Hyperinflation in Venezuela – woran liegt das und könnte uns das auch einmal treffen?

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Hyperinflation in Venezuela – woran liegt das und könnte uns das auch einmal treffen?

Ein Dritel des Monatslohns für eine kleine Packung Eier. Und das war letzte Woche, Mittlerweile sind die Preise schon wieder gestiegen. In Venezuela explodiert die Inflation – nicht mehr lang und das Land ist völlig am Ende und die Menschen werden an riesigen Hungersnöten zu sterben drohen. Nichts funktioniert mehr ohne funktionierende Währung – ein Horror-Szenario. Woran es liegt, dass solche Hyperinflationen überhaupt auftreten können und welches Risiko besteht, dass es auch uns in Europa einmal so gehen könnte, wollen wir in diesem Beitrag einmal erläutern.

10.000.000 Prozent Inflation in Venezuela

In Deutschland liegt die Inflationsrate aktuell bei 1,6 %. Das ist keine gute Nachricht für traditionelle Sparer, bei den gerade üblichen Zinssätzen von 0,5 % und weniger wird gespartes Geld von Jahr zu Jahr um 1 % weniger wert – aber das ist sicher noch für niemanden existenzbedrohend. In Venezuela liegt die Inflationsrate aktuell bei einem unglaublichen Wert von 10 Millionen Prozent. Ende des letzten Jahres lag sie noch bei (ebenso erschreckenden) 1,73 Millionen Prozent.

Im Klartext bedeutet das, dass Lebensmittel von Jahr zu Jahr um das Hunderttausendfache teurer werden – wenn die Situation nicht noch weiter ansteigt. Rechnerisch kann man das gar nicht mehr fassen – man braucht es auch nicht, da es in der derzeitigen Lage völlig sinnlos ist, überhaupt noch ausrechnen zu wollen, was ein Kilo Brot theoretisch nächstes Jahr ksoten würde. Man müsste vermutlich sein Haus dafür verkaufen – oder besser zwei. In der kühlen Fachsprache der Währungsexperten nennt man so etwas „totalen Kaufkraftverlust“. So kann man es natürlich auch ausdrücken. Die genauen Zahlen sind tatsächlich nur grobe Schätzungen des IWF sein können, denn eine Inflation in diesem Ausmaß kann man gar nicht mehr berechnen. Ob aber nun 5 Millionen Prozent oder 10 Millionen Prozent bleibt wohl egal – einen totalen Kaufkraftverlust bedeutet es in jedem Fall.

Wo liegen die Gründe für die katastrophale Inflation?

Immerhin ist Venezuela das ölreichste Land der Welt – und Öl verkauft sich noch immer ganz gut auf dem Weltmarkt. Es ist also durchaus Potenzial da. Trotzdem schrumpfte die Wirtschaftsleistung in den letzten drei Jahren um jeweils zweistellige Prozentwerte jedes Jahr. Außer Öl lief anscheinend nicht viel in Venezuela. Probleme gibt es in dem Land im Grunde aber schon seit 2013. Schon ein Jahr später lag die Armutsquote im Land über 50 %, vor zwei Jahren überschritt sie die 80%-Schwelle.

Im Fall von Venezuela schützt also ein immenser Ölreichtum eine Volkswirtschaft anscheinend nicht davor, sich komplett zu ruinieren – innerhalb weniger Jahre. Es fehlt hier nicht an den Möglichkeiten – aber ganz offensichtlich am vernünftigen Umgang damit. Die Krise ist zu großen Teilen wohl hausgemacht.

Ein großes Problem in Venezuela waren die hohen Benzinsubventionen. Für das Volk war eine ganze Tankwagenladung Benzin günstiger als eine Flasche Wasser – es war quasi kostenlos. Wer Devisen hatte, konnte mit einem US-Dollar zuletzt 600.000 Liter Benzin kaufen. Vor Preisanpassungen hatte die Regierung Angst – das hätte Aufstände gegeben. Also beließ man die Subventionen für Benzin wie sie waren. Waren des täglichen Bedarfs subventionierte man in Venezuela nie – dafür hätte weder das Geld gereicht, noch hätte man das gewollt, man hatte mit dem subventionierten Benzin ohnehin schon genug zu kämpfen.

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Ein weiteres Problem ist die hohe Staatsverschuldung Venezuelas. Schon zu Beginn der Krise lag sie bei über 60 Milliarden USD oder rund der Hälfte des BIP. Um sich zu finanzieren wurden vom Staat und der zum Staat gehörenden Erdölgesellschaft Anleihen im Wert von 110 Mrd USD aufgelegt, aus denen sich wegen der hohen Risikozinsen nun Forderungen von über 170 Mrd USD ergeben. Venezuela steht also nicht vor, sondern schon längst hinter dem Staatsbankrott. Zumal es natürlich kaum mehr Wirtschaftsleistung gibt, weil niemand mehr arbeitet. Zwar hat die Regierung in einem symbolischen Akt eine Reihe von Ladenbesitzern wegen „Wucherpreisen“ ins Gefängnis werfen lassen – die armen Händler verlangten allerdings nur, was angesichts der Inflation als eingermaßen angemessener Preis angesehen werden konnte. Trotz der katastrophalen Lage hielt Venezuela auch noch eisern daran fest, die fälligen Zahlungen an die Gläubiger zu leisten – obwohl sich die Situation im Land immer weiter verschlechterte. Da schien wohl jemand in der völlig aussichtslosen Lage zu glauben, das Ruder noch herumreißen zu können und seine Schulden brav bezahlen zu können. Andere Quellen vermuten, dass man einfach an Dollars kommen musste, um die Loyalität der Armee zu kaufen und einen drohenden Sturz der Regierung zu verhindern. Der wird jetzt allerdings ohnehin höchstwahrscheinlich unausweichlich sein.

Die Versuche der Regierung, die Inflation zu stoppen und den kompletten Verfall der Währung zu verhindern, sind gescheitert – obwohl man dabei auf durchaus kreative und sehr moderne Methoden wie die Kryptowährung Petro zurückgriff. Vermutlich hat aber genau dieser Schritt nur zu einer weiteren Verschärfung der Währungskrise geführt. Im Sommer 2018 hatte man Gehälter, Löhne, Preise und der Wechselkurs des Landes an die staatlich unterstützte Kryptowährung gekoppelt. Den Mindestlohn hatte man zu dieser Zeit um 3.000 % erhöht und bei der Landeswährung Bolívar gleich einmal 5 Nullen gestrichen.

Wie Experten schon im Sommer befürchteten, waren diese Maßnahmen völlig kontraproduktiv. Die Inflation galoppierte weiter – und diesmal noch schneller. Bis die Prognosen für dieses Jahr bei 10 Millionen Prozent landeten und Venezuela den totalen Kaufkraftverlust bescheinigten. Bei einem Land, das für Lebensmittel und Medikamente praktisch ausschließlich auf Importe angewiesen ist, funktioniert das nicht – allem Optimismus zum Trotz. Das Ruder herumzureißen funktioniert nicht mehr. Es ist die traurige Geschichte eines Landes, das mit seinen riesigen Ölvorkommen eines der reichsten der Welt sein müsste – und nun zu einem der ärmsten Länder der Welt gehört.

Woher kommen Hyperinflationen?

Auch ein anderes Land hat es letztes Jahr erwischt: Simbabwe. Dort schritt die Hyperinflation so schnell voran, dass man keine andere Möglichkeit sah, die Währung 2015 einfach komplett abgeschafft und durch den US-Dollar ersetzt. Seit 2008 war die Inflation dort zwischenzeitlich immer wieder einmal auf 90 Trilliarden Prozent (eine Zahl mit 21 Nullen) angestiegen. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, immer wieder neue Generationen der alten Währung Simbabwe-Doller aufzulegen, wobei jedes Mal vier bis fünf Nullen der Währung gestrichen wurden, gab di Regierung schließlich auf.

Es stellt sich allerdings die Frage, woher solche unglaublichen Hyperinflationen überhaupt kommen und was die Ursachen dafür sind. Eine feste Definition des Begriffs gibt es nicht einmal, in der Praxis hat es sich aber eingebürgert, aber einer monatlichen Inflationsrate von 50 % (13.000 % jährlich) von Hyperinflation zu sprechen.

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Grund für das Auftreten von Hyperinflationen ist zunächst einmal das sogenannte Fiatgeld. Fiatgeld sind Währungen ohne echten inneren Wert – also genau das Gegenteil von durch eine gewisse vorhandene und im Staatsbesitz befindliche Goldmenge gedeckte Währung. Früher war das so üblich und auch der US-Dollar awr durch die US-Goldreserve in Fort Knox immer zumindest weitgehend gedeckt. Davon kam man nach dem Beginn des 20. Jahrhunderts immer mehr ab – Geldscheine hatten nur mehr symbolischen Wert, die im Umlauf befindliche Geldmenge war aber bei Weitem nicht mehr durch irgendwelche realen Werte gedeckt.

Wäre in früheren Zeiten die Inflation zu hoch geworden, hätte man einfach von der Währung Abstand genommen und wäre zu ungeprägten Edelmetallen wie Gold oder Silber oder zu Naturalwerten ausgewichen. Heute geht so etwas nicht mehr, weil unsere Geldmenge längst nicht mehr gedeckt ist. Ein schlichter Wechsel auf andere Zahlungsmittel wie Naturalwerte oder Gold wäre in unserer heutigen, komplexen Welt auch gar nicht erst denkbar. Fiatgeld ist also die eine Ursache, dass Hyperinflationen auftreten können.

Die andere Ursache ist immer der Staat. Staaten haben schon einmal weniger Einnahmen als sie Ausgaben haben, das kommt vor – selbst in den reichen Ländern. Dieses Defizit kann ein Staat leicht decken, indem er Anleihen auflegt. Setzt allerdings eine Inflation ein, wird auch der Wert der Anleihen kleiner, da sich die Anleihen von ihrem Nominalwert ja nicht verändern, die selbe Menge Geld aber weniger Wert hat. Der Kapitalgeber verliert also an realem Wert, zudem macht sich Unsicherheit breit. Um diese Verluste an realem Wert wettzumachen, werden von neuen Anleihe-Gläubigern höhere Zinsen auf die Anleihen verlangt. Eine schon verschuldete Regierung kann das kaum mehr bezahlen und muss, um den Forderungen überhaupt nachkommen zu können, neue Anleihen auflegen – das heißt neue Schulden zu machen, um die alten damit bezahlen zu können. Je mehr ein Staat dabei in die Misere rutscht, desto mehr schwindet das Vertrauen in die Währung – und desto höher werden die Zinsen. Eine nicht mehr endende Schuldenspirale beginnt, die nur durch sinnvolle Maßnahmen der Regierung gestoppt werden kann – nicht aber durch völlig ungeeignetes Handeln wie in Venezuela.

Im Zuge der Hyperinflation flüchten viele Bürger natürlich in Sachwerte oder fremde Währungen – trotz Devisenbescränkungen und anderen Maßnahmen der Regierungen. Das heizt eine Inflation meist noch weiter an – aber kein Bürger schaut eben gerne zu, wenn die Kaufkraft seines Geldvermögens dahinschmizt wie Eis in der Sonne. Das kann man wohl kaum jemandem vorwerfen. Lösen kann solche Krisen nur der Staat, da er es mit seiner Wirtschaftspolitik ist, der sie überhaupt erst hervorgerufen hat.

Kann es auch in Europa eine Hyperinflation geben?

Bevor wir uns einmal in unserer natürlichen Überlegenheit gegenüber allen armen Völkern auf dem Erdball sonnen und lächelnd abwinken, sollten wir uns einmal die nackten Zahlen ansehen. Die Staatsverschuldung in Europa hat sich trotz der Niedrigzinsphase nicht verringert – bei vielen Euro-Staaten liegt sie auf einem Niveau, das einem Angst machen kann. Die Jahre der Niedrigzinsen hätten es Regierungen eigentlich leicht möglich gemacht, durch den Wegfall an Zinszahlungen die Schulden ein wenig abzubauen – das Gegenteil ist allerdings eingetreten. Zu den gefährlichen Schuldnern gehört nicht etwa nur Griechenland oder das jüngst arg geschundene Italien – auch viele andere Euro-Staaten sind schuldenmäßig ziemlich übel dran – vor allem wenn man die Verschuldung in Beziehung zum jeweiligen BIP setzt.

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Die Wirtschaftsleistung in der Eurozone ist seit Jahren mau, von Wachstum ist kaum etwas zu merken. Kommt etwas Hoffnung auf, geht es gleich wieder bergab. Handelskriege, schleppende Konjunktur und eine insgesamt kaum in Schwung zu bringende Wirtschaft drücken die Zahlen seit Jahren. Die Senkung der Leitzinsen hat daran nichts geändert. Nun müssen sie auch auf diesem Niveau bleiben – denn eine Anhebung der Leitzinsen würde viele Staaten in der Eurozone in ernste Schwierigkeiten bringen, da sie die Zinszahlungen bei steigenden Leitzinsen nur mit allergrößter Mühe stemmen könnten. Auch hier geht es bei Weitem nicht nur um Italien oder Griechenland.

Durch den Euro, die gemeinsame Währung, sind alle diese Staaten in ihrem Schicksal auf Gedeih und Verderb zusammengeschweißt. Das bedeutet auch, dass wenn ein Staat in die Pleite rutscht, kann das einen Domino-Effekt auslösen und viele andere Staaten mit in den Abgrund ziehen. Ob die anderen Staaten es dann noch wirtschaftlich schaffen, den Euro mit ihrer Wirtschaftsleistung trotzdem hochzuhalten, ist fraglich – zumal es nur einige wenige wirklich „starke“ Volkswirtschaften im Euro-Raum gibt. Auf die Wirtschaftsleistung von Bulgarien oder Rumänien braucht dabei keiner zählen – die retet niemanden. Am Ende würde es, wenn es tatsächlich zu einer Pleite großer europäischer Banken oder einiger bereits jetzt schon gefährdeter Staaten kommt, wohl sehr, sehr eng werden für uns alle. Italien als drittgrößte Volkswirtschaft würde auf jeden Fall alle mit in den Abgrund reißen – der Rest von Europa wäre auch mit allen Anstrengungen nicht in der Lage, das wettzumachen oder gar Italien „zu retten“.

Es gibt also keinen Grund, uns in Europa, milde lächelnd über südamerikanische Unfähigkeit, zurückzulehnen und sich über unsere Sicherheit zu freuen. Vielmehr sollte sich die EZB ernsthaft anstrengen, die Lage in Europa zu verbessern, die Staaten sollten sich ernsthaft bemühen, ihre Wirtschaftsleistung anzukurbeln und ihre Schulden abzubauen und die Wirtschaftspolitik in Europa sollte lieber nicht auf ein „Europa der großen Mega-Konzerne“ setzen. Mangelnder Wettbewerb in weiten Bereichen und die Auslagerung von Arbeitsplätzen überallhin nur nicht in Europa wird wahrscheinlich nicht unbedingt das beste Rezept sein, um uns sicher fühlen zu können. Und vor allem müssen die Staaten ihre Hausaufgaben endlich einmal beginnen, müssen anfangen, auch einmal von den Großkonzernen, die es heute schon gibt, realistische Steuern einfach einzufordern und ihre waghalsigen Deals mit Steuererleichterungen endlich einmal beenden. Erst dann können wir uns sicher fühlen – für länger.

Auch wenn das Gespenst der drohenden Hyperinflation derzeit noch in anderen Teilen der Welt spukt: WIR haben uns in Europa öfter schon einmal kräftig verrechnet – und zu vielen Zeiten an vielen Orten auch nicht weniger hilflos und fahrig reagiert als Präsident Maduro in den letzten Jahren. Vorsicht und Achtsamkeit in Gelddingen sei den Regierungen der EU also durchaus auf die Fahnen geschrieben.

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