Der neue Sorglos-Trend deutscher Anleger – oder ist das Verzweiflung? – Warum wir manchmal auch einen Blick auf die Volatilitätsindices werfen sollten

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Der neue Sorglos-Trend deutscher Anleger – oder ist das Verzweiflung? – Warum wir manchmal auch einen Blick auf die Volatilitätsindices werfen sollten

Als sorglos oder gar leichtsinnig kennt man den deutschen Anleger sonst eher nicht. Man kann ihn sich irgendwie auch nicht so vorstellen. Tatsächlich herrscht aber gerade eine geradezu sorglose Stimmung bei den Anlegern im Land. Das kann man zumindest den aktuellen Werten des VDAX NEW entnehmen, dem deutschen Volatilitätsindex. Warum es sich lohnt, öfter einmal auch einen Blick auf die Volatilitätsindices und die Angstbarometer zu werfen und daraus seine Schlüsse zu ziehen, verraten wir in unserem Beitrag.

Optimismus und Fakten gehen nicht immer Hand in Hand

Gerade eben hat der VDAX NEW, der deutsche Volatilitätsindex einen neuen Tiefststand erreicht – nur knapp drei Zähler über dem tiefsten Stand in den letzten zehn Jahren. Das zeugt von einer Menge Optimismus bei den Anlegern. Genau genommen gibt es dafür aber keinen wirklich nachvollziehbaren Grund, wenn man sich die derzeit herrschende weltwirtschaftliche Faktenlage ansieht. Genau genommen gäbe es eigentlich sogar einige Gründe, sich durchaus Sorgen um einige profunde Risiken zu machen. Das scheinen Anleger in Deutschland derzeit aber völlig zu ignorieren. Alles gerade, alles gut. Nein, ist es nicht.

Der Handelsstreit zwischen den USA und China muss keinesfalls zwingend positiv ausgehen. Zwar befinden sich beide Staaten gerade im Feiermodus – China feiert seinen 70. Gründungstag der Volksrepublik und in den USA wird es bald Wahlkampf – aber das bedeutet nicht, dass der Konflikt nun direkt aufgehoben wäre. Man hat ihn lediglich beiseite gelegt. Wenn die Ausnahmeregelungen für das Embargo gegen den Iran nun auslaufen, verliert nicht nur der Iran seine wichtigste Einnahmequelle, sondern China auch einen wichtigen Erdöl-Lieferanten. Das Land, das 20 % der weltweiten Ölimporte für sich reklamiert, ist dann auch mit steigenden Preisen konfrontiert. Ob sich China das einfach so gefallen lässt, mag bezweifelt werden. Drohgebärden gibt es zudem wieder einmal von den USA an die EU, samt Racheschwüren des Präsidenten. Nichts, was man sonst allzu ernst nähme – aber der Handelsstreit wird wohl auch hier nicht so schnell gütlich gelöst werden. Dazwischen immer noch Brexit-Chaos ohne Lösung, abkühlende weltweite Konjunktur und jüngst deutlich nach unten korrigierte Wachstumserwartungen in Europa.

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Wie immer, wenn sich die nüchterne weltweite Faktenlage so überhaupt nicht mit den Anlegerreaktionen zu decken scheint, stellt sich eine glasklare Frage, nämlich die nach dem WARUM?

Diese zu beantworten ist sicherlich höchst spekulativ – schließlich kann man Anlegern, wie allen anderen Menschen, nur vor die Köpfe gucken – aber manchmal doch durchaus lohnend. Will sagen: Es lohnt sich, sich darüber Gedanken zu machen.

Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund dafür, sich gar keine Sorgen zu machen und allen Risiken mit Optimismus zu begegnen. Die Susi-Sorglos-Haltung „wird sicher alles gut gehen“ ist nicht immer angebracht. Manchmal ging nämlich, wie wir wissen, auch in der Vergangenheit nicht alles gut. Manchmal ging es sogar ziemlich in die Brüche.

Natürlich sind Panikreaktionen im Moment auch nicht angebracht, aber wenn das freundlich-optimistische Lächeln dann endlich an manchen Orten einbricht, wenn die Schwankungen wieder zunehmen, fallen in den meisten Fällen dann auch die Kurse. Das, so sollte man annehmen, wissen auch die meisten Anleger, jedenfalls die Erfahrenen.

Was hat es mit Volatilitätsindices und „Angstbarometern“ überhaupt auf sich?

Der wichtigste deutsche Volatilitätsindex ist der VDAX NEW. Die Bezeichnung NEW rührt daher, dass der alte VDAX am 29. Juli 2016 eingestellt wurde. Um die beiden Werte nicht zu verwechseln, hat man den neuen dann einfach mit „NEW“ gekennzeichnet.

Was man aus dem VDAX NEW herauslesen kann, ist Folgendes: Er gibt an, welche Schwankungen es beim DAX in den nächsten 45 Tagen geben wird. Die Schwankungsbreite wird dabei in Prozentpunkten angegeben. Finanzmathematisch korrekt wird hier die sogenannte implizite Volatilität zugrundegelegt. Der alte VDAX wurde auf Basis einer fiktiven Option auf den DAX mit einer Restlaufzeit von 45 Tagen berechnet, der 2005 parallel dazu eingerichtete VDAX NEW kommt ohne diese Fiktion bei der Berechnung aus und setzt auf ein modernes Berechnungsverfahren, die Terminbörse EUREX und auf Optionen, die dort tatsächlich gehandelt werden. Auch der VSTOXX beruht auf einer ähnlichen Berechnungsgrundlage.

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Im Gegensatz zur impliziten Volatilität, die bei VDAX und VDAX NEW verwendet wird stünde übrigens die historische Volatiliät, die sich aus historischen Daten errechnet und eine Momentanstandardabweichung ergibt. Sie wäre bei Weitem nicht so aussagekräftig – eigentlich hätte sie so gut wie keine in die Zukunft gerichtete Aussagekraft.

Das sind allerdings schon sehr detaillierte Unterscheidungen.

Einfacher kann man sagen: der VDAX NEW gibt die erwartete Schwankungsbreite des DAX in den nächsten 45 Tagen an.

Damit kann man recht leicht verstehen, warum der VDAX NEW das deutsche „Angstbarometer“ ist: In turbulenten Zeiten ist sein Wert sehr hoch, weil in der nahen Zukunft mit hohen Kursschwankungen gerechnet werden muss.

Liegt sein Wert sehr niedrig, wird mit geringen Schwankungen innerhalb der nächsten 45 Tage gerechnet, den Erwartungen zufolge werden die Kurse also sehr stabil bleiben und sich ohne größere Kursschwankungen entwickeln.

Das Pendant für den amerikanischen Markt ist übrigens der VIX (eigentlich: CBOE Volatility Index) der die Schwankungsbreite des S&P 500 wiedergibt. Im Englischen nennt man ihn auch den ‚Fear Index‘ oder den ‚Fear Gauge‘.

Wie zuverlässig sind der VDAX und andere Volatilitätsindices?

Innerhalb der letzten Jahre haben wir schon mehrfach ein Mehrjahrestief des VDAX erlebt. Dabei gibt es eine interessante Erkenntnis: historisch gesehen sind niedrige VDAX-Stände für in naher Zukunft fallende Kurse deutlich zuverlässiger (valider) als ein hoher VDAX. Das gerät allerdings schon fast in den Bereich der technischen Analyse.

Für die Stimmung an den Börsen ist der VDAX NEW tatsächlich ein recht brauchbares Barometer – auch wenn er nur Schätzwerte liefert. Einige Experten raten dagegen vor allem Kleinanlegern, dem VDAX NEW auch nicht allzu viel Bedeutung beizumessen. Wie so oft gibt es hier auch wieder deutlich gegensätzliche Empfehlungen.

Sich einfach auf die simple Regel steigender oder hoher VDAX = fallende Kurse bei DAX-Titeln und hohes Risiko und umgekehrt niedriger VDAX = steigende Kurse und geringes Risiko bei den DAX-Titeln zu verlassen, funktioniert sicherlich nicht.

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Das wäre zu simpel gedacht, mit solchen Faustregeln kommt man im Leben selten recht weit. Einen gewissen Zusammenhang gibt es allerdings schon. Und wenn der VDAX auf einem derart niedrigen Niveau steht, wenn das in der realen Welt angesichts der aktuellen Situation gar nicht angebracht erscheint, dann stimmt etwas irgendwie nicht – und bringt zumindest einigen Grund, ein wenig nachzudenken. Damit ist der Zusammenhang – oder besser der fehlende Zusammenhang – zu unserem Beispiel vom Anfang erklärt. So komplett auf den Kopf gestellt funktioniert die „Faustregel“ nämlich nun auch wieder nicht.

Der VSTOXX bezieht sich auf den EURO STOXX 50 und beruht auf der gleichen Berechnungsweise wie der VDAX NEW. Man kann ihn als ein Stimmungsbarometer der europäischen Marktteilnehmer sehen. Die Faustregel mit den steigenden und fallenden Kursen stimmt auch für den VSTOXX, bezogen auf die EURO STOXX Titel, recht häufig – aber eben nicht immer.

Der VIX, der ja der Volatilitätsindex des relativ marktbreit angelegten S&P 500 ist, gilt indes als ein Indikator gleich für die gesamtweltwirtschaftliche Lage. Das rührt daher, dass man den S&P 500 auch als „weltweiten Leitindex“ wahrnimmt. Gelegentlich einmal einen zweiten Blick auf den VIX zu werfen, schadet als Anleger also auch nicht.

In dem einen oder anderen Fall könnte der Blick auf die beiden anderen Volatilitätsindices dann durchaus noch weitere Fragen aufwerfen und noch mehr Dinge auf den Tisch bringen, die so irgendwie nicht zusammenpassen. Das ist aber nicht schlimm – man muss über die Fragen einfach nur nachdenken, die da aufgeworfen werden, schlussendlich beantworten kann sie ohnehin keiner.

Und gründliches Nachdenken hat ja bekanntlich noch nie geschadet.

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One Comment

  1. Super Beitrag! Bin auf weitere gespannt

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