Zuletzt aktualisiert: April 2026
In der letzten Folge haben wir erklärt, wie der Zinssatz einer Anleihe zustande kommt. Jetzt geht es um den zweiten großen Einflussfaktor auf die Rendite: den Kurs, zu dem eine Anleihe an der Börse gehandelt wird. Wer den Anleihekurs versteht, versteht auch, warum Anleihen in Stressphasen plötzlich Kursverluste erleiden — obwohl der Schuldner weiterhin solide dasteht.
Was ist der Kurs einer Anleihe?
Anders als Aktien wird der Kurs einer Anleihe nicht in Euro angegeben, sondern in Prozent des Nennwerts. Eine Anleihe mit Nennwert 1.000 € und einem Kurs von 90 % kostet an der Börse 900 € — obwohl Sie bei Fälligkeit die vollen 1.000 € zurückerhalten. Notiert die Anleihe bei 105 %, zahlen Sie 1.050 € für denselben Rückzahlungsanspruch.
Man spricht dann von einem Kauf unter pari (unter 100 %) bzw. über pari (über 100 %). Zu pari bedeutet: Kaufpreis entspricht exakt dem Nennwert.
Wie kommt der Anleihekurs zustande?
Wie bei allen Wertpapieren: durch Angebot und Nachfrage. Entscheidend ist, wie attraktiv die Anleihe im Vergleich zu neu emittierten Anleihen oder anderen Anlageformen gerade ist. Sobald sich Käufer und Verkäufer auf einen Preis einigen, entsteht ein neuer Kurs.
Was beeinflusst den Anleihekurs?
1. Das allgemeine Zinsniveau
Das ist der bei weitem wichtigste Einflussfaktor. Die Grundlogik lautet:
Steigen die Marktzinsen → fallen die Kurse bestehender Anleihen.
Fallen die Marktzinsen → steigen die Kurse bestehender Anleihen.
Warum? Eine ältere Anleihe mit einem Kupon von 1,5 % wird unattraktiv, sobald neue Anleihen 3,5 % zahlen. Damit ihr Kurs wieder konkurrenzfähig wird, muss er fallen — so weit, bis die effektive Rendite beider Anleihen vergleichbar ist.
Diesen Zusammenhang hat die Zinswende 2022–2024 auf dramatische Weise sichtbar gemacht: Als die EZB die Leitzinsen von 0 % auf 4,5 % anhob, verloren langlaufende Staatsanleihen zweistellig an Kurswert — nicht wegen gestiegener Ausfallrisiken, sondern allein wegen des veränderten Zinsniveaus. Wer damals eine 20-jährige Bundesanleihe hielt, sah Buchverluste von 20–30 %.
2. Die Bonität des Emittenten
Verschlechtert sich die Kreditwürdigkeit eines Schuldners — etwa durch politische Krisen, steigende Verschuldung oder operative Probleme — steigt das wahrgenommene Ausfallrisiko. Investoren verlangen dann einen höheren Spread, was den Kurs der betreffenden Anleihe drückt.
3. Die Restlaufzeit
Je länger die Restlaufzeit, desto stärker reagiert der Kurs auf Zinsänderungen. Eine Anleihe mit 20 Jahren Restlaufzeit reagiert auf einen Zinsanstieg um 1 % deutlich heftiger als eine Anleihe, die in 6 Monaten fällig wird. Diesen Effekt nennt man Duration.
Wie beeinflusst der Kurs die Rendite?
Der Kurs beim Kauf hat direkten Einfluss auf die tatsächlich erzielte Rendite — unabhängig vom Nominalzins. Hier drei Szenarien im Vergleich:
| Kaufkurs | Nennwert | Rückzahlung | Kursgewinn/-verlust | Effekt auf Rendite |
|---|---|---|---|---|
| 90 % (900 €) | 1.000 € | 1.000 € | +100 € Gewinn | Rendite höher als Kupon |
| 100 % (1.000 €) | 1.000 € | 1.000 € | 0 € | Rendite = Kupon |
| 108 % (1.080 €) | 1.000 € | 1.000 € | −80 € Verlust | Rendite niedriger als Kupon |
Für die vollständige Renditeberechnung — unter Berücksichtigung von Kupon, Kaufkurs, Tilgungskurs und Laufzeit — empfehlen wir Folge 17 — Die Rendite einer Anleihe berechnen mit interaktivem Rechner.
Zunächst müssen wir aber noch einen Begriff klären, der beim Anleihen-Kauf häufig übersehen wird: die Stückzinsen. Mehr in Folge 16 — Stückzinsen.
Anleihekurs berechnen: ein konkretes Beispiel
Angenommen, Sie beobachten folgende Anleihe am Sekundärmarkt:
- Nennwert: 1.000 €
- Kupon: 2,0 % p.a. (= 20 € pro Jahr)
- Restlaufzeit: 3 Jahre
- Aktuelles Marktzinsniveau für vergleichbare Anleihen: 3,5 %
Da neue Anleihen 3,5 % zahlen, muss diese Anleihe günstiger sein als ihr Nennwert — sonst würde sie niemand kaufen. Der Markt drückt den Kurs so weit nach unten, bis die effektive Rendite (Kupon + Kursgewinn bis Fälligkeit) dem aktuellen Marktzins entspricht. In der Praxis läge dieser Kurs grob bei rund 96–97 %.
Wer gezielt in Einzel-Anleihen investieren möchte, braucht einen Broker mit breitem Marktzugang. CapTrader bietet Zugang zu über 1,2 Millionen handelbaren Wertpapieren weltweit, darunter Staatsanleihen, Unternehmensanleihen und internationale Rentenmärkte. Eine vollständige Brokerübersicht finden Sie in unserem Depotkonto-Vergleichsrechner.
Häufige Fragen zum Anleihekurs
Warum fällt der Kurs einer Anleihe, wenn die Zinsen steigen?
Weil ältere Anleihen mit niedrigeren Kupons im Vergleich zu neu emittierten Anleihen weniger attraktiv werden. Der Kurs muss fallen, bis die Gesamtrendite wieder marktkonform ist.
Kann ich mit Anleihen Kursverluste erleiden?
Ja — wenn Sie eine Anleihe über pari kaufen und der Kurs bis zu Ihrem Verkauf fällt, oder wenn Sie vor Fälligkeit verkaufen müssen. Wer bis zur Endfälligkeit hält, erhält immer den Nennwert zurück (sofern der Emittent nicht ausfällt).
Was ist der Unterschied zwischen Kurs und Rendite?
Der Kurs ist der aktuelle Marktpreis der Anleihe in Prozent des Nennwerts. Die Rendite ist die tatsächliche Jahresverzinsung unter Berücksichtigung von Kaufkurs, Kupon und Tilgungskurs — also das, was Sie wirklich verdienen.
Wie kann ich den aktuellen Kurs einer Anleihe nachschlagen?
Über die Suchfunktion jedes gängigen Brokers oder über die Deutsche Börse (Rentenmarkt). Anleihen werden über ihre ISIN identifiziert.
Die Anleihen-Serie im Überblick
- Folge 12 — Was ist eine Anleihe?
- Folge 13 — Wie kaufe ich eine Anleihe?
- Folge 14 — Der Anleihenzinssatz
- Folge 15 — Der Kurs einer Anleihe (diese Folge)
- Folge 16 — Stückzinsen
- Folge 17 — Die Rendite einer Anleihe berechnen
- Folge 18 — Sonderformen von Anleihen
- Folge 19 — Die ultimative Anleihen-Zusammenfassung

