Behavioral Finance: Der trickreiche Mental Accounting Effekt

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Behavioral Finance: Der trickreiche Mental Accounting Effekt

Behavioral Finance ist die Wissenschaft, die uns hilft, psychologische Fallen zu erkennen, in die wir bei Anlageentscheidungen und allgemein bei Finanzentscheidungen gerne tappen. Solche Fallen gibt es viele – in unserer kleinen Serie wollen wir uns heute einmal dem Mental Accounting Effekt widmen, der uns oft genug zu recht irrationalen Entscheidungen bei unseren Finanzen führen kann.

Rationalität und Irrationalität bei finanziellen Entscheidungen

Vielfach sind Entscheidungen, die wir als “vernünftig” und “sinnvoll” halten, oft alles andere als das – und schon gar nicht rational. Wir tappen gerne in die Falle unserer eigenen, verzerrten Wahrnehmungen und Bewertungen – und halten dann sehr irrationale Entscheidungen für einen vernünftigen Weg zu handeln.

Neben unserem rationalen, kühl rechnenden Verstand haben wir immer auch noch eine “innere” Wahrnehmung von Dingen – und die kann häufig sehr verzerrt sein. Wie stark uns solche Verzerrungen oft beeinflussen können, zeigt auch deutlich der Hyperbolic Discounting Effekt, den wir schon an anderer Stelle beschrieben haben. Hier wird deutlich, dass wir Geldbeträge oft völlig unterschiedlich von ihrem wahren, rechnerischen Wert wahrnehmen – und uns nur mit Mühe dagegen wehren und zu einer rationalen Sichtweise gelangen können. Ein anderer, mindestens ebenso trickreicher Effekt, der uns gerne in die Falle lockt, ist der Mental Accounting Effekt.

Wie der Mental Accounting Effekt funktioniert

Wir müssen Geldbeträge immer auf einen eigenen, inneren mentalen Rahmen beziehen, um zu Entscheidungen zu kommen. Wie stark dieser innere Rahmen dann das Ergebnis der Entscheidung bestimmt, ist den meisten nicht bewusst – und damit tut sich hier eine sehr perfide psychologische Falle auf, in die wir im Alltag immer wieder tappen.

Mental Accounting bedeutet im Einzelnen, dass wir quasi “mentale Budgets” für unser Finanzgebaren vorsehen. Wird eines dieser außerhalb der Realität existierenden Budgets überschritten, reagieren wir plötzlich irrational.

Was das bedeutet, kann man am besten anhand eines Beispiels illustrieren:

Wir überlegen uns zwei Situationen und sehen uns dann die Reaktionen der Masse in diesen Situationen an.

Im ersten Fall schicken wir die Menschen gedanklich auf ein Rockkonzert – die Eintrittskarte kostet 20 Euro. Wir erzählen nun den Menschen, dass sie auf dem Weg zum Konzert einen 20-Euro-Schein verlieren. Ein großer Teil der Menschen, insgesamt 88 %, würden das Rock-Konzert trotzdem besuchen.

Im zweiten Fall fragen wir Menschen, ob sie sich ein neues Ticket für 20 Euro kaufen würden, wenn sie auf dem Weg zum Konzert das Ticket verlieren würden. Das verneinen viele Menschen plötzlich – nur noch 46 % der Menschen wären dazu bereit.

Warum ist das so? Denken Sie einmal genau (und vor allem rational) nach: Im ersten Fall haben Sie 20 Euro bereits ausgegeben, einen weiteren 20-Euro-Schein haben Sie verloren. Ihr Minus beträgt also 40 Euro für das Rockkonzert und die Fahrtkosten, die wir hier einmal mit beispielhaft 10 Euro ansetzen wollen. Gesamt-Minus also 50 Euro, und Sie haben das Rockkonzert gesehen.

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Im zweiten Fall haben Sie die Fahrtkosten bereits ausgegeben, das erste Ticket für 20 Euro haben Sie verloren. Ein zweites Ticket möchte aber nur noch die Hälfte der Menschen kaufen – obwohl der Verlust dann genauso hoch wie im ersten Beispiel wäre – nämlich 50 Euro.

Warum ist das so?

Die Antwort ist ganz einfach: Wir haben zuvor ein “mentales Budget” für das Rockkonzert vergeben, nämlich 30 Euro (20 Euro für das Ticket, 10 Euro für die Fahrtkosten).

Wird dieses “mentale Budget” überschritten, weigern wir uns, Geld “nachzuschießen” – obwohl wir im ersten Beispiel jederzeit dazu bereit sind, den Verlust einfach hinzunehmen. Unser mentales Budget aber SELBST zu überschreiten, dazu sind wir nicht bereit.

Nun stellt sich aber die Frage, ob die Entscheidung aus dem zweiten Beispiel tatsächlich rational ist. Wir haben hier nämlich bereits die 10 Euro für die Fahrtkosten ausgegeben – dieser Verlust ist bereits eingetreten. Sind wir nicht bereit, weitere 20 Euro zuzuschießen, um ein neues Ticket zu erwerben, bleibt das ein absoluter Verlust – wir sehen das Rockkonzert dann nicht und haben somit GAR KEINEN GEWINN. Würden wir die 20 Euro zuschießen, würden wir immerhin das Rockkonzert sehen – es wäre lediglich teurer (nämlich genauso teuer wie im ersten Fall, wo uns das ganz offensichtlich nicht stört).

Dadurch, dass wir so rigide und unflexibel mit unseren “inneren Budgets” umgehen, erleiden wir am Ende tatsächlich Verlust – obwohl wir in einer anderen Situation bereit wären, die Gesamtkosten zu bezahlen.

Zugegeben, mentale Konten und Budgets machen manchmal Sinn – in vielen Fällen können sie aber auch ein Hindernis sein, weil wir nur immer das einzelne mentale Konto (30 Euro für das Konzert, keinen Pfennig mehr) sehen, aber nicht das Gesamtbild. Darin liegt die perfide Täuschung des Effekts. Wir sehen nicht mehr das “ganze Bild”, über alle unsere mentalen Konten hinweg.

Was bedeutet das für Geldanlagen?

Nun wird es Zeit, den Effekt im Hinblick auf Finanzentscheidungen, und vor allem im Hinblick auf Anlage-Entscheidungen zu betrachten:

Menschen teilen, und das ist sehr sinnvoll, ihre Anlagen häufig nach “sicheren” und “riskanten” Anlagen auf. Das heißt, es gibt eine gewisse Menge an Geld, die sehr sicher angelegt werden soll – etwa Geldbeträge, die für das neue Auto oder das Haus angespart werden, die eigene Altersvorsorge oder Geld, das für die Ausbildung der Kinder zurückgelegt werden soll.

Auf der anderen Seite gibt es Geld, dass man erübrigen kann, um damit höhere und spekulative Risiken einzugehen. Geldbeträge, bei denen ein Totalverlust keine Katastrophe bedeuten würde, weil man es im Grunde entbehren kann. Hier ist man oft bereit auch sehr hohe Risiken einzugehen.

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Diese Konstellation ist eigentlich rechnerisch nicht optimal. Auf der einen Seite gehen wir sehr wenige Risiken ein und beschneiden damit unsere mögliche Rendite, auf der anderen Seite (auf dem “Spielgeld-Konto”) gehen wir dagegen sehr hohe Risiken ein, um den Verlust an möglicher Rendite auf der anderen Seite wieder wettzumachen.

Wo liegt das Problem?

Gegen Streuung und Risikoabsicherung bei den eigenen Finanzen ist nichts zu sagen. Das ist im Grunde eine sehr sinnvolle Maßnahme, und das Einteilen unserer Rücklagen in verschiedene “Unterkonten”, bei denen wir unterschiedlich hohe Risiken einzugehen bereit sind, erscheint auf den ersten Blick sinnvoll.

Mathematisch betrachtet ist es das aber nicht. Würden wir unser gesamtes Geld IM GANZEN betrachten und alles gleichmäßig mit einem mittleren Risiko anlegen, wären über die Gesamtsumme hinweg sowohl das insgesamte Risiko kleiner als auch die insgesamte Rendite höher.

Die Schwarz-Weiß-Trennung in

1.hier darf auf keinen Fall irgendetwas verloren gehen und
2. hier darf notfalls auch alles verloren gehen

ist eine suboptimale Risikostrategie – und auch eine suboptimale Gewinnstrategie. Den wenigsten ist das allerdings bewusst. Das liegt daran, dass sie – wie in unserem Beispiel – lediglich ein einzelnes Konto auf einmal betrachten, aber niemals ihr “Gesamtbudget”.

Warum wir fast zwangsläufig in diese Falle tappen

Genau genommen unterstützt die Welt unserer Finanzprodukte diese “mentale Kontierung” unseres Vermögens auch noch – und zwingt uns beinahe, uns immer auf die Betrachtung mentaler Konten zu beschränken.

Wir haben ein Sparbuch für das Haus, ein anderes Finanzprodukt für die eigene Altersvorsorge, drei verschiedene Vorsorgeverträge für die Kinder, eine Kapital-Lebensversicherung, und noch ein paar einzeln herumfliegende Anlagen, die wir wiederum besonderen “Zwecken” zugeordnet haben. Mit dem Rest des Geldes können wir es uns leisten, hoch riskant zu spekulieren.

Hier gilt aber genau das eben Gesagte: Würde man das
Risiko und die Rendite zwischen dem “Spielgeld” und den “wichtigen” Anlagezwecken gleichmäßig verteilen, wäre sowohl das Anlageergebnis deutlich höher als auch das Gesamtrisiko deutlich kleiner.

Um das richtig zu verstehen: Wir plädieren hier keinesfalls darauf, das gesamte Vermögen in EINE Anlage zu stecken. Das würde das Risiko vervielfachen.

Es geht vielmehr darum, nicht UNTERSCHIEDLICHE Risikobereitschaft für unterschiedliche Konten zu vergeben, sondern ein sinnvolles und erträgliches Risiko ÜBER DAS GESAMTE VERMÖGEN zu ermitteln – und dieses Risiko auf JEDEN EINZELNEN Anlagezweck anzuwenden.

Das Ergebnis würde dann insgesamt deutlich höher ausfallen, weil suboptimale Anlageformen wegfallen. Hoch riskante “Spielgeld-Anlagen” würden damit wegfallen, die höheren Risiken würden bei jeder einzelnen Anlage dann durch die höheren Gewinne wegfallen.

Wir erinnern uns an die Anlage-Pyramide:

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hohes Risiko -> hohe Gewinne
hohe Sicherheit -> niedrige Rendite

Ziel: ein Gleichgewicht zwischen Risiko und Rendite, das den eigenen finanziellen Zielen gerecht wird.

Alles was uns dabei im Weg steht, ist nur der Mental Accounting Effekt, der uns oft dazu verleitet, durch die getrennte Betrachtung suboptimale Entscheidungen zu treffen.

Wie kann man dem Mental Accounting Effekt am besten begegnen?

Unser Geld in “Budgets” einzuteilen macht Sinn, weil es unsere finanziellen Bedürfnisse überschaubar macht. Von dieser Betrachtungsweise müssen wir uns aber für einen Moment lösen.

Formulieren Sie Ihre finanziellen Ziele einmal unabhängig von einzelnen Anlagen: wie viel Geld soll wann für die Ausbildung der Kinder zur Verfügung stehen, wie viel Geld brauchen Sie wann für das Haus, das neue Auto oder einen geplanten Umbau. Wie viel Geld wollen Sie zu welchem Zeitpunkt mindestens für Ihre Altersvorsorge zur Verfügung haben?

Dann zählen Sie die Beträge, die Sie zu den jeweiligen Zeitpunkten benötigen, einfach zusammen. Das ist Ihre “Baseline” – die Angabe, wie viel Geld Sie zu welchen Zeitpunkten INSGESAMT erwirtschaftet haben sollten.

Legen Sie fest, wie viel Sie monatlich INSGESAMT zurücklegen können, und rechnen Sie nach, welches Risiko Sie sich INSGESAMT erlauben können, um Ihre Ziele mit diesen Rücklagen noch erreichen zu können. Berücksichtigen Sie dabei natürlich auch, welche Menge an Rücklagen Sie bereits haben.

Nun können Sie sich mit Ihren “Basiswerten” auf die Suche nach passenden Anlagemöglichkeiten machen: Sie kennen den Betrag, den Sie veranlagen wollen – und das maximale Risiko, dass Sie sich leisten können. Damit sollte es ein leichtes sein, passende Anlagemöglichkeiten zu finden.

Dann sollten Sie das Risiko streuen, indem Sie Ihr Geld auf möglichst breit gefächerte Anlageformen verteilen – allerdings alle mit EINEM ANNÄHERND GLEICHEN RISIKO.

Das ist zwar wesentlich komplizierter als einfach Geld auf einzelne “Unterkonten” zu verteilen und sich nicht mehr darum zu kümmern – die Gesamt-Methode ist aber auch wesentlich erfolgreicher.

Wie viel Geld Sie jeweils entnehmen können, ohne Ihre Anlageziele nicht zu gefährden ergibt sich dann recht schlüssig aus Ihrer Baseline-Planung für die einzelnen Zeiträume. Auf diese Art und Weise werden Sie Ihre Gesamtziele sicherlich leichter und schneller erreichen und möglicherweise deutlich mehr Vermögen aufbauen, als Sie mit nach Zweck getrennten Veranlagungen erreichen könnten.

Übrigens: Auch die KOSTEN für Ihre Anlagen sollten Sie nie unberücksichtigt lassen. Alles, was Sie an Kosten sparen, zählt letztendlich zum (mit Zinseszinsen verzinsten) Gewinn. Machen Sie deshalb auch auf jeden Fall unseren individuellen Broker-Vergleich und sehen Sie nach wo Sie Ihre Kosten (und damit Ihre Gewinne) noch weiter optimieren können.

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One Comment

  1. Hallo,
    sehr interessanter Artikel auch sehr ausführlich. Der angesprochene Effekt hat ja auch etwas mit der Vermögensstruktur zu tun, Hierzu habe ich einen Artikel geschrieben.
    http://www.110prozent.club/rendite-durch-vermoegensstruktur/
    Liebe Grüße
    Henning

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