Die Downsides von modernen ETFs – und eine freundliche Warnung

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Die Downsides von modernen ETFs – und eine freundliche Warnung

Zuletzt aktualisiert: April 2026

Als wir diesen Beitrag ursprünglich verfasst haben, war die ETF-Begeisterung gerade im Begriff, aus der Nische in den Massenmarkt überzugehen. Heute, im Jahr 2026, ist das längst geschehen: Weltweit existieren über 16.000 ETFs mit einem Gesamtvolumen von rund 21 Billionen US-Dollar, und die drei größten Anbieter — iShares, Vanguard und State Street — vereinen allein knapp 60 Prozent dieses Marktes auf sich. Selbst Warren Buffett empfiehlt in seinen Aktionärsbriefen seit Jahren sinngemäß, die meisten Privatanleger seien mit einem einfachen S&P-500-ETF besser bedient als mit einem aktiven Fondsmanager.

An dieser Grundempfehlung hat sich nichts geändert. ETFs bleiben für den Kleinanleger eines der besten Produkte, die die Finanzindustrie je hervorgebracht hat. Es gibt allerdings ein paar Eigenarten moderner ETFs, die Anleger kennen sollten, bevor sie eine Produktauswahl treffen. Fünf davon schauen wir uns in diesem Beitrag genauer an.

1. Klumpenrisiko im MSCI World

Der am häufigsten besparte Welt-Index, der MSCI World, enthält rund 1.400 Unternehmen aus 23 Industrieländern. Das klingt nach breiter Diversifikation — und ist es in Bezug auf die Anzahl der enthaltenen Titel auch. Schaut man allerdings auf die Ländergewichtung, ergibt sich ein anderes Bild: Die USA machen inzwischen rund drei Viertel des Index aus. Und innerhalb dieses US-Anteils konzentriert sich ein beträchtlicher Teil auf eine Handvoll Tech-Konzerne — Apple, Microsoft, Nvidia, Alphabet, Amazon, Meta und Tesla.

Das ist eine Folge der Marktkapitalisierungs-Gewichtung: Unternehmen mit höherem Börsenwert bekommen im Index automatisch ein höheres Gewicht. Wer in den letzten zehn Jahren in einen MSCI-World-ETF investiert hat, hat stark von dieser Konzentration profitiert, weil genau dieser US-Tech-Block hervorragend gelaufen ist. Der Kehrseite ist allerdings, dass die „globale Diversifikation“ heute deutlich stärker an der Entwicklung weniger US-Konzerne hängt als viele Anleger annehmen.

Wer dieses Klumpenrisiko reduzieren möchte, hat verschiedene Möglichkeiten: einen breiteren Index wie den FTSE All-World (über 4.000 Unternehmen inklusive Schwellenländer), eine Ergänzung um einen Europa- oder Emerging-Markets-ETF, oder alternative Gewichtungsmethoden wie gleichgewichtete ETFs. Wichtig ist vor allem, sich der Konzentration bewusst zu sein, bevor man den MSCI World als „sicheren Welt-ETF“ wahrnimmt.

2. Die Flut neuer Indices und Nischen-ETFs

Mit dem Boom kam die Produktvielfalt. 2013 gab es weltweit grob 5.000 ETFs, heute sind es über 16.000 — und der Zuwachs verteilt sich längst nicht mehr gleichmäßig auf Welt- oder Regional-Indizes. Stattdessen legen die Anbieter zunehmend thematische und Nischen-ETFs auf: Künstliche Intelligenz, Wasser, Cybersecurity, Cannabis, seltene Erden, Weltraumwirtschaft, Alterung der Gesellschaft, Videospiele — kaum ein Trend, zu dem es nicht mindestens einen passenden ETF gibt.

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Diese Entwicklung hat einen nachvollziehbaren Grund: Bei klassischen Welt- oder S&P-500-ETFs ist der Wettbewerb so hart geworden, dass die jährlichen Gebühren unter 0,1 Prozent gefallen sind. Am „Plain-Vanilla“-ETF verdienen die Anbieter kaum noch etwas. Ein frisch aufgelegter Themen-ETF mit 0,65 Prozent Jahresgebühr und einem griffigen Marketing-Konzept ist für die Anbieter wirtschaftlich deutlich attraktiver.

Für Anleger bedeutet das zweierlei: Erstens sind viele Themen-ETFs spürbar teurer als breite Welt-ETFs. Zweitens ist die historische Wertentwicklung neuer Themen-ETFs oft sehr kurz und wenig aussagekräftig. Wer in einen Themen-ETF investiert, kauft kein bewährtes Produkt, sondern eine Wette auf ein Narrativ — und sollte sich dessen bewusst sein.

3. Physische oder synthetische Replikation

Ein ETF bildet einen Index auf eine von zwei Arten nach. Physisch replizierende ETFs kaufen die im Index enthaltenen Wertpapiere tatsächlich — entweder alle, oder bei sehr großen Indizes eine repräsentative Auswahl (Sampling). Synthetisch replizierende ETFs dagegen halten einen Korb anderer Wertpapiere und tauschen die Wertentwicklung dieses Korbs über ein Swap-Geschäft mit einer Bank gegen die Wertentwicklung des eigentlichen Index ein.

Synthetische ETFs haben zwei praktische Vorteile: Sie können bestimmte Indizes — etwa auf US-Aktien aus europäischer Sicht — steuerlich effizienter abbilden, und sie haben oft einen sehr geringen Tracking Error. Der Nachteil ist das sogenannte Kontrahentenrisiko: Wenn die Swap-Gegenseite ausfällt, kann es zu Verlusten kommen. UCITS-Regulierung begrenzt dieses Risiko auf maximal 10 Prozent des Fondsvermögens, und in der Praxis wird es durch Sicherheiten meist noch weiter reduziert. Trotzdem bleibt ein struktureller Unterschied zum physisch replizierenden ETF, bei dem Sie im Prinzip die Originalaktien im Sondervermögen halten.

Für den typischen Privatanleger, der langfristig einen Welt-ETF bespart, sind physisch replizierende ETFs meist die transparentere und leichter nachvollziehbare Wahl. Synthetische ETFs sind nicht pauschal schlechter — sie sind nur erklärungsbedürftiger.

4. Factor-ETFs und Smart Beta — das gebrochene Versprechen

Eine ganze Produktkategorie baut darauf auf, dass bestimmte systematische Merkmale von Aktien — niedrige Bewertung (Value), geringe Volatilität (Minimum Volatility), hohe Qualität (Quality), Momentum — langfristig eine Überrendite gegenüber dem Gesamtmarkt liefern. Die akademische Grundlage dafür ist solide und reicht Jahrzehnte zurück. In den 2010er Jahren haben die großen ETF-Anbieter daraus eine Welle sogenannter Smart-Beta-Produkte gemacht.

Die praktische Bilanz der letzten zehn Jahre ist für viele dieser Strategien ernüchternd. Klassische Value-ETFs etwa sind deutlich hinter dem breiten Markt zurückgeblieben, weil der Wachstumsvorteil US-amerikanischer Tech-Aktien den traditionellen Bewertungsfaktor in dieser Phase ausgehebelt hat. Minimum-Volatility-ETFs haben in Bullenmärkten underperformt, ohne im Crash von 2020 so viel Schutz zu bieten, wie die Theorie es nahegelegt hätte.

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Das heißt nicht, dass Factor-Investing grundsätzlich nicht funktioniert — nur dass die zyklischen Schwankungen der einzelnen Faktoren größer sein können als die Geduld vieler Anleger. Wer einen Factor-ETF kauft, sollte den Faktor verstehen, an seine langfristige Prämie glauben und bereit sein, ihn auch durch mehrjährige Schwächephasen zu halten.

5. Liquiditätsrisiko in Krisenphasen

ETFs werden oft als „liquider als der zugrundeliegende Markt“ vermarktet, weil sie fortlaufend an der Börse gehandelt werden. In normalen Marktphasen stimmt das auch. In Stressphasen kann sich das Bild jedoch drehen — besonders bei ETFs auf weniger liquide Anlageklassen wie Hochzinsanleihen, Schwellenländeranleihen oder Small-Cap-Aktien.

Im März 2020, während des Corona-Crashs, war kurzzeitig zu beobachten, dass die Börsenkurse einiger Anleihen-ETFs deutlich unter dem theoretischen Nettoinventarwert lagen. Der Grund: Die zugrundeliegenden Anleihen waren nicht mehr flüssig handelbar, und die ETF-Kurse spiegelten eher den aktuellen Marktzustand wider als den rechnerischen Buchwert der Anleihen. Für Anleger, die in dieser Situation verkaufen mussten, war das ein echtes Problem.

Für einen ETF auf den MSCI World oder S&P 500 ist dieses Risiko vernachlässigbar — die enthaltenen Aktien werden immer gehandelt. Bei exotischeren Anlageklassen ist ein Blick auf Bid-Ask-Spread, durchschnittliches Handelsvolumen und Fondsgröße sinnvoll, bevor man ein Produkt wählt.

Was heißt das konkret für die Produktwahl?

Die fünf Punkte machen ETFs nicht zu einem schlechten Produkt. Sie zeigen nur, dass der Satz „in ETF ist ein ETF“ nicht mehr reicht — das Produktuniversum ist inzwischen zu groß und zu heterogen. Die ganz praktische Konsequenz für die meisten Privatanleger lässt sich auf drei Punkte reduzieren:

  • Kern aus Plain-Vanilla-Produkten: Ein großer, liquider, physisch replizierender Welt-ETF (MSCI World oder FTSE All-World) mit Fondsvolumen jenseits der Milliardengrenze und einer TER unter 0,25 Prozent bleibt die solide Basis. Bei modernen Neobrokern wie Trade Republic lassen sich genau solche ETFs kostenlos besparen, und das ist in neun von zehn Fällen alles, was ein Privatanleger wirklich braucht.
  • Thematik und Exotik nur mit Budget-Obergrenze: Wer einen Themen-ETF auf Künstliche Intelligenz, saubere Energie oder Robotik reizvoll findet, kann das einplanen — aber besser als bewussten kleinen Anteil des Depots, nicht als Kern. Eine in der Praxis bewährte Größenordnung sind zehn bis höchstens zwanzig Prozent des Aktienanteils.
  • Bei jedem ETF zwei Minuten nachdenken: Welchen Index bildet er ab? Wie viele Titel sind enthalten? Wie hoch ist die Konzentration der Top-10? Physisch oder synthetisch repliziert? Die Antworten stehen im Factsheet, und zwei Minuten reichen, um grobe Fehlgriffe zu vermeiden.
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Eine vollständige Übersicht der Broker, die sich für ETF-Sparpläne eignen, finden Sie in unserem Broker-Vergleich.

Häufige Fragen

Ist der MSCI World wirklich ein Klumpenrisiko?
Der MSCI World enthält rund 1.400 Unternehmen aus 23 Industrieländern — das ist breit gestreut. Die Ländergewichtung ist allerdings stark auf die USA konzentriert (rund drei Viertel), und innerhalb der USA auf wenige große Tech-Konzerne. „Klumpenrisiko“ ist insofern relativ: Für den langfristigen Vermögensaufbau ist der MSCI World weiterhin eine solide Wahl, man sollte sich der US-Tech-Konzentration aber bewusst sein.

Sind synthetische ETFs gefährlich?
Nein, aber sie haben ein anderes Risikoprofil als physisch replizierende ETFs. Das Kontrahentenrisiko ist durch die UCITS-Regulierung auf maximal 10 Prozent des Fondsvermögens begrenzt und wird in der Praxis meist durch Sicherheiten weiter reduziert. Für die meisten Privatanleger ist die physische Replikation trotzdem die einfachere und transparentere Wahl.

Lohnen sich Factor- oder Smart-Beta-ETFs?
Die akademische Grundlage für Faktoren wie Value, Quality oder Momentum ist solide, die praktische Bilanz der letzten zehn Jahre aber gemischt. Wer einen Factor-ETF kauft, sollte den Faktor verstehen und bereit sein, auch mehrjährige Schwächephasen durchzuhalten. Als Kern-Investment sind sie in den meisten Fällen die schlechtere Wahl als ein breiter Welt-ETF.

Wie erkenne ich einen exotischen Nischen-ETF, den ich eher meiden sollte?
Typische Warnzeichen: Fondsvolumen unter 100 Millionen Euro, TER deutlich über 0,5 Prozent, sehr kurze Kurshistorie, stark konzentrierte Top-10-Holdings, Index, der vom Anbieter selbst oder einem Nischen-Provider berechnet wird. Wenn mehrere dieser Punkte zusammenkommen, ist ein genauerer Blick angebracht.

Welcher Broker eignet sich am besten für den Einstieg in ETF-Sparpläne?
Für Einsteiger, die einen Plain-Vanilla-Welt-ETF besparen möchten, sind Trade Republic und Scalable Capital die naheliegende Wahl — beide bieten kostenlose ETF-Sparpläne ab einem Euro und eine große Produktauswahl. Eine vollständige Übersicht finden Sie in unserem Broker-Vergleich.

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