Investment und Ethik – wo ist die Grenze?

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Investment und Ethik – wo ist die Grenze?

Keine Frage: Investieren soll vor allem Profit bringen – und das möglichst langfristig und sicher. Diese Ziele verfolgen alle Anleger – egal mit wie viel Anlagekapital. Nicht ganz unerheblich ist aber auch, worin man investiert. Investments stellen auch eine Unterstützung für ein Unternehmen dar – und eine grundsätzliche Akzeptanz seiner Geschäftstätigkeit. Eine Frage, die sich viele von uns wohl viel zu selten stellen ist die, wo hier die Grenze ist. Wie ethisch können Investments überhaupt sein? Und wie ethisch sollen sie sein? Und welche Auswirkungen hat das eigentlich?

Investitionen in die Rüstungsindustrie

Krieg geht immer. Sogar noch mehr in den letzten Jahren. Die Welt scheint sich gerade in einer mächtigen Gewaltwelle zu befinden, die langsam über alle Länder schwappt. Dabei geht es nicht nur um die langjährigen Kriegsgebiete im Nahen Osten. Auch die Unsicherheit und teilweise Paranoia hierzulande führt dazu, dass die Zahl der Suchanfragen für Dinge wie „Legal Waffe kaufen“ bei Google ein Niveau erreicht hat, das weit über dem sonst Üblichen liegt. Gewalt ist plötzlich allgegenwärtig – und dort, wo gerade nicht herrscht Unsicherheit, Angst und das Bedürfnis sich persönlich zu schützen – wenn es sein muss auch mit Waffengewalt.

Was der einen Leid ist – unzählige Kriege an einer riesigen Zahl von Krisenherden rund um den Globus – das ist des anderen Profit. Rüstungsunternehmen laufen in den letzten Jahren so gut wie nie. Das wirkt sich natürlich auch auf Aktien in diesem Bereich aus.

Rüstung als Boom-Branche

Der ARCA Rüstungswertindex (NYSE Arca Defense Index), der die 14 größten US-amerikanischen Waffenhersteller beinhaltet, ist ein sehr guter Maßstab für Profite in diesem Bereich. Gerade seit Beginn des Jahres 2016 sind hier Höhenflüge zu beobachten, die so wohl kaum einer der Analysten je für möglich gehalten hätte. Den Höchstwert der vergangenen Jahre hat der Index schon lange hinter sich gelassen. Das ist aber bei weitem nicht der einzige Hinweis auf eine boomende Branche, klare Hinweise gibt es durchaus noch viele weitere.

Grund für den Boom ist unter anderem der stark steigende Verteidigungsetat vieler Länder. Das beflügelt natürlich die Geschäfte der Waffenbauer. Allein die Anschläge von Paris führten in der Folge zu einem Plus von 4 % beim Arca Rüstungsindex. Einzelne Aktien, wie etwa die des französischen Rüstungsherstellers Thales (Raketen- und Aufklärungssysteme) konnten sich sogar über ein Plus von 10 % freuen. Und deren Anleger selbstverständlich auch.

Die Börse selbst betrachtet dieses Thema völlig emotionslos. Nur wenige Terrorakte, darunter der 11. September, haben die Börse überhaupt mehr als ein paar Tage gelähmt oder überhaupt irgendwie beschäftigt. Auf den Finanzmärkten der Welt kehrte sehr schnell – viel zu schnell – wieder „Business as Usual“ ein. Und man schaute ganz ohne große Emotionen darauf, womit man gerade am meisten Geld verdienen könnte.

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Keine Frage, die Branche boomt und legt in den letzten Jahren gewaltig zu. Bis 2020 rechnen selbst die vorsichtigsten Analysten mit Zuwächsen von mindestens 2 % jährlich – bei einzelnen großen Rüstungsunternehmen sogar mit deutlich mehr und teilweise beträchtlichen Gewinnen. Die Kursziele fast aller großen Unternehmen wurden teilweise bereits mehrfach deutlich angehoben – bei Raytheon (Flugabwehrsysteme, Raketentechnologie, Radarsysteme) sogar um unglaubliche 15 %. Dabei hat das Unternehmen auch die Mikrowelle erfunden – aber daran denkt bei diesen Investments wohl niemand. Und auch Lockheed Martin, General Dynamics und Northrop Grumman gehören zu den Giganten in der Rüstungsbranche.
Auch deutsche Unternehmen spielen in der weltweiten Rüstungsindustrie eine durchaus wichtige Rolle – und gehören zu den soliden Unternehmen in der Branche. Den Beitrag deutscher Unternehmen zu den weltweiten Waffenlieferungen darf man keinesfalls als gering ansehen (auch wenn das immer wieder heruntergespielt wird): Nach den USA, mit 30 % Anteil am Welthandel, und Russland mit 23 % kommt auch schon Deutschland mit insgesamt 11 % Anteil am weltweiten Waffenhandel. Die wichtigsten heimischen Rüstungsunternehmen sind dabei:

-die Diehl Defence Group
-Krauss-Maffei Wegmann (KMW)
-Heckler & Koch
-Thyssen-Krupp
-Rheinmetall

Die Abnehmer deutscher Waffenexporte sitzen dabei überall weltweit: Von Somalia bis zur Türkei, Kolumbien, Katar und Jordanien, Saudi-Arabien ist ein sehr wichtiger Abnehmer für die deutsche Waffenindustrie, auch die kurdischen Peschmerga im Irak gehören zu den Großabnehmern der letzten Jahre. Auch Indonesien, die Arabischen Emirate und Algerien gehörten in den letzten Jahren zu wichtigen Abnehmern.

Ist das moralisch vertretbar?

Einmal abgesehen vom Profit, auch langfristig, der sich mit solchen Investments erzielen lässt, finden wir, dass man schon sehr eingehend darüber nachdenken, ob man solche Investments wirklich moralisch vertreten kann – und will. Der oft zitierte Gedanke, dass Waffen ja primär dazu dienen, den Frieden zu sichern wird wohl nicht für jeden reichen, um sein Gewissen zu beruhigen.

Ein Punkt, an dem man auch denken soll, ist, dass man die Kunden nicht kennt. Allein bei deutschen Rüstungsunternehmen stehen da Länder auf der Kundenliste, bei der wohl der eine oder andere einmal kurz die Augenbrauen heben wird. Unserer Meinung nach sollte man sich immer gründlich überlegen, ob man wirklich in Krieg und Konflikte investieren will – und davon profitieren will. Oder sein Geld in Dinge zu investieren, die mehr Positives und Hilfreiches für die Menschheit schaffen. Übrigens gehören auch viele deutsche Banken und Versicherungen – darunter die Deutsche Bank und die Allianz – zu den Investoren bei vielen Rüstungsunternehmen. Und das mit nicht gerade kleinen Volumina. Tendenz: steigend. Immerhin geht’s um Gewinne.

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Investitionen in Tabakkonzerne

Nicht viel weniger lebensgefährlich als Waffen ist auch Tabak. Immerhin gibt’s auch dabei rund 6 Millionen Tote. Jährlich. Interessanterweise sind – neben der Rüstungsindsutrie – auch die Tabakkonzerne wahre Rendite-Booster. Bestes Beispiel dafür ist BAT (British American Tobacco), die Hersteller von so bekannten Marken wie Lucky Strike oder John Player. Zunehmende Nichtraucherzonen in allen Teilen der Welt und zahlreiche Anti-Raucher-Kampagnen und nicht einmal der Beinahe-Siegeszug der E-Zigarette konnten daran irgendetwas ändern. Zudem gibt es bei BAT für die Anleger auch noch eine sehr solide und zuverlässige Dividendenpolitik, die die renditestarke Anlage auch noch zusätzlich versüßt.

Auch hier sollte man sich natürlich fragen, ob man tatsächlich seine Gewinne auf Leid und Krankheit anderer Menschen aufbauen will – und sich, wenigstens als Investor, am Handel mit potenziell tödlichen Giften zu beteiligen. Wir finden, dass man auch hier zuerst einmal sein Gewissen erforschen sollte, bevor man sich all zu schnell an eine Anlage macht.

Spekulation auf Lebensmittel und Grundnahrungsmittel

Die Geschichte ist bekannt: Spekulationen auf Weizen hatten vor einigen Jahren die Weizenpreise beinahe verdoppelt. Für einige afrikanische Länder war das eine echte Katastrophe – in einigen Ländern konnte sich ein großer Teil der Bevölkerung plötzlich das wichtigste Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten, Hungersnöte brachen allerorts aus, viele Menschen starben. Die wenigen Proteste, die es gab, wurden dann zusätzlich mit roher Gewalt niedergeschlagen – was auch wiederum enie Vielzahl an eigentlich unschuldigen – Opfern verursachte.

Die einhellige Meinung danach war im Westen: Spekulationen auf Lebensmittel und Grundnahrungsmittel sind unmoralisch. Im Grunde ist das schön und gut, allerdings kann man diese Dinge nun einmal nicht einfach aus unserem weltweiten Wirtschaften ausnehmen. Lebensmittel und Grundnahrungsmittel wie Reis oder Weizen sind eben genauso Rohstoffe wie andere Werte auch und unterliegen den Gesetzen des Marktes, was die Preise betrifft.

Wir finden aber, dass man sich – wann immer man kann – von Spekulationen fernhalten sollte, beo denen es um die Lebensgrundlage von vielen tausend Menschen geht. Wenn der Preis plötzlich in die Höhe schnellt, verursachen wir für ein bisschen Profit unter Umständen schwere Katastrophen und viele tausend Hungertote. Und das, finden wir, geht gar nicht. Gewinn hin oder her.

Unmoralische Ausbeutung

Hier wird es tatsächlich schwierig. Sehr viele Unternehmen lassen in Billiglohnländern produzieren – längst nicht nur die Bekleidungs- und Modeindustrie. Schreckliche, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, gesundheitsgefährliche Arbeitsplätze, Kinderarbeit und schiere, gnadenlose Ausbeutung inklusive. Andere argumentieren dagegen wiederum, die schlecht bezahlten Arbeiten und die gnadenlos agierenden Fabriken wären für Menschen in diesen Ländern die einzige Alternative, und immerhin eine Perspektive. Da kann man wohl geteilter Meinung sein.

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Als Investor ist es aber tatsächlich schwierig zu ermessen, bei welchem Unternehmen Menschen unfair oder sehr schlecht behandelt werden. Vieles erfahren wir als Außenstehende gar nicht, und viele Dinge sind häufig nicht einmal Insidern in Unternehmen völlig bekannt. Was uns Enthüllungsjournalisten so gelegentlich zum Abendbrot servieren, ist längst nicht Allgemeinbekanntes.

Gerade in diesen Bereichen ist es sehr schwer, sich als Investor ethisch zu verhalten. Großkonzerne, riesige Unternehmen oder auch weltweit agierende Betriebe können sich immer in irgendeiner Weise und irgendjemandem gegenüber unfair oder moralisch fragwürdig verhalten. Dem Zitat von Pioneer-Fondsmanager „Ethik ist unverzichtbar für langfristigen Unternehmenserfolg“ möchten wir hier in jedem Fall widersprechen.

Gemeint ist damit vielleicht nur die Loyalität den eigenen Mitarbeitern gegenüber, oder eine ehrliche Geschäftspolitik mit den Geschäftspartnern – dann mag das noch angehen. Aber gerade wenn man sich viele Industrien und Boom-Bereiche einmal ansieht, dann wird bei den Erfolgsgeschichten sehr vieles mit Leid und Not anderer Menschen oder massiven Zerstörungen der Umwelt erkauft. Die Rüstungsindustrie und die Tabakindustrie sind dafür nur zwei (sehr schlimme) Beispiele.

Als Anleger im Spannungsfeld

Nicht wenige Untersuchungen und Studien zu diesem Thema kommen zu dem Schluss, dass sich Anlagen in moralisch zumindest fragwürdige Dinge häufig mehr lohnen. Auch Investitionen in Länder, in denen Korruption blüht, erweisen sich häufig als lohnender als Investments in „ehrlichen“ Staaten. Wer also vor allem auf sein eigenes Geld schaut, der unterstützt mit seinen Investments dabei überproportional häufig auch Unternehmen, die nicht völlig zum Wohle der Menschheit – oder Teilen davon – agieren. Die Crux bei der Geschichte: Je mehr „moralbewußte“ Anleger es gibt, die bestimmte Anlagen meiden, desto lukrativer werden genau diese Anlagen für Spekulanten, die damit noch höhere Renditen erzielen können. Ein Teufelskreis.

Wir sind aber der Meinung, dass man sich als Investor grundsätzlich immer seiner sozialen Verantwortung und der Verantwortung zu nachhaltigem, menschenfreundlichen und umweltschützendem Wirtschaften bewusst sein sollte. Es ist unerheblich, wie klein oder groß das eigene Investment ist. Es geht um die persönliche Verantwortung, vor der man sich nicht drücken sollte. Das bedeutet nicht, dass jeder künftig nur noch in Seniorenresidenzen und in erneuerbare Energien investieren sollte – aber wir sollten uns zumindest alle zur Gewohnheit machen, auch einmal genauer hinzusehen.

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