Aus Anlegersicht: Wie viel Gewicht haben Politik und gesamtwirtschaftliche Lage tatsächlich bei Anlage-Entscheidungen?

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Aus Anlegersicht: Wie viel Gewicht haben Politik und gesamtwirtschaftliche Lage tatsächlich bei Anlage-Entscheidungen?

Europa ist – milde ausgedrückt – gerade sehr chaotisch. Und das schon durchaus seit geraumer Zeit. Zahlreiche Konflikte zwischen den EU-Mitgliedsstaaten, einen Stapel ungelöster Fragen im EU-Parlament und überhaupt keinen Plan für die nahe Zukunft, für Maßnahmen gegen den Klimawandel und die endlich umzusetzende Energiewende. Dazu in vielen Ländern eine enorme Staatsverschuldung, in anderen ständig neue Verordnungen, deren Auswirkungen auf die Wirtschaft niemand so recht abschätzen kann, ein schwelender, ebenfalls in seinen Folgen unabsehbarer Handelskrieg mit China und den USA und wenig Hoffnung, dass jemandem etwas Wirksames einfällt, das endlich die Konjunktur wieder in Schwung bringt. Das alles hat natürlich auch Folgen für die Wirtschaft. Von günstigen Rahmenbedingungen kann hier kaum gesprochen werden. Auch in Deutschland musste man die Wachstumsprognose schon wieder korrigieren – von vorhergesagten 1,8 % Wachstum geht man nun, nach dem ersten Viertel des Jahres, noch von lediglich 0,5 % Wachstum in unserer Volkswirtschaft aus. Aus Anlegersicht muss man die Frage aber dennoch anders stellen: Wie sehr muss man die Politik und politische Maßnahmen tatsächlich bei harten Anlage-Entscheidungen berücksichtigen? Und wie viel ist zu viel? Wir haben uns über diese Frage einmal Gedanken gemacht.

Kein Unternehmen existiert im luftleeren Raum

Das ist natürlich ein Statement. Grundsätzlich stimmt das aber – Unternehmen sind natürlich immer davon abhängig, wie gut die Rahmenbedingungen für deren Wirtschaften sind, wie es mit Konsum und Nachfrage in den eigenen Zielmärkten aussieht und wie sich die Kaufkraft entwickelt.

Allerdings ist diese Abhängigkeit nicht bei jedem Unternehmen im gleichen Maß gegeben. Das darf man gerade bei Anlage-Entscheidungen nicht unberücksichtigt lassen. Man muss sich die Auswirkungen der allgemeinen Lage und die Folgen politischer Maßnahmen oder neuer Gesetze immer im konkreten Einzelfall ansehen.

Das Gleiche gilt für sogenannte „allgemeine Wirtschaftsdaten“. Das Gesamt-Wirtschaftswachstum hat für ein einzelnes Unternehmen unter Umständen nur eine geringe Aussagekraft – es gibt durchaus auch Unternehmen, die bei einer rückläufigen Wirtschaftsleistung auch in die andere Richtung tendieren und ihre Gewinne steigern können – auch in unübersichtlichen politischen Lagen. Und das sind nicht allein die Rüstungsunternehmen.

Womit man allerdings immer rechnen muss, sind die Zahlen der Investoren, die sich sehr wohl von solchen Daten beeindrucken lassen. Hier offenbart sich ein Paradoxon der Märkte: Selbst wenn es objektiv betrachtet keinen wirklich vertretbaren Grund gibt, seine Investitionen zurückzufahren, zählen am Ende doch die Ängste der Mehrheit. Wenn viele Anleger weltweit Kapital aus europäischen Anlagen zurückziehen, sinkt die Nachfrage – und das drückt wiederum die Kurse.

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Als Anleger muss man sich dieser Mechanismen immer bewusst sein und sie mit einkalkulieren. Auf die eine oder andere Weise – entweder man folgt dem Trend der Herde und wappnet sich einmal gegen die wahrscheinlich noch zunehmenden Verluste – oder man setzt ganz bewusst auf die Unterbewertung vieler europäischer Aktien und behält diese oder investiert sogar. Wer – getreu dem Ansatz des Value Investing – solide, aber unterbewertete Aktien kauft, kann sich dann bei der später erfolgenden Marktkorrektur vom warmen Aufwind steigender Kurse renditemäßig nach oben tragen lassen.

Das ist schon einmal eine Grundlagen-Entscheidung für jeden Anleger: wie man mit gesamtwirtschaftlichen Lagen und politischen Unwägbarkeiten umgehen will. Dabei sollten Sie nie aus den Augen verlieren, dass Sie immer beide Optionen haben. Grundlage dafür, für welche Option Sie sich entscheiden, sind immer Ihre eigene Risiko-Strategie und Ihr persönlicher Anlage-Horizont.

Wie sich die finanzwirtschaftlich Gesamtlage in Europa gerade darstellt

Nimmt man die Daten von 2018 zur Hand, sticht vor allem eines ins Auge: Internationale Investoren haben im Jahr 2018 bereits insgesamt mehr als 50 Milliarden Euro Anlage Kapital aus Europa abgezogen. Das ist eine Menge Geld – die gesamte Investitionshöhe hat ein Niveau erreicht, wie zuletzt während der Eurokrise. Das hat natürlich auch Folgen für die Kurse.

Europäische Aktien gelten bei vielen internationalen Anlegern auch immer noch als „Problemkinder“. Man zieht sein Geld zu großen Teilen aus Europa ab und steckt es in die amerikanische Wirtschaft, bei der zumindest die Fundamentaldaten gerade stimmen. Und viele Investoren haben ihre lange vergessen geglaubte Liebe zu Schwellenländern wieder entdeckt. Den Unternehmen dort traut man anscheinend großes Wachstum zu, wenn die europäischen Großunternehmen anscheinend (jedenfalls den gesamtwirtschaftlichen Zahlen nach) nicht aus den Pötten kommen.

Wie realistisch internationale Investoren dabei die Situation in Europa einschätzen, steht hier dabei erst einmal gar nicht zur Debatte. Dass sie ihr Kapital zu einem großen Teil abziehen, ist eine Tatsache. Damit müssen wir als Anleger ganz einfach leben – mit den Folgen davon auch.

Bis zu einem gewissen Grad sind die Sorgen vor allem international agierender Anleger schon verständlich: Die meisten Wachstumsprognosen in den EU-Ländern, vor allem in den wirtschaftlich starken wie Deutschland, mussten seit Ende letzten Jahres gleich mehrmals nach unten korrigiert werden.

Länder wie Italien mit ihrer viel zu hohen Verschuldung und ihrer keinerlei erkennbaren Bereitschaft, daran endlich etwas zu ändern, können einem durchaus auch als Europäer Sorgen machen – insbesondere wenn man sich die enge Verflechtung von italienischen Banken mit dem italienischen Staat ansieht. Bedenkt man zudem, dass ein Crash der italienischen Banken (oder des italienischen Staates, was am Ende auf das Gleiche hinausläuft) auch eine ganze Reihe anderer Länder innerhalb Europas in ernsthafte Schwierigkeiten bringen könnte, werden diese Sorgen verständlich.

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Dazu kommt dann auch noch das fast schon unendlich zu nennende Brexit-Debakel, bei dem keiner bislang weiß, wann Großbritannien nun tatsächlich die EU verlässt und zu welchen Bedingungen. Die Auswirkungen des Brexit auf die europäische Wirtschaft und die Wirtschaft einzelner Länder kann aus diesem Grund auch niemand vorhersagen – die Mutmaßungen reichen allein für Deutschland von „kaum nennenswert“ bis „beträchtlich“ – je nachdem, wen man gerade fragt. Und dabei ist noch nicht einmal klar, zu welchen Bedingungen Großbritannien die EU verlassen wird und welche Handelsvereinbarungen mit europäischen Staaten am Ende gelten werden.

Natürlich sind das alles Gründe, sich Sorgen zu machen – und das Verhalten vieler Investoren kann man, wie gesagt, zu einem gewissen Grad auch verstehen.

Als Anleger sollte man sich allerdings auch die andere Seite der Medaille ansehen.

Die Gegenargumente

Im Wesentlichen sind es drei Dinge, die durchaus für viele europäische Aktien sprechen – und die die meisten vorgenannten Befürchtungen teilweise sogar außer Kraft setzen können.

1. Wie schon zuvor erwähnt, muss man sich Unternehmen immer einzeln ansehen. Sehr viele europäische Unternehmen werden von den herrschenden Rahmenbedingungen nur sehr marginal berührt und kaum eingeschränkt. Das gilt nicht nur für einzelne Unternehmen, sondern vielfach sogar für ganze Branchen.

Das ist nicht nur einfach so dahingesagt, sondern auch finanzmathematisch recht gut belegbar. Wären alle Unternehmen stark von den wirtschaftlichen Umgebungsbedingungen abhängig, würde man rechnerisch eine recht ausgeprägte Korrelation zwischen dem BIP und den gesammelten Aktienmarktrenditen feststellen können. Eine solche Korrelation gibt es aber nicht. Die Auswirkungen des BIP auf Aktienrenditen liegen mathematisch betrachtet bei noch nicht einmal 25 % – und haben damit nur einen sehr kleinen Einfluss auf zu erwartende Renditen.

2. Was man auch nicht vergessen darf ist, dass in Europa ansässige Unternehmen nicht zwingend auch ausschließlich in Europa tätig sind. Sehr viele der großen europäischen Unternehmen haben ihre Zielmärkte ganz woanders – und sind dabei weder von Konjunkturschwankungen im Inland noch innerhalb Europas übermäßig stark betroffen.

Auch hier kann man recht gut mit soliden Zahlen argumentieren: insgesamt kommen Untersuchungen von Experten zufolge deutlich mehr als die Hälfte der Einnahmen aller börsennotierten, europäischen Unternehmen aus dem EU-Ausland. Eine Veränderung der Kaufkraft im Inland spielt für diese Unternehmen also kaum eine nennenswerte Rolle, vor allem wenn es sich um kleinere Schwankungen handelt. Und gerade bei den weltweit führenden Unternehmen mit Sitz in Europa ist der Anteil der heimischen Zielmärkte am geringsten, damit also auch der Einfluss heimischer Kaufkraftveränderungen.

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3. Was man auch nicht übersehen darf und durchaus als Argument ins Feld führen kann ist, dass wirklich große und bedeutende Unternehmen in ihren Geschäften durch kurzfristige Schwankungen kaum beeinflusst werden. Sie bedienen in der Regel so große und solide Märkte oder haben eine so grundlegend solide Nachfrage nach ihren Produkten, dass Änderungen an der Kaufkraftsituation ohnehin kaum Auswirkungen auf die Höhe der Erlöse hätten. Ein gutes Beispiel für eine solche Branche sind etwa Pharmahersteller mit Produkten, für die es weltweit nur wenig Konkurrenz gibt. Diese Produkte werden sich – ganz unabhängig von der Wirtschaftsleistung – natürlich weiterhin genauso stark verkaufen, weil sie ohnehin von Krankenversicherungen bezahlt werden und der Bedarf bei hoher oder niedriger Kaufkraft in der Bevölkerung eben einfach existiert.

Als Anleger hat man also durchaus gute Argumente, sein Investment in europäische Aktien nicht herunterzufahren – insbesondere aus dem am Anfang bereits erwähnten Grund, dass ein Investment in unterbewertete Aktien langfristig vorteilhaft sein könnte.

Natürlich ist die Gesamtsituation – gerade aus Anlegersicht – durchaus recht unübersichtlich, dem kann man durch gezieltes Stockpicking aber immer noch leicht begegnen. Dabei kann man durch gezielte Auswahl im einen oder anderen Fall vielleicht sogar mehr Rendite erzielen, als das in wirtschaftlich übersichtlichen Zeiten möglich wäre.

Ein Punkt, den man in jedem Fall noch mit ins Auge fassen sollte, sind die eigenen Kosten und Gebühren für das Portfolio. Gezieltes Investieren schafft sicherlich eine andere Gebühren-Situation als beispielsweise das Investieren in ein oder zwei ETFs. Dem sollte man durch eine gezielte Auswahl des Brokers Rechnung tragen. Jeder Euro, den man an Gebühren spart, erhöht die eigenen Gewinne nur weiter – mit Zinsen und Zinseszinsen.

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