Unicorns und Hidden Champions – und andere Dinge, bei denen man als Kleinanleger lieber genau hinschauen sollte

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Unicorns und Hidden Champions – und andere Dinge, bei denen man als Kleinanleger lieber genau hinschauen sollte

Wem die Börse momentan noch nicht volatil genug ist, der sucht nach anderen „Glücksgriffen“ – möglichst solchen, bei denen man glaubt, ziemlich schnell ziemlich reich zu werden. Das Versprechen gibt es immerhin mittlerweile vielfach im Bereich neuer Unternehmen: Spektakuläre Börsengänge, Start-ups, die einst die Welt verändern werden und sogenannte Hidden Champions, denen man enorme Gewinne zutraut. Klopft man das Ganze etwas nüchtern ab, bleibt oft nicht viel mehr als großmäuliger Werbestaub und ziemlich wilde Träume einer glänzenden Zukunft. Dem nüchternen Tatsachenmenschen graut es vor solchen Anlagen. Von Anlagenschützern werden wir aber ausgerechnet vor allen anderen Unternehmensfinanzierungen geschützt, die auf bodenständigem Terrain arbeiten und nicht vor den großen Illusionisten. Irgendwie ist das bei den Unternehmensfinanzierungen gerade eine wirklich verkehrte Welt.

Unternehmen und Start-ups brauchen Kapital

Das steht außer Frage. Wer es in irgendeinem Markt erfolgreich zu etwas bringen will, muss sein Produkt bewerben, sich gegen die bestehende Konkurrenz durchsetzen, sich Marktanteile erkämpfen. Anders ist das nicht zu machen, das leuchtet ein. Und das alles kostet natürlich auch Geld, viel Geld – das erstmal von irgendwoher kommen muss. Die Gründer mit den genialen Ideen sind zumeist arm wie Kirchenmäuse – oder haben jedenfalls bei Weitem nicht so viel, wie sie brauchen.

Dazu kommt, dass wir durch die großen Veränderungen, die unserer Welt bevorstehen – Digitalisierung, KI, völlig neue und fortschrittliche Verkehrskonzepte, neue soziale Herausforderungen – ganz natürlich an der Schwelle zu einer völlig neuen Welt stehen. Wer es schafft, etwas zu erfinden oder auf die Beine zu stellen, das in dieser neuen Welt tatsächlich seinen Siegeszug antritt, der wird sicherlich für sehr lange Zeit sehr viel Geld verdienen, wenn er sich durchsetzt. Das lockt natürlich auch Investoren in großer Zahl.

Wie immer in unserer großmäuligen westlichen Welt zählen die gewagtesten Fantasien, die am werbewirksamsten inszeniert werden am meisten. Ob man dabei eigentlich noch ungefähr eine Million Probleme gar nicht richtig gelöst hat oder noch nicht einmal eine Idee hat, wie man sie lösen könnte, kratzt die Investoren dabei häufig wenig. Die Großartigkeit des Traums entscheidet und damit die Großartigkeit des möglichen exorbitanten Gewinns.

Das hat zur Entstehung zahlreicher „Unicorns“ (wörtlich: Einhörner) geführt: Unternehmen, die, obwohl sie bislang noch keinen müden Cent verdient haben oder noch nicht einmal ein einziges operatives Geschäft betreiben, bereits mit mehr als 1 Milliarde US-Dollar bewertet werden. Dabei ist natürlich noch lange nicht Schluss – 20 Milliarden oder 45 Milliarden Dollar Unternehmenswert hat man ebenfalls schon gesehen.

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Dream Hits Reality: wenn aus Einhörnern dann Pferde werden

Einhörner sind nicht nur getrieben von den Träumen ihrer Gründer – sondern auch von denen der Investoren. Die werfen solchen Unternehmen häufig das Geld nur so hinterher. Nüchterne Tatsachen-Überlegungen zählen dabei nicht. Jeder will plötzlich an dieser „neuen Zukunft“ beteiligt sein, vor allem finanziell. Selbst die Goldgräber, die während des großen Goldrausches scharenweise nach Alaska strömten, waren höchstwahrscheinlich immer noch deutlich weniger enthusiastisch und immer noch bodenständiger.

Viele dieser Unternehmen sammeln zunächst einmal außerbörslich einen Haufen Geld ein – Venture Capital lautet hier das Zauberwort. Das ist ganz einfach und praktisch, man braucht bloß seine wilden Fantasien gut zu vermarkten und den Geldbeutel nach vorne zu strecken. Er füllt sich dann wie von ganz allein.

Für Privatpersonen ist das direkte Investieren in solche außerbörslichen Start-Ups in den USA grundsätzlich verboten – vorgeblich aus Gründen des Anlegerschutzes. Sie können aber natürlich nach einem Börsengang die Einhorn-Aktien kaufen – und erleben sehr oft ein böses Erwachen. Uber ist vielleicht das bekannteste Unternehmen in dieser Reihe, bei dem man den geschätzten Unternehmenswert nach dem Börsengang dann praktisch geviertelt hat. Vielen kleinen Anleger, die sich vorsorglich beim Börsenstart mit Uber-Aktien eingedeckt hatten, hat das vermutlich ein böses Erwachen beschert. Den Großinvestoren und Risikokapitalgebern, die von einem frühen „Exit“ profitiert hatten, winkten dagegen in vielen Fällen satte Gewinne.

Uber ist, wie schon erwähnt, nicht das einzige Unternehmen, das in diese Kategorie fällt. Es gibt davon mehrere hundert. Zu den Unicorns zählten auch Airbnb, Dropbox und Snapchat, in der jüngsten Zeit auch WeWork. Die zunehmende Zahl von Unicorns liegt mit auch darin begründet, dass Unternehmen heute erst sehr viel später an die Börse gehen, als das früher üblich war. Aus den einstmals durchschnittlichen vier Jahren sind heute im Schnitt bereits elf Jahre geworden. Zu diesem Zeitpunkt ist dem Einhorn oft das glänzende Horn schon längst abgefallen und es ist zum schnöden Pferd geworden.

Venture Capital steht für solche „Traum-Unternehmen“ aber meist ausreichend zur Verfügung, um sich über lange Zeit finanzieren zu können. Und die hohen Mittelzuflüsse verzerren natürlich den wahren Unternehmenswert. Der wird erst offenbar, wenn es zur Sache – und an die Umsetzung der genialen Idee – geht.

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Unicorns sind übrigens nicht nur ein amerikanisches Phänomen – auch hierzulande gibt es einige: Auto1, Delivery Hero, HelloFresh, um nur ein paar zu nennen. CureVac und die Global Fashion Group sind allgemein dagegen wahrscheinlich eher weniger bekannt. Allen gemein ist, dass sie erst noch liefern müssen, dass sie beweisen müssen, dass ihre ehrgeizigen Pläne auch tatsächlich der Realität standhalten – und dass die erwarteten Gewinne für die „weltverändernde Idee“ auch tatsächlich eintreten (können).

Zu viel Geld auf dem Markt – und zu wenige lukrative Chancen

Ein viel diskutierter Grund ist, dass – vor allem in den USA – durch die lockere Geldpolitik einfach zu viel Geld auf dem Markt ist und wirklich harte, solide Erfolgschancen über Start-ups zu verdienen, einfach fehlen. Das mag zutreffen – eine andere mögliche Lesart ist aber, dass Investoren, die gerne in großspurige Träume und weltverändernde Maßnahmen investieren, sich einfach nicht für solide, aber langweilige Geschäftsideen interessieren, weil sie ihnen ganz einfach zu bieder sind. Womit soll man denn dann angeben? In eine neue Supermarktkette investiert zu haben, die eine solide Wachstumsbilanz aufweist? Wie öde. Sowas kann doch jeder.

Hidden Champions und andere Unsäglichkeiten

Auch hierzulande ist man auf den Zug (natürlich, wir ahmen ja alles nach) aufgesprungen und versucht, „Hidden Champions“ als die unglaublich lukrative Investitionsquelle für Kleinanleger anzupreisen.

Da hat man doch glatt ein angeblich in seinem wahren Potenzial völlig verkanntes Unternehmen gefunden, das ganz leise und heimlich alle Burgerbrötchen für Burger King backt – einer der „Champions von morgen“, ganz klar, das leuchtet jetzt auch völlig ein. Dieses Unternehmen bündelt man dann mit anderen Unternehmen in ähnlicher Couleur in einem Dachfonds bündelt, über den man dann als Kleinanleger ab ein paar tausend Euro Startkapital investieren kann – oder alternativ auch über einen monatlichen Sparplan.

Günstig ist das natürlich nicht, zu den „Vorabkosten“ von 12 % kommt dann noch ein satter Ausgabeaufschlag von 5 %, daneben fallen noch jährliche Gebühren von über 2 % an. „Hidden Champions“ als einmalige Gelegenheit, auch als Kleinanleger in so etwas wie Unicorns zu investieren, sind nun einfach einmal keine Schnäppchen wie so ein doofer ETF, den eh schon jeder hat. Es wäre fast zum Weinen, wenn man dabei nicht auch gleichzeitig herzlich lachen müsste. Man kann nur hoffen, dass ausreichend viele Kleinanleger den Joke ebenfalls erkennen.

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Sinnvolle Unternehmensfinanzierungen für bodenständige Start-ups gibt’s nicht mehr

Crowdfunding schien zunächst ein Weg in die Zukunft der Unternehmensfinanzierung zu sein. Egal, wie klein ein Start-up noch war, es konnte auf diesem Weg viel kleines Geld einsammeln, wenn seine Idee überzeugend und solide war und zugleich mit einem bloßen Finanzierungsversuch bereits gut abschätzen, wie das Publikum allgemein auf die eigenen Geschäftspläne reagiert.

Nach dem anfänglichen Hype 2012, bei dem neue Finanzierungsplattformen nur so aus dem Boden schossen, ähnelt die ganze Szene heute einem verlassenen altenglischen Friedhof. Selbst die Ruinen sind schon in sich zusammengefallen. Mit ein ganz wesentlicher Grund dafür war mit Sicherheit, dass man von den ganzen Plattformen plötzlich eine BaFin-Zulassung verlangte, und die neu geschaffene „Prospektpflicht“ für Anleger gnadenlos durchdrückte. Natürlich aus Gründen des „Anlegerschutzes“ in diesem höchst gefährlichen Bereich des grauen Kapitalmarkts, wo Menschen so gut wie nie mehr als 100 Euro in ein Start-up steckten, zumeist nach viel Überlegung viele auch nur Beträge in der Größenordnung von 5 bis 20 Euro gaben, weil ihnen die Idee einfach gefiel.

Solche möglichen Totalverluste mussten natürlich „dringend verhindert“ werden, hier stand natürlich das finanzielle Wohlergehen der vielen Kleinanleger ganz sicher ernsthaft auf dem Spiel (besser doch das Geld in vom Staat propagierte „Volksaktien“ wie dazumals die Telekom-Aktie stecken, nicht wahr? Das erspart dann Verluste.) Das Ergebnis war, dass so ziemlich alle dieser Plattformen sehr schnell angesichts der massiven Regularien einfach aufgaben – und heute so gut wie kein Start-up diesen Weg der Unternehmensfinanzierung überhaupt noch ernsthaft in Betracht zieht.

Gerade bei den zahlreichen Herausforderungen, die die nötigen Veränderungen zur Bekämpfung des Klimawandels von uns verlangen und die von Start-ups mit innovativen Ideen sehr gut geleistet werden könnten, wäre eine Möglichkeit zur Beteiligung der Bevölkerung sehr wünschenswert. Aber diese Unternehmen waren ja auch schon in der Vergangenheit sehr umsichtig und haben versucht, erstmal kleine, aber machbare Brötchen zu backen – die wollten aber eben nicht den Mars kolonisieren. Braucht also echt keiner. Laaangweilig.

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