Was versteht man unter dem Clean Price?

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Was versteht man unter dem Clean Price?

Wer zum ersten Mal eine Anleihe kaufen möchte, wundert sich oft über eine kleine, aber irritierende Beobachtung: Der Preis, den die Bank beim Kauf schlussendlich vom Verrechnungskonto abbucht, ist meistens ein anderer als der Kurs, den das Orderbuch angezeigt hat. Der Grund dafür heißt Stückzinsen – und genau an dieser Stelle wird die Unterscheidung zwischen Clean Price und Dirty Price wichtig.

Warum es zwei Preise für dieselbe Anleihe gibt

Anleihen zahlen ihre Zinsen (Kupons) in aller Regel zu festen Terminen aus – bei klassischen deutschen Staatsanleihen einmal im Jahr, bei vielen Unternehmensanleihen halbjährlich. Zwischen zwei Kuponterminen „laufen“ die Zinsen aber kontinuierlich auf: Jeder Tag, den ein Anleger die Anleihe hält, erzeugt einen anteiligen Zinsanspruch.

Wird eine Anleihe nun zwischen zwei Kuponterminen verkauft, müsste der alte Besitzer eigentlich leer ausgehen – er bekommt den kompletten nächsten Kupon ja nicht mehr. Um das zu verhindern, hat sich am Anleihenmarkt ein einfacher Mechanismus etabliert: Der Käufer zahlt dem Verkäufer beim Handel die bis dahin aufgelaufenen Zinsen direkt in bar mit. So behält jeder genau den Anteil der Zinsen, der zu seiner Haltedauer passt. Diese anteiligen Zinsen heißen Stückzinsen.

Genau hier setzt die Unterscheidung an:

  • Der Clean Price ist der reine Kurs der Anleihe – also der Preis, zu dem der Markt die Anleihe aktuell bewertet, ohne Berücksichtigung aufgelaufener Stückzinsen. Das ist der Wert, den Sie im Orderbuch und in den Kurslisten sehen.
  • Der Dirty Price ist der tatsächlich zu zahlende Betrag inklusive der seit dem letzten Kupontermin aufgelaufenen Stückzinsen. Das ist der Betrag, der schlussendlich vom Konto abgebucht wird.

Der Zusammenhang ist denkbar einfach:

Dirty Price = Clean Price + Stückzinsen

Ein konkretes Zahlenbeispiel

Die Mechanik wird deutlich einfacher, wenn man sie einmal durchrechnet. Angenommen, Sie möchten eine Bundesanleihe mit folgenden Eckdaten kaufen:

  • Nominalwert: 1.000 Euro
  • Kupon: 2,5 Prozent pro Jahr
  • Letzter Kupontermin: vor 200 Tagen
  • Aktueller Kurs (Clean Price): 98 Prozent → 980 Euro
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Die Stückzinsen lassen sich über eine einfache Näherung berechnen. Üblich am Anleihenmarkt ist die Formel:

Stückzinsen ≈ Nominalwert × Kupon × (Tage / Tage pro Jahr)
Stückzinsen ≈ 1.000 € × 2,5 % × (200 / 360)
Stückzinsen ≈ 13,89 €

Der Dirty Price, also der Betrag, der Ihnen tatsächlich belastet wird, liegt damit bei:

Dirty Price = 980 € + 13,89 € ≈ 993,89 €

Wichtig zu wissen: Die Tagekonvention ist nicht überall dieselbe. Deutsche Bundesanleihen rechnen nach Act/Act (tatsächliche Tage geteilt durch tatsächliche Jahreslänge), viele Unternehmensanleihen und internationale Papiere nach Act/360. Die obige Formel ist deshalb eine saubere Näherung und liefert bei den meisten Kleinanleger-Beträgen praktisch denselben Wert wie die exakte Rechnung – für das Verständnis des Mechanismus ist sie vollkommen ausreichend.

Warum Anleihen überhaupt „clean“ notieren

Anleihen werden an den Börsen praktisch weltweit im Clean Price notiert. Das hat einen einfachen Grund: Würde man den Dirty Price anzeigen, schwankte der Kurs einer Anleihe schon deshalb ständig, weil die Stückzinsen Tag für Tag um einen winzigen Betrag wachsen. Zum Tag der Kuponzahlung fiele der Kurs dann schlagartig wieder auf die Basislinie zurück – ein Sägezahnmuster, das mit der eigentlichen Wertentwicklung der Anleihe nichts zu tun hätte.

Indem nur der Clean Price angezeigt wird, blendet der Markt genau dieses rechnerische Rauschen aus. Kursbewegungen, die man im Orderbuch sieht, spiegeln dann tatsächlich Änderungen der Marktbewertung wider – etwa wegen einer Zinsänderung am Markt, neuer Bonitätsnachrichten des Emittenten oder verschobener Inflationserwartungen. Genau deshalb ist der Clean Price die sauberere Grundlage für jede Renditeberechnung und für den Vergleich verschiedener Anleihen.

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Als Synonyme sind Ihnen dabei möglicherweise zwei weitere Begriffe begegnet: Die ex-Kupon-Notierung ist gleichbedeutend mit dem Clean Price, die cum-Kupon-Notierung (gelegentlich auch „flat-Notierung“) mit dem Dirty Price. Beide Ausdrücke werden in älteren Lehrbüchern und im Interbankenhandel noch verwendet – am Privatanlegermarkt hat sich aber die Begriffspaarung Clean/Dirty durchgesetzt.

Stückzinsen und Steuer

Für den Privatanleger wird das Thema Stückzinsen spätestens dann praktisch relevant, wenn die Steuerbescheinigung ins Haus flattert. Anders als vor 2009 – als der sogenannte Stückzinstopf als eigene Verrechnungsrubrik existierte – werden gezahlte und erhaltene Stückzinsen seit Einführung der Abgeltungssteuer einfach als Teil der Zinseinkünfte behandelt. Wer beim Kauf Stückzinsen an den Verkäufer zahlt, kann diese steuerlich als negative Zinseinnahmen gegenrechnen; wer beim Verkauf Stückzinsen erhält, verbucht sie als positive Zinseinnahmen. Der Verlustverrechnungstopf „Zinsen“ Ihrer Depotbank sorgt dafür, dass am Ende des Jahres alles korrekt saldiert ist.

Im Ergebnis bedeutet das: Stückzinsen fallen steuerlich nicht aus dem Rahmen, sie werden schlicht als Zinserträge gebucht. Wer den Sparer-Pauschbetrag (1.000 Euro pro Person, 2.000 Euro für gemeinsam veranlagte Ehepaare) noch nicht ausgeschöpft hat, zahlt auf überschaubare Beträge ohnehin keine Steuer.

Ein kurzer Hinweis zu negativen Stückzinsen

Während der Phase negativer Zinsen in der Eurozone (grob 2014 bis 2022) gab es tatsächlich Anleihen mit negativen Kupons – also Kupons unterhalb von null. In solchen Fällen sind folgerichtig auch die Stückzinsen negativ: Der Käufer zahlt dann nicht positive Stückzinsen an den Verkäufer, sondern umgekehrt „empfängt“ rechnerisch einen kleinen Betrag vom Verkäufer. Mit der Zinswende der EZB seit 2022 ist dieses Phänomen im Neuemissionsmarkt praktisch verschwunden, im Sekundärhandel kann man es aber noch vereinzelt bei alten Papieren antreffen.

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Wo Privatanleger Anleihen direkt kaufen können

Die meisten bekannten Neobroker in Deutschland haben ein sehr begrenztes Anleihenangebot. Wer gezielt einzelne Staatsanleihen oder Unternehmensanleihen an den wichtigen europäischen und US-amerikanischen Handelsplätzen kaufen möchte, braucht einen Broker mit echtem Direktzugang zu den Anleihenmärkten. Eine passende Adresse ist CapTrader, der als Introducing Broker von Interactive Brokers den Zugriff auf ein sehr breites Anleihenuniversum bietet; eine ausführliche Einordnung steht im CapTrader-Test.

Eine vollständige Übersicht der Broker finden Sie in unserem Depotkonto-Vergleichsrechner.

Häufige Fragen zum Clean Price

Warum werden Anleihen ex Kupon notiert?
Damit die Börsenkurse nicht allein durch den täglich wachsenden Zinsanspruch schwanken. Würde man den Dirty Price anzeigen, ergäbe sich ein rechnerisches Sägezahnmuster, das mit der tatsächlichen Kursentwicklung nichts zu tun hat. Der Clean Price blendet dieses Rauschen aus.

Welche Zinskonvention gilt in Deutschland?
Für deutsche Bundesanleihen wird traditionell die Konvention Act/Act verwendet, also tatsächliche Tage bezogen auf die tatsächliche Jahreslänge. Viele Unternehmensanleihen und internationale Papiere rechnen hingegen nach Act/360 oder 30/360. Bei typischen Kleinanleger-Beträgen sind die Unterschiede im Cent-Bereich und für das Gesamtverständnis unerheblich.

Muss ich Stückzinsen versteuern?
Stückzinsen werden seit 2009 wie normale Zinserträge behandelt: gezahlte Stückzinsen mindern die zu versteuernden Zinseinnahmen, erhaltene erhöhen sie. Der Verlustverrechnungstopf „Zinsen“ Ihrer Depotbank saldiert das im Hintergrund automatisch.

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