Die Sache mit dem Buchgeld

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Die Sache mit dem Buchgeld

In den letzten Beiträgen war zentral die Rede von europäischen Rettungsschirmen, den Aktivitäten der EZB und Themen wie Bankenrettung und befürchteten Bank Runs. Will man sich mit diesen Themen ein wenig tiefergehend auseinandersetzen, muss man sich zwangsweise auch mit dem sogenannten Buchgeld beschäftigen. Und mit den Unterschieden zwischen dem Buchgeld und dem Bargeld.

Da wohl die wenigsten diese Unterschiede und die Vorgänge beim Prozess der Geldschöpfung kennen, wollen wir hier für ein bisschen Transparenz sorgen. Die Art, wie wir in unserer Wirtschaft mit Buchgeld umgehen, hat durchaus auch Auswirkungen auf den einzelnen Bürger und zeigt, warum eine „Flucht ins Bargeld“ nicht unbedingt immer sinnvoll ist, um Negativzinsen auf Sparkonten zu vermeiden.

Was ist Buchgeld?

In unserem Wirtschaftssystem im Euroraum gibt es eine einheitliche Währung – den Euro. Das ist aber nicht die einzige Währung. Daneben gibt es, quasi im Hintergrund, auch noch eine andere Währung, das sogenannte Buchgeld oder Giralgeld.

Beim Buchgeld handelt es sich um jene Geldbeträge, die als elektronisches Geld in den Kontoführungssystemen der Banken liegen. Wer auf sein Girokonto 100 EUR einzahlt, tauscht es gewissermaßen gegen die gleiche Menge an Buchgeld. Solche Darstellungen von Guthaben nennt man banktechnisch „Sichteinlagen“. Wie Sichteinlagen funktionieren, ist daher leicht nachvollziehbar. Schwieriger wird es bei den nur als Buchgeld existierenden Geldmengen. Etwa wenn die Bank einen Dispo zur Verfügung stellt oder einen Kredit genehmigt. In diesem Fall erzeugt die Bank Buchgeld auf dem Konto des Kunden. Hier erkennt man dann einen der wesentlichen Unterschiede zwischen Bargeld und Buchgeld, denn die Geldmenge beim eingeräumten Kredit existiert nicht mehr physisch, sondern nur noch in den Büchern. Möchte man den im Dispo vorgesehenen Betrag nun in bar abheben, muss die Bank diese Menge Buchgeld gegen Bargeld umtauschen. Das macht sie bei der entsprechenden Zentralbank. Aus der zuvor nur als Buchgeld existierenden Geldmenge ist damit Bargeld geworden.

Das Gleiche passiert, wenn eine Bank einen Betrag an eine andere Bank überweist. Die Sparkasse tauscht das Buchgeld der Überweisung zunächst über ihr Konto bei der Zentralbank in Zentralbankgeld um und transferiert es an die Bank des Zahlungsempfängers.

Gehen mehrere Zahlungen hin und her (beide Banken haben ja mehrere Kunden, die sich gegenseitig etwas überweisen) wird nur der Gesamtsaldo der hin- und hergehenden Zahlungen über die jeweiligen Zentralbankkonten ausgeglichen.

Das sind zumindest sehr grob erklärt die grundlegenden Vorgänge dabei. Damit wird klar, welche wichtige Rolle die Zentralbank für die Aufrechterhaltung und Schaffung der gesamten im Umlauf befindlichen Geldmenge hat. Nur was die Zentralbank als Geld tatsächlich druckt, also zur Verfügung stellt, kann später in Bargeld umgetauscht werden.

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Damit wird auch schnell klar, warum Bank Runs für Banken so problematisch sind. Banken müssen lediglich 1 % des von ihnen erzeugten Buchgelds als Mindestreserve bei der Zentralbank als Guthaben halten. Kommt es zu einem Bank Run, also wollen alle Kunden ihr bei der Bank vorhandenes Guthaben (Buchgeld-Guthaben) in bar ausbezahlt haben, muss die Bank zunächst ihr Zentralbankguthaben in Bargeld tauschen. Das nimmt Zeit in Anspruch und wirkt sich möglicherweise katastrophal auf die Bilanz der Bank aus. Und zwar deshalb, weil ja nicht nur die Sichteinlagen zu berücksichtigen sind, sondern auch vergebene Kundenkredite, Verbindlichkeiten gegenüber der Zentralbank und der sogenannte Interbankensaldo. (Banken gewähren sich auch untereinander Kredite, auch dort kann eine Bank also Verbindlichkeiten haben).

Auch wenn eine Bank Vermögenswerte kauft (z.B. Wertpapiere), tut sie das mithilfe von dafür erzeugtem Buchgeld. Werden die Vermögenswerte wieder verkauft, wird die entsprechende Menge Buchgeld wieder vernichtet. Ähnlich funktioniert das bei Geldbeträgen, die Zentralbanken an Geschäftsbanken verleihen. Auch hier wird von der Zentralbank zunächst Zentralbankgeld erzeugt, das bei einer Rückzahlung des gewährten Kredits durch die Geschäftsbank wiederum vernichtet wird.

Das Ganze ist also deutlich komplizierter, als die meisten von uns das noch aus der Grundschule wissen (Banken nehmen die Spareinlagen der Sparer und vergeben sie als Kredit, wobei sie über die Differenz von bezahlten Sparzinsen und erhaltenen Kreditzinsen Gewinn erwirtschaften).

Regulierung der Geldmenge durch die Zentralbank

Ein weiterer, weit verbreiteter Irrtum besteht darin, dass bei der gewöhnlichen Geldpolitik die Zentralbank direkt die im Umlauf befindliche Geldmenge (der Fachbegriff dafür lautet „Geldmenge M3“) reguliert. Das tut sie nicht.

Gewöhnlich reguliert die Zentralbank die vorhandene Geldbasis nur indirekt, indem sie die sogenannten Leitzinsen reguliert. Das sind Zinssätze, die Geschäftsbanken für ihr jeweiliges Zentralbankguthaben erhalten oder für Kredite bei der Zentralbank bezahlen müssen. Sinken oder steigen diese Leitzinsen, hat das indirekt Auswirkungen auf die Wirtschaft. Bei niedrigen Leitzinsen können sich Banken sehr kostengünstig Geld bei der Zentralbank beschaffen – und sollen daher auch animiert werden, mehr Geld als Kredite zu vergeben. Vergeben die Banken mehr und leichter Kredite, soll das Investitionen fördern, was wiederum das Wirtschaftswachstum stimulieren soll, weil Unternehmen durch die leichter verfügbaren Kredite mehr investieren und dadurch auch Wachstum entsteht. Soweit jedenfalls die Theorie. In Krisenzeiten kann die Zentralbank auch die Menge an Zentralbankgeld erhöhen und im großen Umfang auch Wertpapiere aufkaufen, um die Wirtschaft, einzelne Staaten oder auch Banken finanziell zu entlasten und zu stützen. (Was die EZB während der Wirtschaftskrise 2008 in großem Umfang getan hat und gerade wieder in sehr großem Umfang tut).

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Zusätzlich bestimmen die festgesetzten Leitzinsen auch die sogenannten Geldmarktzinsen für Interbanken-Kredite, deren Zinssätze sich immer an Leitzinsänderungen orientieren. (EURIBOR oder LIBOR Zinssätze sind die Zinssätze für Geldmarktzinsen).

Die Bargeldmenge im Umlauf beeinflusst die Zentralbank hingegen nicht aktiv. Sie wird von der Menge der Abhebungen bestimmt, also praktisch von der Umtauschquote zwischen Bargeld und Buchgeld. Auch die Ansicht, dass die Zentralbank also einfach die im Umlauf befindliche Geldmenge direkt reguliert, ist eine starke Vereinfachung und so nicht wirklich richtig. Auch hier ist alles deutlich komplizierter, als wir das gemeinhin wahrnehmen.

Die im Umlauf befindliche Zentralbankgeldmenge („Geldbasis“) ist übrigens deutlich geringer als die insgesamt in öffentlichem Umlauf befindliche Geldmenge. Sie beträgt meist weniger als ein Fünftel der Geldmenge M3 (die derzeit etwa ein Volumen von 10.000 Mrd. Euro in der gesamten Eurozone hat).

Die wichtigsten Unterschiede zwischen Bargeld und Buchgeld

Man kann Buchgeld als eine Art Parallelwährung ansehen, die neben dem Bargeld existiert. Beides kann ineinander umgetauscht werden. Dafür kann es allerdings bestimmte Bedingungen geben.

Wenn ein Staat versucht, Bargeld komplett abzuschaffen, bliebe nur noch Buchgeld als Währung übrig. Dessen Wert kann man dann deutlich leichter regulieren. Buchgeld ist auch – da es sich um elektronische Datensätze handelt, die laufend überwacht werden können – in seiner Verbreitung jederzeit komplett nachvollziehbar. Dadurch können Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung praktisch komplett ausgeschaltet werden. Wenn es kein anderes Zahlungsmittel als das laufend überwachte Buchgeld gibt, bei dem Transaktionen in jedem einzelnen Fall nachvollziehbar sind. Außerdem kann Buchgeld, anders als Bargeld, nicht physisch gestohlen oder verloren werden – was es prinzipiell sicherer macht.

Das Problem liegt nun allerdings darin, dass Buchgeld lediglich eine Forderung des Bankkunden gegenüber der Bank darstellt, bei der er ein Guthaben hat. Wird die Bank insolvent, kann dieser Forderung von Seiten der Bank nicht mehr nachgekommen werden. Der Kunde verliert sein Geld. Um diesem Insolvenzrisiko zu begegnen, werden Einlagensicherungssysteme geschaffen, die im Insolvenzfall sicherstellen sollen, dass die Forderung des Kunden gegenüber einer Bank bis zu einer gewissen Betragshöhe (im Euroraum 100.000 Euro pro Kunde) erfüllt werden kann. Dazu muss man natürlich der Wirksamkeit der Einlagensicherung auch im wirtschaftlichen Krisenfall vertrauen.

Ein weiterer Negativ-Aspekt des Buchgelds liegt vor allem darin, dass sich die Geldgeschäfte, die über Buchgeld abgewickelt werden, schon seit Jahrzehnten weit von der Realwirtschaft entfernen. Wenn Staaten immer mehr Schulden machen und Banken immer neue Kredite vergeben, entsteht immer mehr Buchgeld. Bei Weitem nicht alle Kredite werden auch zurückbezahlt, die Schulden bleiben somit bestehen. (Und das geschaffene Buchgeld wird damit nicht mehr vernichtet, sondern bleibt im Umlauf).

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„Flucht ins Bargeld“ – und warum das wahrscheinlich nichts bringt

Gerade wenn einem als Sparer Negativzinsen drohen, gegen die man sich bei Buchgeld nicht wehren kann, liegt natürlich der Gedanke nahe, das Geld einfach abzuheben und als Bargeld aufzubewahren. (Die gutgeschriebene Geldmenge verringert sich bei Negativzinsen automatisch um den geltenden Zinssatz, ohne dass man das verhindern könnte). Bei Bargeld können die Negativzinsen die Geldmenge dann nicht betreffen. Das tun auch Firmen bereits, die selbst größere Bargeldmengen einlagern, um Verlusten und Negativzinsen zu entgehen.

Zentralbanken wissen natürlich, dass jemand versucht sein könnte, so etwas zu tun. Und sie stehen in der Verantwortung, solches Vorgehen möglichst zu verhindern, damit die Negativzinsen auch tatsächlich ihre Wirkung entfalten können. Die Negativzinsen sollen ja Menschen möglichst dazu animieren, Geld auszugeben und damit die Wirtschaft anzukurbeln. Geld, das gespart herumliegt, ist in einer solchen Situation nicht gewünscht, da es keine Antriebseffekte für die Wirtschaft (steigender Konsum) entfaltet.

Eine Möglichkeit, wie Zentralbanken und Staaten einer solchen sparmäßigen Anhäufung von Bargeld begegnen können, wären Abhebungsbeschränkungen. Eine andere Möglichkeit wäre, Bargeld von Jahr zu Jahr immer genau soweit abzuwerten, dass es den gleichen Wertverlust erfährt wie das Guthaben in Buchgeld. Die einzige Möglichkeit, Verluste aufzuhalten, wäre dann die Investition in Sachwerte, die ihren Wert behalten. Das würde aber wiederum einen Kauf dieser Sachwerte, also steigenden Konsum bedeuten.

Damit wird klar, dass Geld unter der Matratze auch heute keine besonders gute Idee ist. Das war es auch früher schon nicht. Mit den in vielen alten Häusern im Kamin eingemauerten Rentenmark-Bündeln kann man heute gar nichts mehr bezahlen. Die rustikale Anlageform hat sich also als komplett wertlos erwiesen.

Wer sich mit der Wirtschaft und der (Zins-)Politik der EZB etwas mehr auseinandersetzen möchte, wird zudem nicht umhin kommen, sich auch mit den Geldschöpfungsprozessen im Detail zu beschäftigen. Sowohl bei der EZB als auch bei den Geschäftsbanken (beides sind ja unterschiedliche Prozesse). Und sich die wirtschaftlichen Auswirkungen von Veränderungen auf dieser Basis zu überlegen. Hat man das Gesamtsystem und seine Funktionsweise im Blick, sehen viele Dinge plötzlich ganz anders aus, als man zuvor glaubte. Wobei auch dann nicht jede Maßnahme sinnvoll ist – sondern auch oft im Detail betrachtet mehr eine hilflose Verzweiflungstat darstellt.

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