsblasen

Sind Spekulationsblasen vorhersehbar?
Im Nachhinein immer, im Vornhinein praktisch nie zuverlässig. Ökonomen wie Robert Shiller haben erfolgreich auf einzelne Blasen hingewiesen — aber meistens Jahre, bevor sie tatsächlich platzten.

Sind ETFs auch von Blasen betroffen?
Ja, weil ETFs den ihnen zugrundeliegenden Markt abbilden. Ein Welt-ETF verliert im Crash, allerdings deutlich weniger als die übertrieben bewerteten Einzeltitel im selben Index. Ein breit gestreuter ETF ist deshalb das schlechteste Vehikel für eine Blase — und genau deswegen das beste für robuste, langfristige Anlage.

Kann ich von einer Blase profitieren?
Theoretisch ja, in der Praxis kaum. Sie müssten erstens den Aufstieg mitnehmen, zweitens am Höhepunkt verkaufen und drittens nicht zu früh wieder einsteigen. Studien zeigen, dass selbst professionelle Investoren an mindestens einem dieser drei Punkte regelmäßig scheitern.

Was unterscheidet eine Blase von einem normalen Bullenmarkt?
Ein normaler Bullenmarkt hat eine fundamentale Grundlage — steigende Gewinne, fallende Zinsen, expandierende Wirtschaft. Eine Blase ist die Phase, in der Kursanstiege die fundamentalen Grundlagen weit hinter sich lassen. Die Grenze ist fließend, und genau das macht die Beobachtung so schwierig.

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