Neue Seidenstraße

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Die Neue Seidenstraße: Wird sie tatsächlich die Welt, wie wir sie kennen, verändern?

Selten war ein Vorhaben so teuer: Fast eine Billion Dollar soll Chinas „Neue Seidenstraße“ kosten – und an eine uralte Erfolgsgeschichte anknüpfen. Sieht man sich die Pläne an, könnte dieses Projekt – offiziell „One Belt, One Road“ genannt – tatsächlich die Welt verändern, wie wir sie heute kennen. Von vielen Seiten kommt allerdings auch Kritik an diesem Projekt der Superlative, und vor allem an seinen Auswirkungen auf lange Sicht. Wir werfen einmal einen eingehenden Blick auf die „Neue Seidenstraße“, die als Projekt häufig kaum wahrgenommen wird, obwohl sie auch Deutschland massiv betrifft.

Der Umfang des Projekts „Neue Seidenstraße“

Die antike Seidenstraße war ein riesiges Handelsnetzwerk, das bis in die Bronzezeit zurückreicht, möglicherweise sogar noch viel weiter. Schon damals war die Seidenstraße der bedeutendste Handelsweg weltweit – verantwortlich nicht nur für den Transport von Gütern, sondern auch für einen wichtigen Technik- und Kulturtransfer und die Ausbreitung von Religionen. Schon das antike römische Reich profitierte von diesen uralten Handelswegen, die wahrscheinlich die ältesten Fernwege der Menschheit sind. Der Buddhismus gelangte über sie von Indien nach China und Christentum und Judentum zu uns, genauso wie die Kunst der Metallverarbeitung, die das Ende der Steinzeit einläutete. Vermutlich gab es auch schon in der Steinzeit eine Menge Kultur- und Wissenstransfer, aber das erschließt sich uns heute leider nicht mehr. Überreste blonder und blauäugige Menschen, die tief in der Wüste Zentralasiens gefunden wurden, deuten darauf hin, dass die Routen der alten Seidenstraße schon viele tausend Jahre vor Christi Geburt wie selbstverständlich genutzt wurden.

Das Projekt „Neue Seidenstraße“ hat in seinem geplanten Endausbau ganz ähnliche Dimensionen für die Menschheit: 70 Länder sind daran beteiligt, insgesamt betrifft das Projekt fast 60 % der Menschheit und 35 % der Weltwirtschaft. Schon in naher Zukunft könnten über 40 % des gesamten Welthandels über die Neue Seidenstraße abgewickelt werden – auf den Seerouten haben wir dieses Handelsvolumen bereits erreicht. Europa, Asien und Afrika würden viel näher zusammenrücken. Das könnte tatsächlich die Welt ein weiteres Mal verändern – so wie das die Entdeckung der ersten Handelswege zwischen Ost und West bei den frühen Steinzeitkulturen gemacht hat und später wieder bei Marco Polo, als er die Route wiederentdeckte und wiederbelebte.

Landroute und Seeroute

Anknüpfend an den Verlauf der Handelswege aus der historischen Zeit soll es auch heute wieder Land- und Seewege geben.

Die Verbindungen auf dem Landweg führen in der einen Richtung nach Bangladesch, Indien und Myanmar, auf der anderen Seite über die Indochinesische Halbinsel bis nach Malaysia, Singapur und Indonesien. Eine Verbindung reicht von der Mongolei bis nach Russland, eine andere weit nach Pakistan hinein, Zentralasien wird mit Westasien verbunden und die für uns vielleicht wichtigste Route verbindet Asien mit Europa auf dem Landweg.

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Eine der Hauptrouten verläuft von China über Kasachstan, Russland, die Ukraine weiter über die Slowakei bis nach Mitteleuropa. Am Ende der 11.000 km langen Route liegt Duisburg.

Der Seeweg, die sogenannte „maritime Seidenstraße“, verbindet China und die südostasiatischen Länder mit dem Mittleren Osten, mit Ostafrika und mit Europa. Seit diesem Jahr ist Italien als erstes europäisches Land direkter Partner beim maritimen Projektteil der Seidenstraße. Mittlerweile verbindet die Route die bedeutendsten und die größten Containerhäfen weltweit.

Wir neigen dazu, den Landweg, vielleicht auch als Reminiszenz an den berühmten Marco Polo, als bedeutsamer einzustufen – tatsächlich haben die Landrouten gerade für den Handel aber eher eine untergeordnete Bedeutung. Für ihn sind vor allem die Seerouten der maritimen Seidenstraße bedeutsam.

China erweitert seine Interessens-Sphäre

Natürlich liegen dem Mammutprojekt wirtschaftliche Interessen vonseiten Chinas zugrunde. Das kann man unschwer übersehen – und das ist auch legitim. China möchte nach einer langen Geschichte der weitgehenden Abschottung von fremden Einflüssen wieder in vollem Umfang am Weltmarkt teilnehmen und eine möglichst wichtige Rolle im Welthandel spielen.

China ist ein Land mit enormem Potenzial – und das möchte es auch entsprechend ausspielen. Es geht dabei allerdings nicht nur ausschließlich um Geld. China möchte sich auch öffnen, legt Wert auf den Technologie-Transfer von China nach Europa, auf die Ausbreitung chinesischer Kultur und Lebensart ebenso wie auf die Ausbreitung chinesischer Standards und das Knüpfen von engen und zuverlässigen Kontakten in Afrika, Europa und innerhalb Asiens.

Im Zuge dieser Bemühungen entsteht auch viel Gutes: So erreichte China in Afrika innerhalb weniger Jahre etwas, das dem Westen in Jahrzehnten nicht gelang: In vielen afrikanischen Ländern entsteht nun endlich überhaupt eine Art Infrastruktur, mit chinesischer Hilfe werden wie in Sambia oder Ghana Staudämme errichtet, Zugstrecken gebaut, Straßen, Flughäfen und Industrie geschaffen. China leistet Entwicklungshilfe in vielen afrikanischen Ländern, in denen die Menschen nun endlich aus ihrem Dämmerschlaf aus westlicher Ausbeutung und unglaublicher elender Armut aufwachen und sich plötzlich in einem aufstrebenden Land wiederfinden. Es gibt auf einmal Arbeit, Unterstützung und „echte“ Investitionen in die Infrastruktur, die tatsächlich den afrikanischen Ländern nützen.

Natürlich sieht man in Afrika einerseits vor allem wichtige Rohstofflager  und andererseits potenziell sehr wichtige zukünftige Absatzmärkte, wenn man die Wirtschaft in diesen Ländern entwickelt. Afrikanische Rohstoffe stehen dann natürlich vorwiegend China zur Verfügung, ein Großteil des Absatzes wird dann wohl auch von chinesischen Unternehmen gemacht. Aber das ist durchaus legitim. Wenn wir ganz ehrlich zu uns selber sind, betreiben wir Entwicklungshilfe in Afrika ja auch nicht aus rein katholischen Motiven heraus und mit purer Selbstlosigkeit. Allerdings ist es dem Westen nie gelungen, den Lebensstandard und die Wirtschaftsleistung in vielen afrikanischen Staaten nachhaltig zu verbessern – dafür kam uns die Gelegenheit zur rücksichtslosen Ausbeutung des schwarzen Kontinents doch zu sehr zupass.

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Der Entwicklungsstand der „Neuen Seidenstraße“

Sieht man sich allein die Verbindungen zu Europa an, muss man zugeben, dass bereits einiges geschafft ist, was die Chinesen sich vorgenommen haben.

2008 wollte man eine Verbindung zwischen China und Deutschland mit Güterzügen schaffen – bereits 2011 waren die Routen nach Duisburg, Hamburg und Nürnberg festgelegt. Hewlett Packard war das erste Unternehmen, das diese Verkehrsverbindungen regelmäßig nutzte – seit 2011 verkehren bis zu drei sogenannte „Company Trains“ mit Laptos zwischen der asiatischen Produktionsstätte und Duisburg. Der erste nicht-unternehmenseigene Güterzug verkehrte bereits 2012 zwischen Chongqing und Duisburg, 2016 waren es bereits 1.700 Güterzüge, seit 2018 kommen in Duisburg wöchentlich 35 Güterzüge in Duisburg an, die eine Fahrtdauer von 12 Tagen hinter sich haben.

Anders als Deutschland scheint es, als würde China tatsächlich etwas in Bewegung bringen und Ankündigungen und Pläne auch konsequent und in einer Zeit umsetzen, die man nicht in Generationen messen muss. Daraus könnte man in Deutschland glatt noch etwas lernen – etwa, wenn es um die Energiewende, die Elektromobilität oder ein paar dringend notwendige gesellschaftliche Veränderungen geht.

Die Partnerschaften und Maßnahmen auf den Seewegen, die China in den letzten Jahren auf den Weg gebracht hat, haben bereits die internationalen Schifffahrtsbewegungen merklich verändert. Dabei entstehen auch wertvolle Potenziale für die Wirtschaft der beteiligten Länder. So plant etwa auch der Hafen in Duisburg einige lukrative Projekte im Rahmen der Seidenstraße.

Die Investition der Chinesen – bis zum Ende wohl weit mehr als 1 Billion USD – verändert also sehr nachhaltig die Infrastruktur für den gesamten Welthandel – so wie China das geplant hat. Auch wenn es, wie 2018, kurzzeitig einmal Rückschritte beim Projekt gibt, ist der Fortschritt spürbar – und unaufhaltsam. Unsere Welt ändert sich – stetig und laufend, durch die neu geschaffene Infrastruktur, durch chinesische Entwicklungshilfe in vielen armen Ländern, die endlich einmal wirkt – und vor allem Afrika endlich gleichberechtigt Chancen eröffnet.

Es gibt auch Kritik am chinesischen Weg

Natürlich ist nicht immer jeder einverstanden damit, wenn ein Land wirklich die Zügel in die Hand nimmt und tatsächlich etwas bewegt. Hier gilt eben die altbekannte Weisheit „Du kannst im Leben nichts Wirkliches erreichen, ohne jemand anders in den Weg zu kommen“.

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Natürlich gibt es zahlreiche nationale und manchmal einfach nur komische Interessen, etwa der USA, die einfach mit allen Mitteln den Welthandel beherrschen wollen – und zwar allein. Andere Akteure sind im allumfassenden Plan irgendwie nicht vorgesehen und natürlich gänzlich unerwünscht. Man hat zwar „Friends“ in allen Teilen der Welt, darunter auch unsägliche Regime wie Saudi-Arabien. Aber als Leitspruch gilt selbstverständlich „Let America Be The Only Great (Again)“.

Das eine solche Haltung keine Projekte wie die „Neue Seidenstraße“ dulden kann und schon gar nicht die Vormachtstellung eines anderen Staats auf der Welt, ist nachvollziehbar. Diese Haltung ist nicht besonders intelligent, aber das würde auch niemand ernsthaft von den USA erwarten.

Eher ernst zu nehmende Kritik kam jüngst vom malaysischen Präsidenten, der davor warnte, dass gerade ärmere Länder in eine eine massive Schuldenfalle und in eine zu starke Abhängigkeit von China gelangen könnten – und deshalb ein Abkommen mit China aufkündigte. Ein solches Risiko besteht tatsächlich – besonders dort, wo massive Entwicklungshilfe nötig ist. Wir wissen das nur zu gut, wir haben genau das in den letzten Jahrzehnten in vielen armen Ländern  weidlich ausgenutzt.

Auch Europa wird langsam nervös, man versucht irgendwie – allerdings recht lahm – Gegenentwürfe auf den Markt zu bringen. Bis 2027 sollen etwas mehr als 100 Milliarden in einen recht dürftigen Gegenentwurf fließen, um die wirtschaftliche Vormacht nicht ganz zu verlieren. Das kommt – wie immer – natürlich viel zu spät und viel zu zögerlich. Verändern wird das nicht mehr viel, China hat mittlerweile Abkommen mit 90 Ländern.

Wir brauchen allerdings nicht zu fürchten, in naher Zukunft mit chinesischer Lebensart überrannt zu werden und „unsere Kultur“ zu verlieren. Wenn wir uns in Europa mutig und aktiv beteiligen, selbst endlich einmal bei irgendetwas als Akteure auf den Plan treten und dabei unser Selbstbewusstsein bewahren, bietet die „Neue Seidenstraße“ viele wirtschaftliche Chancen auch für uns Europäer.

In einigen folgenden Beiträgen werden wir uns dann noch detaillierter und umfassender mit einzelnen Aspekten der Neuen Seidenstraße befassen und einzelne Themen intensiver beleuchten. Bleiben Sie dran, es wird spannend!

Wie kann sich ein Unternehmen vor einer feindlichen Übernahme schützen?

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