Alle haben schon wieder Angst vor der Rezession – aber was bedeutet das eigentlich genau?

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Alle haben schon wieder Angst vor der Rezession – aber was bedeutet das eigentlich genau?

Begriffe wie „Aufschwung“ oder „Rezession“ sind schon lange Allgemeingut geworden und in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Hinterfragt werden diese Begriffe allerdings selten – so eindeutig ist das Ganze nämlich gar nicht. Inzwischen droht Deutschland gerade wieder eine Rezession – und alle zittern brav wie die sieben Geißlein vor dem bösen Wolf. Ohne eigentlich eine genaue Vorstellung zu haben, was da genau passiert. Es sei halt irgendwie etwas Schlimmes, vor dem man Angst haben müsse. Grund genug also, das Thema endlich einmal tiefgehender zu beleuchten und etwas auseinander zu nehmen.

Fangen wir am Anfang an: die Konjunktur

Bei all der Summe an nicht exakten und teils widersprüchlichen Definitionen müssen wir zunächst einmal beim Begriff „Konjunktur“ beginnen. Auch hier ist die Definition schon nicht eindeutig und es gibt unterschiedliche Sichtweisen darauf, was die „Konjunktur“ eigentlich genau ist.

Die – zugegeben – recht saloppe Definition lautet, dass es sich bei der Konjunktur um die „gesamtwirtschaftliche Lage“ handele. Nun, das sagt zunächst einmal nicht viel aus, schon gar nicht darüber, wie man eine „Lage“ der Gesamtwirtschaft überhaupt messen und beurteilen könnte. Etwas genauer formuliert ist die gesamtwirtschaftliche Lage dann gut, wenn „die meisten Unternehmen hohen Umsatz haben“. Nun – wer sind hier „die meisten“ und was ist hoher Umsatz – im Vergleich wozu? Zum Spitzen-Umsatz in der Unternehmensgeschichte? Zum Vorjahres-Umsatz? Gefühlt hoch? Eindeutig ist hier noch nicht viel.

Wirtschaftswissenschaftlich definiert man Konjunktur aus einem anderen Blickwinkel: „der Grad der Auslastung des Produktionspotenzials einer Volkswirtschaft“. Jetzt wird es schon ein wenig klarer. Wenn also alle mit Volldampf produzieren (und das Zeug hernach auch verkaufen können, klarerweise), dann ist die Konjunktur gut. Wenn sie weniger produzieren als sie eigentlich könnten, ist die Konjunktur schlecht. Einen wichtigen Indikator liefert die Wirtschaftswissenschaft dann auch gleich mit: das reale BIP. Das ist allerdings schon für sich eine komplexe Sache. Erfasst werden dadurch nämlich nur die Werte aller hergestellten Endprodukte – gelagerte Güter oder nicht ganz fertiggestellte Güter werden nicht gezählt, außerdem wird nur berücksichtigt, was tatsächlich von Inländern im Inland hergestellt wird. Veränderungen im realen BIP deuten damit auf Wachstum hin – oder eben auf das Gegenteil.

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Einen weiteren Einfluss muss man demzufolge natürlich in der herrschenden Nachfrage sehen. Sinkt die Nachfrage, werden zunächst mehr Güter auf Lager gelegt (fallen also damit wertmäßig aus dem BIP heraus), in der Folge werden auch die Produktionskapazitäten aufgrund der gesunkenen Nachfrage gedrosselt. Die Unternehmen sind „in Summe“ also mal mehr, mal weniger ausgelastet.

Diese Schwankungen haben Auswirkungen (oder sollten Auswirkungen haben) auf das Beschäftigungsniveau, die Produktionsmengen, aber auch auf Zinssätze und Preise. Solche Konjunkturschwankungen treten regelmäßig – also zyklisch – auf: es geht immer vom Aufschwung zum Boom, dann zum Niedergang (Rezession) und der Depression (selbsterklärend, oder?).

Das alles ist zunächst einmal die graue Theorie, wenn es um die Konjunktur geht. Wahrscheinlich kann sich jeder vorstellen, dass für den Konjunkturverlauf zahlreiche weitere, reale Faktoren eine Rolle spielen. So sauber und eindeutig wie im Lehrbuch verläuft es nie. Zudem soll Konjunkturpolitik ja eben diese zyklischen Schwankungen möglichst abschwächen oder gleich ganz verhindern, damit die Wirtschaftsleistung dauerhaft möglichst hoch bleibt und die Wirtschaft kontinuierlich weiter wächst – ohne Einbrüche. Man versucht daher in gewisser Weise, mittels konjunkturpolitischer Maßnahmen gegen die eigentliche Natur der Dinge anzugehen. Darum dreht sich das alles am Ende.

Die Natur der Schwankung

Konjunkturelle Schwankungen treten – so viel weiß die Wissenschaft immerhin – in Intervallen von rund vier Jahren auf. Das ist nur ein grober Richtwert, im Einzelfall können diese Schwankungen auch länger oder kürzer ausfallen. Insbesondere dann, wenn sogenannte „Anpassungsverzögerungen“ mit ins Spiel kommen – oder eben konjunkturpolitische Maßnahmen.

Um das Ganze zu komplizieren, könnte man neben den klassischen Konjunkturzyklen auch die Wachstumsraten, also die Zuwachsrate in der Wirtschaft, betrachten. Sieht man allein auf Zuwachsraten, sind die Zyklen am Ende natürlich deutlich kürzer. Schon lange bevor man den Rückgang der Produktivität messen kann, haben sich die Zuwachsraten erledigt. Und umgekehrt, wenn die Zuwachsraten wieder steigen, dauert es noch eine Weile, bis man das auch am Ergebnis sieht.

Betriebswirtschaftler sehen dagegen vor allem die Auslastung der Produktivkapazität eines Unternehmens (oder vieler Unternehmen) als maßgeblich an. Liegt die Produktivkapazität bei 100 %, herrscht Hochkonjunktur, unter 70 % geht man von einer Reduktion aus. Inwieweit die produzierten Güter dann auch tatsächlich abgesetzt werden können, bleibt dann eher unberücksichtigt.

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Wann genau eine Rezession beginnt oder begonnen hat, hängt also zunächst einmal ganz wesentlich davon ab, wen man eigentlich danach fragt. In den unterschiedlichen Disziplinen der Wirtschaftswissenschaften gibt es dabei naturgemäß ganz unterschiedliche Ansichten dazu.

„Offizielle“ Konjunkturprognose in Deutschland

Seit den 1950er Jahren war vor allem das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) für die Erstellung von „offiziellen“ Konjunkturprognosen zuständig. Seit 2007 wird die Prognoseerstellung allerdings öffentlich ausgeschrieben, da die Bundesregierung dem DIW seit damals nicht mehr vertraut.

Zusätzlich erstellt ein Sachverständigenrat jedes Jahr im November eine „Begutachtung zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“. Dazu kommen noch Konjunkturprognosen der OECD (einzeln für jedes Mitgliedsland), des IWF (Internationaler Währungsfonds) und der EU-Kommission. Weitere, allgemein oft weniger beachtete Prognosen kommen vom Institut der Deutschen Wirtschaft (dem Forschungsinstitut der Arbeitgeber) und gewerkschaftlichen Organisationen wie dem IMK.

An Konjunkturprognosen mangelt es uns also nicht. Leider verhält es sich dabei allerdings, wie Sie vielleicht beim Lesen schon befürchtet haben: die einzelnen Prognosen liegen zum Teil meilenweit auseinander. Und im Rückblick betrachtet, war die Summe aller Prognosen über Jahre hinweg ungefähr so zutreffend wie die Wahl eines mittelmäßig begabten, in wirtschaftlichen Dingen ein wenig beschlagenen Zeitgenossen, der einfach geraten hätte. Die Trefferquote im Vergleich zu den ganzen tonnenschweren Prognosen wäre ziemlich ähnlich gewesen.

Das einzige, was so ziemlich alle Prognosen immer eint ist, dass sie allenthalben das zukünftige Wachstum so gut wie immer überschätzen. Aber auch das verwundert eigentlich wenig – man sieht halt immer gerne mehr, als da tatsächlich ist.

Zumindest werden aber – anders als in den USA – in Deutschland die einzelnen Konjunkturzyklen nicht „amtlich festgenagelt“. Es steht also immer noch jedem frei, in einer wirtschaftlichen Entwicklung eine Rezession zu erkennen – oder eben nicht. In den meisten Fällen geht das Gespenst der Rezession immer dann um, wenn die deutsche Konjunktur in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen nicht gewachsen ist. Das ist zwar ungefähr so exakt wie den kalendarischen Herbstanfang daran zu messen, dass jetzt wohl bald die Äpfel am Baum reif sein werden – aber immerhin.

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Was genau sind eigentlich die zu befürchtenden Folgen einer Rezession?

Das kann, salopp gesagt, eigentlich niemand sagen. Eine Rezession ist der natürliche Lauf der Dinge – ob und welche negativen Folgen das hat, hängt immer davon ab, wie die Dinge nun tatsächlich eben laufen.

In der Theorie jedenfalls kann eine Rezession von Stellenabbau, fallenden Löhnen und sinkenden Preisen begleitet sein – alles kann, nichts muss. Angeblich prüfen dann auch Banken die Bonität ihrer Kreditgeber strenger und sind eher zögerlich bei der Vergabe von Krediten im Allgemeinen. Hier gilt noch viel mehr „kann, nicht muss“.

Der Theorie zufolge kommt dann alles noch viel schlimmer. Weil mit den Krediten so geknausert wird, wird weniger als sonst investiert, dadurch wird das Wachstum von Unternehmen noch weiter nach unten gedrückt. Die Lage verschlimmert sich dann – der Theorie zufolge – noch weiter, am Ende steht eine handfeste Wirtschaftskrise (auch „Depression“ wie in „die große Depression 1929).

Ebenfalls theoretisch sinken dann die Aktienkurse im Allgemeinen, defensive Anlagen und Immobilien, Edelmetalle oder auch Staatsanleihen (die mit den Negativ-Zinsen) sollen dann vorteilhafte Anlageprodukte in der Krisenzeit sein, um die eigenen Verluste zu mindern.

Ich glaube man muss hier niemandem erklären, dass solche vereinfachten Darstellungen am Ende überhaupt nichts mehr mit den tatsächlichen wirtschaftlichen Gegebenheiten in der Realität zu tun haben. So läuft es tatsächlich nie ab. Rezessionen betreffen auch nie ausnahmslos alle Wirtschaftsbereiche, die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind bestenfalls fraglich – ob Löhne und Preise tatsächlich sinken noch viel mehr.

Und den Ratschlag, sein Geld dann in Immobilien, Edelmetalle und Staatsanleihen zu stecken, kann man nur schwerlich als wirklich pauschal seriös bezeichnen. Das ist ungefähr so seriös wie die Aussage im Kindergarten: „Bring dein Kleingeld auf die Bank, da bekommst du Zinsen“ (ja, negative).

Zunächst muss uns aber klar sein: Ob überhaupt eine Rezession vorliegt, kann uns schon niemand sicher sagen. Und was dann passiert, auch nicht. Wir bleiben – wie so oft – mit unserer eigenen Einschätzung und unserem gesunden Menschenverstand allein. Ist aber vielleicht auch besser so, für unser Vermögen.

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