Prämisse: Wachstum – warum wir auch als Anleger unser Wirtschaftssystem manchmal hinterfragen sollten (Teil II)

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Prämisse: Wachstum – warum wir auch als Anleger unser Wirtschaftssystem manchmal hinterfragen sollten (Teil II)

Im ersten Teil unseres Beitrags haben wir erklärt, warum Wachstum für Unternehmen innerhalb der Wirtschaft zwingend notwendig ist. In diesem Teil werden wir uns nun mit den Downsides des ständigen Wachstums, mit seinen Grenzen und Risiken befassen.

Auch staatliche Wirtschaft muss wachsen

Zunächst noch eine weitere Prämisse unseres Wirtschaftssystems, die oft untergeht: Nicht nur Unternehmen müssen wachsen, sondern auch die gesamte Wirtschaftsleistung eines Staates muss nach gängiger Wirtschaftsdiktion kontinuierlich wachsen.

Die Gesamtmenge der Güter die in einem Staat produziert und konsumiert wird, muss steigen – nur dadurch kommt es zu steigenden Löhnen, einem ständig steigenden Lebensstandard bei der Bevölkerung (wenigstens theoretisch und über Jahrzehnte hinweg) und steigenden Ausgaben der Haushalte für Konsum.

Das ist umgekehrt wiederum der Motor für Unternehmen, die dadurch mehr produzieren und neue Produkte schaffen können, weil die Menschen einen höheren Bedarf und eine höhere Kaufkraft durch die gestiegenen Löhne haben – und umgekehrt. Die Zahl der Arbeitsplätze wächst, die Arbeitsbedingungen werden besser, die Löhne höher und die Menschen kaufen mehr und erhöhen durch diesen größeren Besitz ihren Lebensstandard.

Wie gesagt, theoretisch. In der Praxis ist das ein sehr, sehr kompliziertes Gefüge. Einen höheren Absatz erreichen Staaten im Inland meist nicht mehr, daher müssen sie exportieren und sich neue Märkte (z.B. China) suchen. Damit treten sie in Wettbewerb zu heimischen Wirtschaften, die sie zunächst überflügeln müssen. Gerade bei Schwellenländern ist das noch recht einfach, weil dort meist mit geringerem Technologieeinsatz und geringerer Effizienz produziert wird – und die Produkte deshalb häufig nicht so hochwertig und wegen der geringeren Stückzahlen auch teurer sind. Ein afrikanischer Molkereibetrieb, der die Milch von 500 Kühen verarbeitet, hat einem deutschen Großkonzern, der Abermillionen von Litern Milch mit modernsten Maschinen verarbeitet, nichts, aber auch gar nichts entgegenzusetzen. Dafür kommen dann viele Afrikaner in den Genuss von nicht ganz so billigem, aber deutlich billigerem deutschen Milchpulver – und der kleine afrikanische Molkereibetrieb geht schnurstracks pleite. Es herrscht eben Wettbewerb, allenthalben und überall auf der Welt.

Der deutsche Großbetrieb braucht neue Märkte, um weiter wachsen zu können und den Kampf gewinnt er spielend. Jedenfalls so lange, bis das Schwellenland seine eigene Wirtschaft und Produktivkapazität gesteigert hat, um mithalten zu können. Und den ausländischen Großkonzern irgendwann (vielleicht in Jahrzehnten) aus dem heimischen Markt werfen kann.

Die Downsides des Wachstums

Das Bild des stetigen Wachstums und der ständig steigenden Löhne und des immer steigenden Lebensstandards in den Industrienationen ist natürlich zu schön, um wahr zu sein. Es ist eine Illusion, bestenfalls ein theoretisches Ideal. Dass die Wirklichkeit in weiten Bereichen dann doch ein wenig anders aussieht, wird dem einen oder anderen wohl schon aufgefallen sein.

Downside 1: Gegensätzliche Bedürfnisse

Die aktuellen Diskussionen um die ständig steigenden Mieten zeigen bereits in einem einzelnen, klar abgegrenzten Bereich, wie sich die Notwendigkeit zum Wachstum und bestimmte Grundbedürfnisse entgegenstehen.

Menschen wollen nicht den Großteil ihres verfügbaren Einkommens (oder noch mehr als das) dafür aufwenden, um in einer bestimmten Stadt, in der sie aufgrund ihrer Arbeitssituation wohnen müssen, die Miete zu bezahlen.
Die Niedrigzinspolitik, um die Wirtschaft anzukurbeln, verringert die vorhandenen lukrativen Anlagemöglichkeiten. Damit fließt viel Anlage-Geld in Immobilien – gewohnt wird schließlich immer und Mieterhöhungen sind eine vergleichsweise einfache Möglichkeit, seinen Gewinn aus der Anlage kontinuierlich zu erhöhen.

Die großen Wohnungsbau-Anbieter sind – wegen ihrer Investoren – natürlich auch in der Zwangslage, von Jahr zu Jahr höhere Gewinne zu erzielen, um für die Anleger Rendite zu erwirtschaften. Schaffen sie das nicht, fließt kein neues Geld mehr, weil es für die Anleger unattraktiv wird. Damit wird das Wachstum und auch der Bau neuer Wohnungen für noch mehr Einnahmen gebremst.

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Nimmt man ihnen diese Möglichkeit, wie etwa durch den jüngst für Berlin geplanten „Mietendeckel“ (keine Mieterhöhungen für die nächsten fünf Jahre, Erhöhungen von über 50 Cent pro Quadratmeter wegen Renovierungen sind genehmigungspflichtig) sind die Folgen drastisch: Allein die Ankündigung des Mietendeckels ließ bei der „Deutsche Wohnen“ den Aktienkurs um massive 9 % fallen, bei der „Vonovia“ waren es über 4 %. Anleger sind also allein schon von der Perspektive, dass es einmal ein paar Jahre keine Erhöhungen gibt, gleich schreckensstarr – und sofort bereit, ihr Geld abzuziehen. Das macht dann die großen Wohnungsbau-Konzerne ebenso schreckensstarr.

Auf der anderen Seite steht natürlich das Bedürfnis der Mieter nach bezahlbarem Wohnraum in ihrer Stadt. Die Wohnungen werden knapp – das treibt die Preise natürlich noch weiter in die Höhe. Zusätzlich ist das Einkommen der Bewohner natürlich nicht im gleichen Maß gestiegen, wie nun der Wohnraum teurer wird. Damit ist es für viele unleistbar geworden.

Privatpersonen können nicht in gleichem Maß „wachsen“ wie Unternehmen – ihr Einkommen bleibt über lange Strecken hinweg eher gleich, weil einfach kein Potenzial da ist, um sein Arbeitseinkommen alle zehn Jahre annähernd zu verdoppeln. Bei vielen nimmt das Einkommen (also der wirtschaftliche Gewinn) im Lauf des Lebens sogar eher ab, bei gleichzeitig steigenden Lebenshaltungskosten und Konsumansprüchen.

Das Recht auf Wohnen wird dennoch zu Recht als ein Grundrecht angesehen, das jedem zusteht. Und die Möglichkeiten, aufs flache Land zu ziehen, um die überhöhten Kosten wieder aufzufangen, besteht für viele einfach nicht, da die Quelle ihres wirtschaftlichen Gewinns, nämlich ihre Arbeitsstelle, an die jeweilige Großstadt gebunden ist. Fällt diese Quelle weg, kann sie auf dem flachen Land nicht einfach durch eine gleichwertige Quelle ersetzt werden – weil es die dort nicht gibt. Damit gehen die Einnahmen nach unten oder fallen ganz weg – der Nettogewinn ist negativ. Das wäre „negatives Wachstum“, oder für viele schlicht existenzbedrohend.

Die Lösung liegt scheinbar nahe: Wenn der Staat dafür sorgt, nun endlich bezahlbaren Wohnraum in ausreichender Menge zu schaffen (dafür braucht man Taten, nicht Statistiken und Ankündigungen) wäre das Problem gelöst. Fällt die künstliche Verknappung weg, fallen auch die Preise, der Wettbewerb der Wohnungsbesitzer und -bauer um die nicht mehr im Übermaß vorhandenen Kunden würde einiges regeln.

Ganz so einfach ist das aber nicht umzusetzen, weil erstens die Rahmenbedingungen für kostengünstiges und wirtschaftlich rentables Bauen teilweise nicht mehr gegeben sind (Grundstückspreise, steigende Baukosten durch immer mehr staatliche Verordnungen beim Bau) und andererseits, weil  die Verknappung natürlich im Interesse einzelner Wirtschaftstreibender und Anleger liegt, die nun mal hoch davon profitieren – und sich das nicht so einfach wegnehmen lassen.

Auch ganz einfach den Druck von den Städten zu nehmen, indem man Telearbeitsplätze stark fördert, die Menschen bei der Wohnortauswahl unabhängiger machen, scheitern einerseits an den gegebenen Rahmenbedingungen und auch an dem Zeitraum, der für eine Umsetzung notwendig wäre.

Hier kollidiert das kapitalistische Wirtschaftsprinzip also klar mit den Grundbedürfnissen der Menschen. Ganz klar.

Downside 2: Ressourcen

Wir müssen uns vor Augen halten, dass man Dinge nicht aus dem Nichts produzieren kann. Vom Kaugummi bis zum Autoradio – für alles sind Ressourcen nötig. Wenn wir von Jahr zu Jahr immer mehr produzieren wollen, verbrauchen wir von Jahr zu Jahr auch immer mehr Ressourcen.

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Ressourcen haben allerdings ein grundlegendes Problem: Sie sind endlich. Schon 2001 hieß es, die vorhandenen Eisenreserven für die Stahlproduktion würden noch für hundert Jahre reichen, bis sie erschöpft sind. Schon zehn Jahre später verbrauchten wir pro Jahr weltweit aber doppelt so viel wie 2001. Wasser ist ebenso eine endliche Ressource wie Erdöl oder bestimmte Metalle.

Wissenschaftlern zufolge würden wir, wenn die gesamte Welt auf dem Niveau der Industrienationen produziert und konsumiert, bereits heute mindestens vier Planeten brauchen. Dabei wollen wir – oder vielmehr müssen wir, um das System am Laufen zu halten, aber weiter wachsen und möglichst auch den Lebensstandard der ärmeren und unterentwickelten Länder fördern. Im Moment rettet uns nur das Gefälle, bei dem der größte Teil der Welt praktisch gar nichts hat, vor dem Ressourcenkollaps. Gerade noch so.

Das Mehr an Produktion und Konsum weltweit sorgt natürlich auch für ein Mehr an Umweltverschmutzung, unbewältigbaren Mengen an gefährlichen und überaus schädlichen Stoffen und natürlich an CO2– für Transporte exportierter und importierter Waren und für die Produktions-, Werbe- und Verkaufsvorgänge an sich.

Eine Balance zwischen Wachstum und einem verringerten allgemeinen Ressourcenverbrauch und Abfallvolumen ist zwar nötig, aber eine überaus schwierige Sache. Recycling ist eine Möglichkeit – allerdings lässt sich längst nicht alles in ausreichender Qualität recyclen, um als wertvoller Rohstoff zu gelten. Zudem ist auch der Recycling-Prozess ein Industrieprozess, der nicht ohne Energieaufwand und in den meisten Fällen auch nicht ohne Umweltbelastungen durchzuführen ist. Nachwachsende Rohstoffe sind eine Möglichkeit, wenn sichergestellt wird, dass dem Rohstoff auch ausreichend Platz zum Nachwachsen zur Verfügung steht – und ausreichend Zeit. Auch hier gibt es Grenzen.

All diese Lösungen sind nur mögliche Teil-Strategien, die den Ressourcenverbrauch nur in Teilbereichen um einen gewissen Prozentsatz verringern können. Auch das ist allerdings eine endliche Größe. Bedingt durch die technischen Möglichkeiten und den geforderten ständigen Zuwachs sind „echte“ Kreisläufe schon rein logisch nicht möglich.

Dowside 3: Rahmenbedingungen

Neuerungen können Wachstum bringen – allerdings nur dann, wenn sie auch tatsächlich durchführbar sind. Ein gutes Beispiel dafür ist die vollmundige Ankündigung der deutschen Politik, bis 2020 würden „1 Million Elektroautos auf deutschen Straßen fahren“ – und kurz darauf wären Verbrennungsmotoren Geschichte.

Die Automobilhersteller haben diese Ankündigung mit weniger Freude aufgenommen – denn sie sollen diese Fahrzeuge ja auf wirtschaftliche Weise produzieren und mit der neuen Produktion auch noch ihre Gewinne vergrößern. Unternehmenstechnisch gesehen bedeutet das, dass der Umsatz mit Elektrofahrzeugen genauso hoch oder noch höher sein muss wie bei der Zahl der konventionellen Fahrzeuge, die dann wegfallen. Das ist eine sehr riskante Rechnung.

Insbesondere dann, wenn man sich die Rahmenbedingungen ansieht: Die Stromversorger haben gerade eben verkündet, ausreichend Ladestationen zur Verfügung stellen und den Strombedarf decken zu können, wäre eine „Mammutaufgabe“. Und das, obwohl die Kohlekraftwerke noch laufen, die ja auch wegfallen sollen. Es besteht weder ein ausreichend belastbares Leitungsnetz noch überhaupt eine ausreichende Menge an Leitungen, um den Stromüberschuss der Windkraftwerke transportieren zu können – Zwischenspeichermöglichkeiten für Überschüsse gibt es auch nicht. Man denke darüber nach, Fahrzeuge eventuell nicht voll laden zu lassen, wenn Verbrauchsspitzen bestehen – oder von den Nutzern einfach zeitversetztes Laden zu verlangen. „In drei Stunden können Sie dann aufladen“.

Jedem wird einleuchten, dass das die Kaufbereitschaft für Elektrofahrzeuge wohl kaum steigern wird. Niemand wird freudestrahlend zum Händler laufen und rufen „Ja, ich möchte nicht wissen, wo und wann ich mein Fahrzeug aufladen kann und wie weit ich überhaupt damit komme – und ich zahle gern den dreifachen Preis im Vergleich zum konventionellen Fahrzeug, dafür rette ich dann auch die Umwelt um 1,5 % mehr“.

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Von Unternehmen zu erwarten, dass sie angesichts solcher Bedingungen jetzt auch noch massive Gewinne mit neu und teuer entwickelten Elektrofahrzeugen erwirtschaften, damit da natürlich auch noch Rendite im Altersvorsorge-Portfolio entsteht, ist schon fast dreist.

Die Rahmenbedingungen lassen Wachstum oft einfach nicht zu – und daran können wir häufig nichts ändern. Wir können unschuldige kleine Kinder seltene Erden ausgraben lassen, die wir für die Batterieherstellung benötigen – wenn das allerdings aus humanen Gründen endlich verboten wird, ist unser Wachstum durch die Rahmenbedingungen beschränkt.

Wir können auch nicht endlos Gebäude errichten, Zement herstellen oder Flächen für die Viehzucht vergrößern – irgendwo setzen entweder die vorhandenen Ressourcen oder die Rahmenbedingungen, oft zum Schutz vorhandener Ressourcen, einfach Grenzen. Die Realität zu ignorieren beschert Unternehmen dann Verluste, Anlegern Enttäuschung und der Welt ein paar Zerstörungen mehr.

Wir tragen Verantwortung

Natürlich sind wir als Anleger nicht die Erfinder unseres Wirtschaftssystems oder seine Lenker. Wir sind als Menschen aber die Mehrzahl und als Anleger die Geldgeber. Das bedeutet schon eine gewisse Macht. Und Macht kommt nie ohne die auch dazu gehörende Verantwortung.

Es ist unsere Verantwortung, genau hinzusehen in was wir unser Geld investieren. Wer waffenproduzierende Unternehmen mit seinem Geld unterstützt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er am Ende mehr Kriege sieht: Wachstum bedeutet Mehrproduktion und damit auch Mehr-Einsatz, kein Unternehmen produziert Ausschuss einfach für die Tonne. Und wer mit seinem Geld die Produktion von noch mehr Plastikmüll unterstützt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er beim nächsten Badeurlaub dann versehentlich einen Plastikbeutel schluckt.

Es ist auch unsere Verantwortung, als Teil der Masse nachzudenken und hinzusehen und mit anderen darüber zu reden. „Hat mich nicht interessiert, genug mit mir selbst zu tun“, ist keine auch nur irgendwie gerechtfertigte Entschuldigung. Es ist einfach nur narzisstisches Desinteresse an allem, außer sich selbst.

Wir sind sehr wohl verantwortlich dafür, wo wir unser Geld investieren, welche Systeme und Entwicklungen wir fördern und wem wir unser Geld geben – selbst wenn es nur ein wenig Geld ist. Wir sind die Geldgeber – und diese Verantwortung bleibt. Was wir nicht (mehr) fördern und nicht mehr kaufen, wird auch nicht produziert, aus logischen, wirtschaftlichen Gründen. Wir sind nicht machtlos.

Die heutige Jugend, der niemand viel zugetraut hätte, hat das erkannt und stellt sich mutig auf die Straße und den Anfeindungen der Alten entgegen („lernt erst mal was“). Vielleicht wollen sie genau das, was unseren Planeten in den letzten 100 Jahren zerstört hat, eben nicht lernen und blind übernehmen – sie sind sich ihrer Verantwortung bewusst, die sie für die Zukunft haben.

Genau das sollten wir als Anleger auch – uns überlegen, wem wir unser Geld geben und zu welchem Zweck. Und als Geldgeber verantwortungsvoll und bewusst mit unseren Mitteln umzugehen. Von dieser Verantwortung kann uns niemand befreien. Jeder Anleger trägt sie höchstpersönlich.

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