Schweinezyklus im Turbo-Modus: Entwicklungen, über die man als Anleger nachdenken sollte

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Schweinezyklus im Turbo-Modus: Entwicklungen, über die man als Anleger nachdenken sollte

Gerade in der letzten Zeit kann man bei vielen wichtigen Werten enorme Schwankungen sehen – das hat natürlich Auswirkungen auf die Börsen aber auch ganz schlicht im Alltagsleben. Das Auf und Ab – in der Wirtschaftswelt gemeinhin als Schweinezyklusbezeichnet – scheint sich in vielen Bereichen immer schneller abzuspielen. Wo die Gründe dafür liegen und welche Auswirkungen das in einzelnen Bereichen haben kann, wollen wir in unserem Beitrag einmal näher beleuchten und herausfinden, über welche Entwicklungen man auch aus Anlegersicht nachdenken sollte.

Was ist der Schweinezyklus?

Der Begriff „Schweinezyklus“ stammt aus einer wissenschaftlichen Arbeit der Zwanziger Jahre aus dem Bereich der Agrarwissenschaften. In der Dissertation wurde ein sehr gutes Modell für die Schwankungen des Schweinepreises gezeichnet, das schon kurze Zeit später als allgemeines Modell in allen Bereichen der Wirtschaftswissenschaft verwendet wurde. Der „Schweinezyklus“ ist seit damals ein allgemeingültiges und sehr nützliches Modell um Marktpreisschwankungen zu untersuchen und zu analysieren.

Das Modell im Einzelnen

Beim grundlegenden Modell werden die Preise für Schweinefleisch untersucht. Als Beispiel wollen wir das einmal beibehalten, da es sehr anschaulich ist.

Wir beginnen beim Zeitpunkt A, an dem gerade sehr hohe Preise für Schweinefleisch herrschen. Das ist der Zeitpunkt, wo auch Produzenten ihre Produktion steigern, Investitionen tätigen und versuchen, ihr Geschäft auszubauen, um von den guten Marktpreisen zu profitieren.

Schweine kann man allerdings nicht über Nacht züchten – es braucht eine gewisse Aufzuchtzeit, bis die zusätzlichen Schweine schlachtreif sind. Während die kleinen Schweinchen noch heranwachsen, herrscht ein Mangel, der – gemäß dem Gesetz von Angebot und Nachfrage – die Preise auf hohem Niveau hält (Mangelsituation = Preissteigerung).

Nach einer gewissen Verzögerungszeit, in der Fachsprache Time Lag genannt, sind die Schweine schlachtreif, eine Menge Schweinefleisch kommt auf den Markt.

Da während der gesamten Phase der hohen Preise immer mehr Produzenten ihre Produktion erhöht haben, kommt auch laufend mehr Schweinefleisch auf den Markt. Es entsteht ein Überschuss, der – ebenfalls gemäß dem Gesetz von Angebot und Nachfrage – zu einem langsamen Preisverfall führt (Überangebot = Preissenkung).

Die Schweineproduzenten beobachten den Preisverfall und beginnen, ihre Produktion zu drosseln. Da aber Schweine, die sich mitten in der Aufzucht befinden, aber noch bis zur Schlachtreife gebracht werden, vergrößert sich der Überschuss noch für eine ganze Zeit lang weiter, bis die Produktion gedrosselt wird. Es kommt also auch hier zu einer Verzögerung in der Reaktion, einem Time Lag.

Angesichts der stark gefallenen Preise fahren Produzenten ihre Produktion radikal zurück, um sich wirtschaftlich zu schützen. Als Folge gelangt immer weniger Schweinefleisch auf den Markt, mit dem Abbau des Überschusses steigt aber wiederum die Nachfrage. Da die Produzenten auf die steigenden Preise nur langsam reagieren und erst sehr spät beschließen, ihre Produktion wieder zu steigern, entwickelt sich ein Mangel, der wiederum zu sehr hohen Preisen führt, weil Schweinefleisch wegen der erst langsam steigenden Produktion und dem Time Lag bei der Aufzucht (nötige Aufzuchtzeit) immer noch knapp ist. An diesem Punkt beginnt der gesamte Zyklus wieder von vorn.

Der Zyklus ist anhand statistischer Daten gut nachvollziehbar – auch in anderen Bereichen. Man kann dabei zyklisch große Schwankungen bei den Marktpreisen beobachten – es herrscht eine hohe Volatilität. Das gilt analog auch für viele andere Bereiche der Wirtschaft.

Sowohl für Produzenten als auch für Konsumenten stellt das durchaus ein Problem dar. Es wäre also nützlich, die Ursache herauszufinden, um die Volatilität begrenzen zu können. Das hätte für beide Seiten – sowohl für Produzenten als auch für Konsumenten – einen Vorteil, nämlich den einer realistischen Preisgestaltung. Durch abwechselnde Überkapazitäten und Mangelzustände sind die Preise nur zu sehr wenigen Zeitpunkten auf einem realistischen Niveau – die meiste Zeit sind sie relativ gesehen entweder zu hoch oder zu niedrig, je nachdem ob es sich um Überschuss- oder Mangelzeiten handelt.

Wo liegt die Ursache für diese Schwankungen?

Sieht man genau hin, kann man zwei Ursachen für diese Schwankungen ausmachen:

1. Die Produzenten richten ihre Produktion und ihre Investitionen nach dem aktuellen Marktpreis aus – anstatt nach dem zu erwartenden Zeitpunkt der Vermarktung.

2. Der Time Lag zwischen Investitionsentscheidung und tatsächlicher Vermarktungskapazität führt dazu, dass sich der eigentliche Bedarf zum Zeitpunkt der Vermarktung nicht sicher einschätzen lässt.

Um das Problem zu lösen, wäre es sinnvoll, wenn Produzenten sich ganz einfach am tatsächlichen Bedarf zum Vermarktungszeitpunkt orientieren – und auf diesen zukünftigen Bedarf hin ihre Produktionssteigerung oder –rücknahme planen würden. Das würde die Volatilität der Preise stark einschränken.

Wie sieht das in anderen Bereichen aus?

Schweinezyklen kann man in vielen anderen Bereichen der Wirtschaft ebenfalls beobachten. Ein Beispiel wäre etwa der Bedarf an Ärzten: zu Zeiten eines Ärztemangels sehen viele Abiturienten gute Chancen auf ein großes Spektrum an gutbezahlten Jobs und gute Bezahlung. Auf den Unis drängen alle ins Medizinstudium, da jeder die Chance auf einen guten Job wahrnehmen möchte. Die Zahl der Studenten liegt mit der Zeit weitaus höher als die fehlende Zahl von Ärzten.

Zum Zeitpunkt, wo die letzten aus dem Studium kommen, herrscht bereits eine regelrechte Ärzte-Schwemme, viele müssen ins Ausland gehen oder sich um die wenigen Stellen mit hoher Konkurrenz bewerben und auch verschlechterte Arbeitsbedingungen in Kauf nehmen, da Ärzte nun nicht mehr händeringend gesucht werden.

Problem ist auch hier der Time Lag – in diesem Fall die Zeit des Studiums.

Auch im Bereich des Wohnungsbaus und ganz allgemein auf Immobilienmärkten kann man Schweinezyklen gut beobachten – hohe Immobilienpreise führen zu einer Überbauung und damit zu einem langfristigen Rückgang der Preise, später auch der Bautätigkeit. Die dadurch entstehende Verknappung an Wohnraum führt nachfolgend wieder zu einem Anziehen der Preise und damit auch wieder zu verstärkter Bautätigkeit – der Zyklus beginnt wieder von vorne. Auslöser für den Effekt ist auch hier der Time Lag – in diesem Fall die Projektierungs– und Bauzeit für Gebäude, die ebenfalls einen Time Lag verursachen kann. Zum Zeitpunkt der Fertigstellung eines Wohngebäudes (oft erst Jahre nach der Entscheidung zu bauen) kann der aktuelle Bedarf (und das Preisniveau) bereits wieder ganz anders aussehen.

Das Beispiel Ölpreis

Auch bei der Ölförderung kann man einen Schweinezyklus beobachten: Zieht die Konjunktur an, steigt der Bedarf der Industrie an Erdöl – bei gleichbleibenden Fördermengen steigt in diesem Fall der Ölpreis pro Barrel auf dem Weltmarkt.

Lässt die Konjunktur nach und bleiben die Fördermengen auf gleichem Niveau, kommt es zu einer zu hohen Fördermenge – es entsteht ein Überschuss, und der Ölpreis fällt.

Um die Volatilität zu senken und den Ölpreis möglichst konstant zu halten, beschließt die OPEC, die Gemeinschaft der ölfördernden Staaten, jeweils eine Anpassung der Fördermengen an den aktuellen Bedarf.

Dafür gibt es mehrere Gründe: Die ölfördernden Staaten wollen einen Preisverfall durch Überförderung vermeiden, da sie für ihre Erdölexporte dann weniger Geld erhalten würden. Da es in vielen dieser Staaten nur wenig andere Exportmöglichkeitengibt, ist das für die finanzielle Situation dieser Staaten sehr bedeutsam.

Umgekehrt besteht natürlich auch das Interesse der Industrienationen, den Ölpreis nicht allzu hoch werden zu lassen: eine Unterproduktion würde zu steigenden Benzin- und Heizölpreisen für die Bürger und die Wirtschaft führen, zudem würde in der Industrie ein steigender Ölpreis auch die Produktionskosten steigern und damit die auch die Endprodukte verteuern. Das wiederum führt allerdings wiederum zu geringeren Exporten und steigenden Importausgaben all jener Staaten, die Güter aus den westlichen Industrienationen importieren (dazu gehören unter anderem auch in hohem Maß viele der ölförderndenLänder).

Der Ölpreis gilt zudem auch als Signal für Investoren, wie es um die Entwicklung und den aktuellen Stand der Weltwirtschaft bestellt ist: niedrige Ölpreise deuten auf eine geringe Wirtschaftsleistung (geringer Rohölbedarf) hin – steigende Ölpreise hingegen auf ein Anziehen der Konjunktur (steigender Rohölbedarf wegen steigender Produktion, damit sind höhere Gewinne bei den Unternehmen zu erwarten, was wiederum die Aktienwerte der großen Unternehmen erhöht).

Gerade beim Ölpreis muss man sich also vergegenwärtigen, dass hier komplexe und vielschichtige Zusammenhänge bestehen. Als Signal darf man den Ölpreis nicht unterschätzen. Bislang ist es der OPEC über lange Zeiträume einigermaßen gelungen allzu starke Schwankungen des Ölpreises zu verhindern. Durch die Anpassungen der Fördermengen konnten allzu steile Anstiege des Ölpreises ebenso wie ein Preisverfall meist verhindert werden.

Das Problem, mit dem wir uns beim Ölpreis aber nun konfrontiert sehen ist die Tatsache, dass der OPEC die Kontrolle langsam entgleitet. In der letzten Zeit konnten wir eine Erhöhung des Ölpreises innerhalb weniger Tage um mehr als 100 % beobachten, gefolgt von einem rasanten Absturz um 25 % – ebenfalls innerhalb weniger Tage.

Der Schweinezyklus, der gewöhnlich beim Ölpreis herrscht (der Time Lag ist hier die Zeit, die benötigt wird, bis die Anpassung der Fördermengen Wirkung zeigt und sich die geförderte Menge an den Bedarf anpasst), ist plötzlich ausgehebelt. Die Schwankungen passieren schneller, als man mit dem Anpassen der Fördermengen auch nur annähernd hinterherkommenkönnte. Das führt zu einer Vielzahl von bedenklichen Entwicklungen in vielen Bereichen – selbst einige Indices gaben aufgrund der Schwankungen gleich einmal um mehrere Prozentpunkte nach, weil auf den Märkten und bei den Investoren eine hohe Unsicherheit wegen der widersprüchlichen Signale herrscht.

Grund für die Schwankungen sind die geopolitische, instabile Lage und insbesondere Maßnahmen der USA. Präsident Trump scheint es sich zum Ziel gesetzt zu haben, die US-Wirtschaft mit einem anhaltenden Dauer-Boom zu beehren, um sich selbst den Titel „größter Wirtschaftslenker aller Zeiten“ verpassen zu können.

Vor kurzem haben die USA begonnen, ihre eigenen Fördermengen (größtenteils durch sehr kostenintensives Fracking) drastisch zu erhöhen, gleichzeitig wurde von den OPEC-Staaten verlangt, die Fördermengen nicht zu drosseln – damit würde ein Signal anziehender und anhaltender Hochkonjunktur in den USA gesetzt und die US-Wirtschaft befände sich in einem Boom.

Das massive Ansteigen des Ölpreises ist hingegen auf die USA-Sanktionen gegen den Iran zurückzuführen, die in der Folge eine Welle von Befürchtungen ausgelöst hat, dass der Wegfall oder die im Zuge der Sanktionen stark gedrückten Fördermengen des Irans zu einer Verknappung von Öl führen könnte. Nur wenig später erlaubten die USA jedoch wiederum einer Vielzahl von Ländern trotz der verhängten Sanktionen dennoch Öl vom Iran zu beziehen. Das führte ruckartig zu einer Entspannung der Lage und zum Sinken des Ölpreises. Die gleichzeitig nicht erfolgte Senkung der Fördermengen in den OPEC-Staaten, die hohen zusätzlichen Fördermengen aus den USA und die in vielen Bereichen der Welt stärker als erwartet stagnierende Wirtschaft führen nun zu einer Schaffung von Überkapazitäten, Experten haben Befürchtungen, dass der Ölpreis auf unter 40 Dollar pro Barrel fallen könnte. Alle diese Schwankungen vollzogen sich innerhalb eines Zeitraums von Wochen.

Die Signale für die Wirtschaft und vor allem für die Investoren sind widersprüchlich – das zeigt sich auch in der hohen Unsicherheit auf den Märkten – was langfristig auf die wirtschaftliche Entwicklung weltweit drückt.

Bei einem weiteren Absinken des Ölpreises würden sich wiederum die amerikanischen Fracking-Unternehmen bedroht sehen, die Öl nur mit sehr hohen Kosten fördern können – ist durch den geringen Weltmarktpreis für das Öl nur wenig zu erlösen, bekommen sie unweigerlich Probleme mit der Wirtschaftlichkeit. Dann geht der Schuss des „genialen Wirtschaftslenkers“ ordentlich nach hinten los. Flugs wurde daraufhin per Tweet angekündigt, man wolle dafür sorgen, dass der Ölpreis wieder steigt – und hat ein weiteres Mal in der Weltwirtschaft kräftig umgerührt.

Wenn Menschen ohne jedes Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge und ohne jeden weltwirtschaftlichen Weitblick und Bewusstsein für die Folgen eigenen Handelns ziellose impulsive Handlungen setzen und andauernd völlig sinnlose Konflikte anzetteln, kann das die gesamte Weltwirtschaft bedrohen.

Worauf sollte man als Anleger achten?

Es lohnt sich, immer einmal wieder Ausschau zu halten, wo Schweinezyklen bestehen – und sich genau anzusehen, welche Regulationsmechanismen für Schwankungen vorhanden sind und ob sie ausreichend funktionieren. Im Fall des Ölpreises tun sie es seit geraumer Zeit nicht mehr, da Anpassungen aufgrund des bestehenden Time Lag gar nicht mehr mit den wöchentlich wechselnden Entwicklungen Schritt halten können – und das hat weitreichende Folgen.

Zeigt sich, dass ein Gegensteuern bei Schweinezyklen nicht mehr richtig funktioniert, sollte man sehr vorsichtig mit Investments sein. Dabei sollte man auch Bereiche berücksichtigen, die mittelbar von der jeweiligen Volatilität mitbetroffensind oder sein könnten (im Falle der massiven Ölpreisschwankungen sind das durchaus auch der S&P 500 und der DAX).

Wer hier genau hinsieht und sorgsam überlegt, kann sich in vielen Fällen vor großen Risiken oft gut bewahren. Wie ein berühmter Forscher einmal sagte: „Es fällt Menschen schwer in Regelkreisen und Zyklen zu denken – es würde sich aber lohnen“. In diesem Fall in Schweinezyklen.

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