KMU-Anleihen – ein Spiel mit dem Risiko?

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KMU-Anleihen – ein Spiel mit dem Risiko?

„Der Mittelstand in Deutschland, die KMU’s ist das, was unsere Wirtschaft stark macht“ – hört man immer wieder. Und ein gesunder Mittelstand wird Deutschland von vielen Experten bescheinigt. Grund genug also, sich mit einer KMU-Anleihe absolut sicher zu fühlen also – mitnichten. Die Realität sieht leider in vielen Fällen ganz anders aus. Erschreckend, aber wahr.

Der Mittelstand in Europa

Innerhalb der EU sind KMU die überwiegend vorhandene – und wirtschaftlich eindeutig dominante – Unternehmensgröße. Unglaubliche 99 % aller Unternehmen rechnet man zu den kleinen und mittleren Unternehmen. Und immerhin haben weit mehr als 60 Millionen Menschen einen Arbeitsplatz in einem der KMU’s. Daneben sind sie – naturgemäß – auch die wichtigsten Innovationsträger in der EU.

Auch in Deutschland sieht es ähnlich aus – hier sind sogar noch mehr als 99% aller Unternehmen – genau 99,6 % – kleine und mittlere Unternehmen. Sie bilden über 80 % der Lehrlinge aus und erwirtschaften gut 35 % des gesamten von Unternehmen erwirtschafteten Umsatzes. In manchen Branchen, wie etwa in der Stahlbauindustrie oder in der Spielwarenindustrie kommen sogar 70 – 80 % der Gesamtumsätze von KMUs. Und darüber hinaus haben beinahe 60 % aller arbeitenden Menschen in Deutschland ihren Arbeitsplatz in einem kleinen oder mittleren Unternehmen.

Die Bedeutung des Mittelstands, die sowohl von der Politik als auch von Ökonomen immer wieder betont wird, ist also tatsächlich realistisch – wir haben ja kaum andere Unternehmen als kleine und mittlere.

Ein anderes wichtiges Faktum, das man kennen sollte, ist, dass der Kapitalbedarf für KMUs oft schwierig zu decken ist. Sie sind wesentliche Innovationsträger im Land, und investieren viel in neue Entwicklungen. Mit der schon von Basel II geforderten Erhöhung der Eigenkapitalquote von Unternehmen wird es für Unternehmen allerdings oft schwierig, Innovationen auf den Markt zu bringen – oder schlicht zu wachsen. Es fehlt häufig einfach das Kapital für eine gute und nachhaltige Entwicklung. Die wenigen Förderungen von EU und in Deutschland auch vom Staat selbst greifen oft zu kurz, und können schon seit langem den eigentlich notwendigen Kapitalbedarf nur unzureichend decken. So weit also einmal zur Situation des Mittelstands in Europa und in Deutschland.

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Mittelstandsanleihen

Da Geld zu bekommen für viele KMUs schwierig ist, denkt man schon lange über andere Lösungen nach. Eine Mittelstandsanleihe, das war die bisher schlagkräftigste Lösung. Der Gedanke liegt immerhin nahe – KMUs fällt es schwer, an Kapital zu kommen, bündelt man den Kapitalbedarf mehrerer Unternehmen allerdings, und sucht Investoren, kann sehr viel Geld flüssig gemacht werden.

Angesichts des guten Rufs, den der Mittelstand in Deutschland im Allgemeinen genießt, sollte eine solche Anleihe ja auch gut an den Mann zu bringen sein – wer möchte nicht in den „stabilen, innovativen deutschen Mittelstand“ investieren, der so vielen Arbeit gibt, und der praktisch der Träger der brummenden deutschen Wirtschaft und vieler Innovationen ist. Liegt ja auf der Hand. Für viele bedeutete das allerdings ein böses Erwachen.
Pleiten über Pleiten

Insgesamt etwas über 160 Mittelstandsanleihen wurden in Deutschland seit 2010 ausgegeben. Ein Großteil des damit eingesammelten Kapitals stammt dabei von Privatanlegern – was die Geschichte besonders bitter macht.

Die Volumina vieler Anleihen waren gewaltig – 200 bis 300 Millionen Euro oder sogar noch mehr waren keine Seltenheit für diese Anleihen. Insgesamt sind viele Milliarden Euro mit diesen Anleihen, oft auch Mini-Bonds genannt, eingesammelt worden. Die Zinsversprechen waren unglaublich: 6 – 7 Prozent Zinsen waren fast immer drin, einige wagemutige haben sich auf bis zu 11,5 Prozent verstiegen. Wobei man sich natürlich schon zu Anfang fragen muss, welches Unternehmen tatsächlich in der Lage ist, so etwas zu erwirtschaften. Solider Mittelstand hin oder her.

Es kam was kommen musste: Fast ein Viertel (!) der Anleihen ging den berühmten Bach hinunter. Und zwar gründlich. So gründlich, dass die meisten Anleger einen praktischen Totalverlust erlitten haben. Obwohl das niemand so genau sagen kann, wenn ein Unternehmen pleite geht – oder in die Insolvenz flüchtet. Anleger wissen dann oft erst Jahre später, was sie noch bekommen – und ob überhaupt noch etwas.

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Der so „solide Mittelstand“ spiegelt sich also in der Entwicklung der Mini-Bonds nicht gerade recht trefflich wieder. Und wie schon erwähnt stammt das eingesammelte Geld zu einem sehr großen Teil von Kleinanlegern. Allein die KTG Pleite hat dabei fast 20.000 Anlegern ihr gesamtes Geld gekostet. Rechnet man das um, und schätzt einmal vorsichtig, sind das wahrscheinlich eine sehr hohe Zahl von Kleinbeträgen – und die stammen in den meisten Fällen von Privatanlegern.

Anlegerrechte sind häufig minimiert – und Versprechungen äußerst verlockend

Für jede Anleihe muss es natürlich einen entsprechenden Prospekt geben. Das ist auch bei den Mini-Bonds so. Natürlich sieht dort drin alles rosig aus – die Bedeutung der Innovationskraft des Mittelstands und die wirtschaftlich tragende Bedeutung für den Standort Deutschland wird beinahe schon überstrapaziert. Daneben werden viele Dinge auch bewusst für den „einfachen Anleger“ passend aufbereitet: „Das passt auf einen Bierdeckel“ ist im Internet über eine Anlage zu lesen. Wobei man vernünftigerweise keine Anleihe zeichnen sollte, deren Beschreibung auf Bierdeckelgröße reduziert wurde – jedenfalls nicht mit dem eigenen Geld.

Sieht man sich das Kleingedruckte in vielen Prospekten dann genau an, wird dann auch tatsächlich auch oft deutlich, dass viele versuchen, die Anlegerrechte so weit wie nur möglich einzuschränken. Im Falle einer Pleite des Unternehmens (die bei astronomischen Zinssätzen, die angeboten werden, oft schon obsolet ist) sieht es für die Anleger dann leider noch schlimmer als schlimm aus.

Daneben wird auch nicht immer sehr freigebig mit Information umgegangen. Viele Unternehmen halten sich gekonnt im Dunkeln, und auch professionellen Rechercheuren in den Medien gelingt es oft nicht, die angegebenen Zahlen auch nur irgendwie gegenzuprüfen – oder etwas mehr Einblick in die Geschäftstätigkeit eines Unternehmens zu bekommen. Das ist natürlich alles andere als eine Sicherheitsgarantie für einen Anleger.

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Börsen sehen keinen Handlungsbedarf

An den Börsen findet man, was da passiert, bisher nicht bedenklich. Man ist an den meisten Börsen der Meinung, dass Unternehmen einfach Möglichkeiten brauchen, sich mit Fremdkapital zu versorgen, und dass das auch über den Kapitalmarkt möglich sein sollte.

Gut, grundsätzlich sind wir auch dieser Meinung – immerhin sind Innovationen und Arbeitgeber für mehr als die Hälfte aller deutschen Arbeiter und Angestellten tatsächlich ein wichtiger Faktor für die deutsche Wirtschaft. Das bestreitet niemand, und dass Unternehmen Kapital brauchen, um sich entwickeln und voranschreiten können, bestreitet auch niemand.

Bei 25 % Ausfallquote macht uns allerdings nachdenklich, ob man das tatsächlich als solide, wertvolle und empfehlenswerte Anlage anpreisen kann – vor allem für Kleinanleger, bei denen die Verluste oft doppelt schmerzhaft sein können, und in vielen Fällen die komplette Altersvorsorge massiv bedrohen können. Als Anleger sollte man also wirklich lieber zweimal hinsehen – und im Zweifelsfall einem allzu optimistischen Zinsversprechen lieber mit sehr gesundem Misstrauen begegnen. Dann bleibt einem immerhin am Ende sein Geld.

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