Banken unter (künstlichem) Stress – was Stresstests bei Banken bringen, und was sie ergeben haben

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Banken unter (künstlichem) Stress – was Stresstests bei Banken bringen, und was sie ergeben haben

Immer wieder einmal geistern die Ergebnisse von “Stresstests” der Banken durch die Medien – wobei kaum jemand auch nur einigermaßen eine Vorstellung davon hat, was und wie hier überhaupt getestet wird. Dabei spielt die Leistungsfähigkeit und Stabilität der großen Banken eine tragende Rolle für die europäische Wirtschaft – knicken große Banken ein, folgt die Krise auf dem Fuße. Wie Stresstests überhaupt funktionieren, wie sie durchgeführt werden und was die Ergebnisse bedeuten, wollen wir deshalb einmal in diesem Beitrag ein wenig beleuchten. Und die aktuellen Ergebnisse des laufenden Jahres auch.

Was sind überhaupt “Stresstests”?

Stresstests sind in der Finanzwirtschaft keine Seltenheit. Sie werden auf vielen Ebenen und bei vielen Gelegenheiten durchgeführt und stellen quasi das Durchspielen eines Risikoszenarios dar. Allerdings wird dabei mit konkreten Zahlen gearbeitet und die Risikosimulationen sind meist so ausgefeilt dass die entstehenden Szenarien als absolut wahrscheinlich und realistisch angenommen werden können.

Stresstests können dabei unterschiedlich aussehen und in unterschiedlichen Bereichen durchgeführt werden.

Sensitivitätsanalysen und Szenario-Analysen

Je nach Art des Tests kann man entweder einen bestimmten Risikofaktor auf einen kritischen Wert ansteigen lassen, und die Auswirkungen untersuchen. In der Fachsprache nennt man so etwas “Sensitivitätsanalyse”. Variiert man dagegen gleich mehrere Risikofaktoren, und untersucht die Auswirkungen auf bestimmte Kern-Kennzahlen, wird aus der Analyse eine Szenario-Analyse.

Wer veranlasst Stresstests?

Kleinere Sensitivitätsanalysen oder auch Szenario-Analysen werden in vielen Bereichen von den Banken selbst durchgeführt, um sich ein Bild über mögliche Schwachpunkte bei der Risikoabsicherung zu machen, oder bisher noch nicht erkannte, mögliche Risikoentwicklungen zu analysieren und beim Eintreten gegensteuern zu können, indem man entsprechende Maßnahmen beschließt. Einige etwas größer angelegte Prüfungen der einzelnen Institute führen auch die BaFin oder die EZB durch – auch bei diesen Prüfungen werden die Institute alle einzeln geprüft.

Einige Risikoüberprüfungen über Stresstests sind auch für Banken und Versicherungen sowie für bestimmte Fondsunternehmen gesetzlich vorgeschrieben. Der Umfang und die Art der Simulation sind dabei genau festgelegt – die Auswertung des Ergebnisses auch. Die Stresstests dienen dabei als zusätzlicher Bewertungsmaßstab, der den sonst zur Risikoberechnung üblichen Value at Risk ergänzen soll. Gerade bei extremen Szenarien ist die Aussagekraft des VAR beschränkt, daher muss in jedem Fall eine zusätzliche Risikobewertung mittels Stresstests für ein aussagekräftiges Bild herangezogen werden.

Neben den Bewertungen einzelner Banken und Versicherungen auf ihre Krisenfestigkeit hin gibt es auch Stresstests in größer angelegten Bereichen. Diese “Makro-Stresstests” untersuchen generell die Stabilität des Finanzsystems unter bestimmten Risikobedingungen in allen unterschiedlichen Bereichen. Sollten einzelne (wichtige) Unternehmen dabei einem Krisenszenario nicht gewachsen sein, und in die Krise schlittern, wird das natürlich auch bei den Makrotests bemerkt – das Hauptaugenmerk liegt allerdings beim Gesamtergebnis und bei der Stabilität des Gesamtsystems.

Geschichte der Stresstests

Vor der weltweiten Wirtschaftskrise 2007 hatte man sich nur wenig um allgemeine Risiko-Analysen gekümmert – man überliess die Risiko-Absicherung den Banken mehr oder weniger selbst – und auch sich auf schwerwiegende globale Szenarien entsprechend vorzubereiten. Die plötzlich überall entstehende Notwendigkeit der “Bankenrettung” durch den Staat ließ aber erkennen, dass die eigene Risikoabsicherung der Banken gegen so globale Bedrohungen wie 2007/2008 und gegen die daraus resultierenden Domino-Effekte wohl nicht weit genug gegangen war – und kaum eine Bank sicherstellen konnte, solchen Szenarien auch tatsächlich gewachsen sein zu können.

Im Jahr 2009 begann man deshalb erstmals, die Auswirkungen von größeren Krisen auf die Bankenlandschaft zu testen, und erkannte, welche grundlegenden Gegebenheiten einzelne Banken überleben ließen, und welche sie unweigerlich in die Krise führten. In den USA war dieser Test der bekannte SCAP (ein Makro-Stresstest, der 19 Großbanken in den USA trifft). Als Ergebnis des Tests wurden die Banken gezwungen, ihre Eigenkapitalbasis stark zu erhöhen um wirklich krisenfest zu sein, gleichzeitig wurde eine Veröffentlichung der Ergebnisse für jede Bank verpflichtend gemacht.

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In der EU wurde im gleichen Jahr ebenfalls ein Test über das gesamte europäische (EU-weite) Bankensystem durchgeführt. “Veranstalter” war in diesem Fall das CEBS, ein Ausschuss, der aus allen europäischen Bankaufsichtsbehörden und Vertretern der EZB gebildet wurde. Den CEBS gibt es heute in dieser Form allerdings nicht mehr, seit 2011 ist er Teil der EBA (European Banking Authority), die heute dafür zuständig ist, die Kooperation im gesamten europäischen Bankenbereich zu fördern und zu organisieren, Informationen über einzelne Banken im Euro-Raum weiterzugeben und die Arbeit der Überwachungsbehörden zu harmonisieren und europaweit zu vereinheitlichen.

Die Ergebnisse dieses ersten, europaweit durchgeführten Stresstests, der nur mit 21 Banken durchgeführt wurde, waren frappierend: Sieben Banken, immerhin ein Drittel aller Banken, fielen beim Test durch und schlitterten in die Krise, nur wenigen gelang es, eine ausreichend hohe Kernkapitalquote von mindestens 6 % aufrechtzuerhalten. Das schlechte Ergebnis führte dazu, dass man bereits im darauf folgenden Jahr den Stresstest auf insgesamt 91 Banken ausdehnte. Test-Szenario des ersten und der weiteren Tests war lediglich eine starke Rezession und ein Einbruch an den Aktienbörsen, gepaart mit einigen Turbulenzen am Markt für Staatsanleihen. Insgesamt war das Szenario also gar nicht allzu bedrohlich, sondern durchaus im Bereich der realistischen Möglichkeiten – mit solchen Szenarien müssen wir eigentlich immer rechnen. Der Stresstest 2011 fiel dann relativ positiv aus, berücksichtigte aber nicht das bereits nahende Griechenland-Drama, bei dem die Abschreibungen auf den Wert der griechischen Staatsanleihen, die viele Institute in großer Zahl besassen. Nachdem dieser Mangel bei den zypriotischen Banken schnell offensichtlich wurde, folgte kurz danach noch ein weiterer Stresstest – der dann plötzlich zeigte, dass insgesamt 31 europäische Banken zusätzlichen Kapitalbedarf hatten und kurz vor der Krise standen. Das zeigt, dass auch Stresstests natürlich nicht unfehlbar sind – immer wieder kann es passieren dass man einzelne, manchmal sogar ganz offensichtliche Risiken vergisst, in die Szenarien miteinzukalkulieren oder zu berücksichtigen.

Seit 2014 werden die Stresstests wiederum von einer neuen Organisation durchgeführt. Federführend ist zwar immer noch die EBA in Verbindung mit der EZB, offiziell zeichnet seitdem für die Prüfungen aber der “Einheitliche Europäische Bankenaufsichtsmechanismus” (SSM) verantwortlich. Er ist seit 2014 das Aufsichtsorgan für die europäischen Großbanken. Als Großbank ist in diesem Fall eine Bank definiert, die mehr als 30 Milliarden Euro Bilanzsumme oder mehr als 20 % der Wirtschaftsleistung eines Landes aufweist. Der SSM ist offiziell der EZB unterstellt, mit seiner Gründung gab es auch einige Änderungen in Bezug auf den Europäischen Rettungsschirm und einiger anderer Rechtsgrundlagen in diesem Bereich. Aktuelle Stresstests werden also seit 2014 von dieser “EZB-Bankenaufsicht” zentral durchgeführt.

Die Ergebnisse 2014 waren besser als erwartet – von den insgesamt 130 überprüften Banken wurden nur 25 eine ungenügende Kapitalausstattung bescheinigt. Einige Unternehmen waren dabei schon auf dem Weg der Besserung, wie etwa die Münchener Hypothekenbank, so dass letztendlich nur europaweit 13 Banken beim Test durchfielen. Dabei handelte es sich gleich um eine ganze Anzahl von italienischen Banken, der Rest der Banken verteilte sich auf Griechenland, Österreich (ÖVAG), Slowenien, Frankreich und Portugal. Deutsche Banken hatten – bis auf den Fast-Durchfaller Münchener Hypothekenbank – alle bestanden und wiesen eine ausreichend hohe Eigenkapitalquote auf.

Der bislang letzte Stresstest für die Banken fand im Sommer 2016 statt. Auf die Ergebnisse, insbesondere für die deutschen Banken, und ihre Bedeutung, kommen wir weiter unten dann zu sprechen.

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Was bringen Stresstests überhaupt?

Nun, die Geschichte, und vor allem die weltweite Wirtschaftskrise 2007/2008 haben deutlich gemacht, dass unser Finanzsystem vielleicht doch nicht solide war, wie wir immer geglaubt hatten – und dass die bis dorthin aufgestellten Risikoabsicherungen bei Weitem nicht ausreichend wirksam waren. Das ist immerhin eine wichtige Erkenntnis – denn eine europaweite Bankenpleite hätte mit Sicherheit eine Vielzahl von Katastrophen zur Folge.

Andererseits muss man natürlich klar festhalten, dass kein wie auch immer geartetes Test-Szenario alle Möglichkeiten abdecken kann. Auf Banken warten viele Risiken, und viele riskante Entwicklungen die wohl auch der ausgiebigste Schwarzmaler nicht vorhersehen kann. Es zeigt aber immerhin, welche Entwicklungen bedenklich werden können, und welche Voraussetzungen Banken erfüllen müssen, um auch schwere weltweite Krisen ohne finanzielle Rettung durch die Staaten selbst abwettern zu können. Einige wichtige Risiken blieben aber bei den bisherigen Testbedingungen sicherlich noch unberücksichtigt. Über die nächsten Jahre hinweg kann man die Stresstests sicherlich aber noch ausweiten und noch mehr möglicherweise bedrohliche Szenarien in die Tests mit einfließen lassen und so die Stabilität und Solidität der Banken noch weiter ausbauen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Geschichte ist, dass man es denjenigen Analysten einmal “gezeigt” hat, die ständig moserten und praktisch kein gutes Haar an der europäischen Bankenlandschaft gelassen haben. Man konnte immerhin nun schwarz auf weiß belegen, dass es offensichtlich doch nicht so schlimm um die europäischen Großbanken steht.

Einschränkungen über die Aussagefähigkeit des Tests gibt es natürlich auch: man sollte – und das tut der Test in dieser Detailliertheit nicht – sich das Ergebnis eines Stresstests in Bezug auf eine einzelne Bank immer sehr genau ansehen. Wenn eine Bank dank massiver staatlicher Finanzspritzen vollgepumpt mit Geld ist, ist es natürlich kein Kunststück, einen nachfolgenden Stresstest zu bestehen – auch wenn die Bank an sich nicht unbedingt wirtschaftlich hoch solide ist. Ein unumschränktes Qualitätskriterium ist ein gutes Ergebnis bei einem Stresstest – bei all seiner Aussagekraft – also dennoch nicht.

Einen Punkt decken Stresstests überdies nicht ab: eine Staatspleite. Die Auswirkungen auf die Geldhäuser (und das sind wohl die meisten) die eine Anzahl von Staatsanleihen des Bankrott-Staates halten, wären katastrophal. Das ist ein durchaus entscheidender Punkt, den wir – gerade in der derzeitigen Lage – nicht übersehen sollten. Es MUSS den EU-Staaten gelingen, eine Staatspleite jedes Mal zu verhindern – bei Griechenland, bei Zypern, bei Spanien, bei Portugal, und wer da sonst noch so als Kandidat infrage kommt oder in Zukunft kommen könnte. Ansonsten kann man sich die Folgen wohl recht gut ausmalen – und sie würden kaum zu verhindern sein, im gesamten Euro-Raum.

Daneben gibt es durchaus auch massive Kritik und sehr viel Misstrauen von vielen gegenüber der Aussagekraft der Stresstests. Wie stichhaltig diese Kritik – oder wenigstens einiges davon – ist, lässt sich nur schwer nachvollziehen. Wenn man sich auf derart hohem Niveau streitet, und noch dazu über Interpretationen einzelner nur schwer zu fassender Punkte und Mechanismen, ist es kaum möglich, sich darüber schlüssig zu werden, was nun an Kritik berechtigt ist, und was nicht. Als Kleinanleger schon gar nicht.

Wir glauben, dass die Ergebnisse der Stresstests weitestgehend wohl stichhaltig sind – dass uns aber nichts und niemand restlos garantieren kann, dass es nicht irgendwann eine Krise gibt, die in der Lage ist, dennoch den halben Markt dahinzuraffen. Und die Gefahr, dass eine nicht mehr aufzuhaltende Staatspleite irgendwann einmal das System ins Wanken bringt, sehen wir auch, diesen Punkt sollte man zumindest bedenken und Maßnahmen in Erwägung ziehen. Alles andere wäre leichtfertig und blauäugig, zumal in der immer noch anhaltenden Eurokrise, in der wir uns die ganzen Jahre befinden. Im Großen und Ganzen aber geben die Stresstests immerhin ein wenig Sicherheit und zeigen immerhin den aktuellen Handlungsbedarf.

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Die Ergebnisse des Stresstests 2016

Beim Stresstest 2016 wurden – anders als 2014 – nur mehr 51 anstatt 130 Banken dem Test unterzogen. Der Test ist auch sehr viel einfacher angelegt als die vorhergehenden – man prüfte lediglich die Kennzahlen der Banken bei den prognostizierten Konjunkturdaten bis 2018 und gleichzeitig bei einem Szenario mit deutlich schlechterer Konjunktur. Eine weitere Einschränkung betraf die Auswertung der Testergebnisse. Anders als früher wurden keine Kernkapitalquoten als “Zielwerte” für die Banken festgelegt – damit konnte bei diesem Test auch keiner mehr “durchfallen”. Ob das so im Sinne des Erfinders war, wollen wir einmal dahingestellt lassen. Immerhin wurden die Kernkapitalquoten aber ermittelt.

Ein glattes Minus bei der Kernkapitalquote legte die italienische Monte die Paschi mit -2,4 Prozent hin – auch wenn man es nicht laut ausspricht ist das aber ein ganz offensichtliches “Durchgefallen”. Allerdings auch kein Wunder bei der Menge fauler Kredite, die der Bank schon seit Jahren am Bein hängen. Italien ist aber ohnehin schon seit Jahren das Sorgenkind – bei weitem nicht nur die Monte die Paschi, immerhin die größte der italienischen Banken. Nicht besonders gut sieht es auch für zwei irische Banken aus, und die Ergebnisse der spanischen Banco Popular gibt ebenfalls Anlass zur Sorge. Die österreichischen Banken RZB wird im Krisenfall wohl auch heftig zu kämpfen haben und sich auf riskantem Terrain bewegen, die Erste Group liegt im Vergleich der Banken auch weit hinten.

Recht viel Kritik mussten auch die deutschen Banken einstecken. Commerzbank und Deutsche Bank liegen in der Nähe der letzten Plätze und zeigen ein sehr schwaches Ergebnis. Auch wenn die Banken selbst das bestreiten. Aber immerhin hat man sich beim IWF schon einmal dazu verstiegen, die Deutsche Bank als “die gefährlichste Bank der Welt” zu titulieren. Einige Banken schnitten dagegen recht gut ab – etwa die NRW.Bank mit einem recht guten Ergebnis auch im Stress-Szenario. Die beiden Sorgenkinder Deutsche Bank und Commerzbank sind aber leider eben auch die größten Banken des Landes. Auch im Krisenfall schafft man zwar noch eine Kernkapitalquote von 7 % – aber gerade noch so. Vereinzelte Analysten haben zwar von einem “Dritte-Welt-Niveau” bei den Ergebnissen in Deutschland gesprochen – allerdings eben nur vereinzelte. Ganz so dramatisch ist es nun nicht.

Allerdings gab es wie immer auch ziemlich viel Kritik am Stresstest – die Bedingungen wären viel zu positiv angesetzt worden, die Auswahl der Banken sei viel zu gering und es sei keine Bank aus einem der echten Krisenländer – wie Griechenland oder Portugal – mit getestet worden. Zudem wäre auch die Zinsentwicklung als viel zu positiv angesetzt worden, wo doch gerade die niedrigen Zinsen auch jetzt schon die größte Herausforderung für die Banken sind. Auch dem Risiko einer möglichen Staatspleite und den daraus resultierenden Auswirkungen wurde diesmal wiederum keine Beachtung geschenkt.

Alles in allem ist das Vertrauen in den Bankensektor in Europa wohl jetzt kaum massiv gewachsen – aber zumindest für viele ein wenig. Viele der möglichen Krisen können die europäischen Banken wohl so schlecht und recht noch abwettern – und wenn einzelne nicht mehr können, springen dann eben wieder Staat und Steuerzahler ein. Wie gehabt also.

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