Folge 32 – Wie Unternehmen an die Börse gehen (Aktien Teil 13)

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Folge 32 – Wie Unternehmen an die Börse gehen (Aktien Teil 13)

Zuletzt aktualisiert: April 2026

Wie schafft es ein privates Unternehmen eigentlich, an die Börse zu kommen? Und warum überhaupt? In dieser vorletzten Folge unserer Aktien-Serie schauen wir uns den Börsengang — den Initial Public Offering, kurz IPO — im Detail an. Ein Thema, das nach einer mehrjährigen Flaute 2022 bis 2024 gerade wieder an Dynamik gewinnt: 2025 haben weltweit rund 1.014 Unternehmen rund 143 Milliarden US-Dollar über IPOs eingesammelt, ein Anstieg von 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für 2026 rechnen die großen Investmentbanken mit einem noch aktiveren Jahr, unterstützt durch den 2026 wirksam werdenden EU Listing Act, der die Compliance-Hürden für europäische IPOs senkt.

Was ist ein Börsengang?

Wenn die Anteile einer Aktiengesellschaft zum ersten Mal an einer Börse öffentlich gehandelt werden, spricht man von einem Börsengang. Der englische Fachbegriff Initial Public Offering (IPO) bedeutet nichts anderes und wird in den Medien oft synonym verwendet. Vor dem IPO sind die Aktien des Unternehmens nur in den Händen eines überschaubaren Kreises: Gründer, Mitarbeiter mit Aktienoptionen, Risikokapitalgeber (Venture Capital), Familien-Holdings oder Private-Equity-Investoren. Nach dem IPO können grundsätzlich beliebige Anleger — institutionelle wie private — Aktien des Unternehmens an der Börse kaufen und verkaufen.

Wichtig zu verstehen: Der IPO ist nicht der Zeitpunkt, zu dem die Aktiengesellschaft entsteht. Viele börsennotierte Unternehmen existierten bereits Jahre oder Jahrzehnte als AG, bevor sie an die Börse gegangen sind. Der IPO ist lediglich der Schritt von der nicht-börsennotierten zur börsennotierten Aktiengesellschaft.

Warum gehen Unternehmen überhaupt an die Börse?

Die Motivation für einen Börsengang ist fast immer eine Mischung aus vier Faktoren:

  • Kapitalbeschaffung. Bei einem klassischen IPO werden neue Aktien ausgegeben, deren Erlös dem Unternehmen zufließt. Diese Summe kann in Wachstum, Forschung, Akquisitionen oder Schuldenabbau gesteckt werden. Typische IPO-Erlöse liegen bei mittelgroßen Unternehmen im dreistelligen Millionenbereich, bei großen internationalen Deals auch im zweistelligen Milliardenbereich.
  • Exit für Altgesellschafter. Bei vielen IPOs wollen Gründer, Risikokapitalgeber oder Private-Equity-Fonds ihre bestehenden Anteile (zumindest teilweise) verkaufen. Der Börsengang schafft für sie einen liquiden Markt, an dem sie ihre Beteiligung in Geld umwandeln können.
  • Liquidität und Bewertung. Börsennotierte Unternehmen haben einen permanent beobachtbaren Marktwert. Das erleichtert Akquisitionen (mit Aktien als Zahlungsmittel), Mitarbeiter-Aktienprogramme und zukünftige Kapitalerhöhungen.
  • Reputation und Sichtbarkeit. Ein Börsengang erzeugt öffentliche Aufmerksamkeit, stärkt die Marke und wird in manchen Branchen als Reifezeichen wahrgenommen.

Der Gegenwert dieser Vorteile ist nicht trivial: Börsennotierte Unternehmen unterliegen strengen Transparenz- und Berichtspflichten, müssen regelmäßig Zahlen veröffentlichen (mehr dazu in Folge 27 — Investor Relations) und werden von Analysten, Journalisten und aktivistischen Investoren permanent beobachtet.

Der IPO-Prozess Schritt für Schritt

Ein Börsengang dauert typischerweise sechs bis zwölf Monate und läuft in mehreren klar definierten Phasen ab:

  1. Mandatierung der Investmentbanken. Das Unternehmen beauftragt eine oder mehrere Banken — die sogenannten Joint Bookrunners — mit der Durchführung des IPOs. Bei großen Deals sind oft zehn oder mehr Banken beteiligt.
  2. Due Diligence und Prospekt. Wirtschaftsprüfer, Anwälte und Banker durchleuchten das Unternehmen bis ins Detail. Auf dieser Basis entsteht der Wertpapierprospekt — ein mehrere hundert Seiten langes Dokument, das alle relevanten Risiken, Finanzzahlen und Geschäftsinformationen enthält und von der Finanzaufsicht (in Deutschland BaFin, in Österreich FMA) geprüft und gebilligt werden muss.
  3. Roadshow. Das Management reist zu potenziellen institutionellen Investoren — Pensionsfonds, Versicherungen, Vermögensverwaltern — und stellt das Unternehmen in Einzelterminen vor. Ziel ist, das Interesse für den IPO auszuloten und die spätere Allokation vorzubereiten.
  4. Bookbuilding und Preisspanne. Die Banken veröffentlichen eine Preisspanne (etwa „19 bis 22 Euro pro Aktie“), innerhalb derer Investoren verbindliche Kaufangebote abgeben können. Aus diesen Geboten wird ein Orderbuch aufgebaut, aus dem am Ende der tatsächliche Emissionspreis und die Zuteilung festgelegt werden.
  5. Pricing und Erstnotiz. Am Ende des Bookbuildings wird der finale Preis festgelegt, die Aktien werden zugeteilt, und am Tag danach nimmt die Aktie den Handel an der Börse auf. Der Kurs an diesem Tag kann bereits deutlich vom Emissionspreis abweichen — nach oben wie nach unten.
  6. Greenshoe und Lock-up. Oft haben die Banken die Option, zusätzlich bis zu 15 Prozent mehr Aktien auszugeben, falls die Nachfrage das Angebot übersteigt (sogenannter Greenshoe). Gleichzeitig verpflichten sich die Altgesellschafter üblicherweise in einer Lock-up-Vereinbarung, ihre verbliebenen Anteile in den ersten sechs bis zwölf Monaten nach dem IPO nicht zu verkaufen — um den Kurs nicht unter Druck zu setzen.
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Die Kosten eines IPOs sind beträchtlich. Für die Bankenprovision, Anwälte, Wirtschaftsprüfer, Roadshow und Marketing werden typischerweise fünf bis sieben Prozent des gesamten Emissionsvolumens fällig — bei einem Milliarden-IPO also rasch fünfzig bis siebzig Millionen Euro.

Wie wird ein IPO bewertet?

Bei einer bereits börsennotierten Aktiengesellschaft ist der Unternehmenswert einfach zu ermitteln: Man multipliziert den aktuellen Aktienkurs mit der Gesamtzahl der ausgegebenen Aktien und erhält die Marktkapitalisierung. Vor einem IPO fehlt dieser Referenzwert — er muss konstruiert werden.

Dazu nutzen die Banken in der Regel eine Kombination aus mehreren Methoden: einem Vergleich mit ähnlichen börsennotierten Unternehmen (Trading Comparables), einer Diskontierung zukünftiger erwarteter Cashflows (Discounted Cash Flow) und einem Vergleich mit vergangenen IPOs in derselben Branche. Aus diesem Korb entsteht die Preisspanne, innerhalb derer das Bookbuilding stattfindet. Am Ende bestimmt aber nicht das Modell, sondern die tatsächliche Nachfrage aus dem Orderbuch den finalen Preis.

Eine wichtige Nuance: Bei einem IPO wird üblicherweise nur ein kleinerer Teil des Unternehmens — typischerweise zwanzig bis dreißig Prozent — tatsächlich an die Börse gebracht. Die implizite Bewertung des gesamten Unternehmens wird also aus dem Preis eines relativ kleinen Anteilspakets hochgerechnet. Genau darin liegt auch der Anreiz für die Altgesellschafter, die Valuation möglichst hoch ansetzen zu lassen: Jeder Euro an der Preisspanne entspricht rechnerisch einem Vielfachen des Wertes ihrer verbliebenen Anteile.

Alternativen: SPAC und Direct Listing

Der klassische IPO ist nicht der einzige Weg an die Börse. Zwei Alternativen haben sich in den vergangenen Jahren etabliert:

  • SPAC (Special Purpose Acquisition Company) ist eine leere Mantelgesellschaft, die ausschließlich zum Zweck existiert, an die Börse zu gehen, Kapital einzusammeln und dann innerhalb einer bestimmten Frist ein privates Unternehmen zu übernehmen — das durch die Fusion quasi „durch die Hintertür“ an die Börse kommt. SPACs hatten 2020 und 2021 einen enormen Boom, kollabierten danach fast vollständig und erleben 2025 ein überraschendes Comeback: Allein in den USA wurden rund 150 neue SPACs gegründet, mehr als in den Jahren 2023 und 2024 zusammen.
  • Direct Listing ist ein Börsengang ohne neue Kapitalaufnahme und ohne klassisches Bookbuilding. Die bestehenden Aktien werden einfach direkt an der Börse zum Handel freigegeben — der erste Börsenkurs entsteht durch Angebot und Nachfrage am ersten Handelstag. Bekannte Beispiele sind Spotify (2018), Slack (2019) und Coinbase (2021). Der Vorteil: geringere Kosten und keine Verwässerung durch neue Aktien. Der Nachteil: keine Kapitalbeschaffung und höhere Kursschwankungen zum Start.
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Große IPOs der letzten Jahre

Nach der langen Flaute seit 2022 kam der Markt ab 2024 zurück. Einige Referenzpunkte:

  • Porsche AG (September 2022) war mit einem Emissionsvolumen von rund 9,4 Milliarden Euro einer der größten europäischen IPOs aller Zeiten — trotz schwierigen Marktumfelds durchgeführt und als Symbol für die Eigenständigkeit der Sportwagen-Marke innerhalb des VW-Konzerns inszeniert.
  • Reddit (März 2024) markierte für viele Beobachter das Ende der dreijährigen US-Tech-IPO-Flaute. Der Online-Community-Dienst ging mit einer Bewertung von rund 6,4 Milliarden Dollar an die New Yorker Börse.
  • 2025 war das bisher stärkste IPO-Jahr seit 2021. Allein im dritten Quartal gingen 65 Unternehmen in den USA an die Börse, im Gesamtjahr flossen global 143 Milliarden Dollar in 1.014 IPOs.
  • Für 2026 stehen mehrere besonders aufsehenerregende Kandidaten im Raum: Medienberichten zufolge prüfen SpaceX, OpenAI, Anthropic und Databricks einen Börsengang. Ob und in welcher Form diese tatsächlich kommen, ist offen — aber die schiere Liste zeigt, dass die Pipeline so voll ist wie seit Jahren nicht mehr.

Wie kommen Kleinanleger an einen IPO?

Die unangenehme Wahrheit zuerst: Der Großteil eines typischen IPO-Volumens wird institutionellen Investoren zugeteilt. Privatanleger bekommen — wenn überhaupt — oft nur einen kleinen Anteil der gewünschten Stückzahl zugeteilt (Repartierung), besonders wenn der IPO überzeichnet ist.

Für Kleinanleger gibt es drei praktische Wege:

Erstens die Zeichnung über die Hausbank oder den Broker. Manche Banken bieten ihren Depotkunden die Teilnahme am Bookbuilding an, sofern der jeweilige IPO überhaupt für Privatanleger vorgesehen ist. Bei kleinen oder ausschließlich an institutionelle Investoren gerichteten Deals ist das oft nicht der Fall.

Zweitens die Primary-Market-Angebote moderner Neobroker. Trade Republic bietet bei ausgewählten IPOs Zeichnungsfenster direkt in der App an. Scalable Capital stellt Prime+-Kunden teilweise Zugang zu Neuemissionen zur Verfügung. Das Angebot ist in beiden Fällen begrenzt auf die Deals, bei denen die Broker mit den Emissionsbanken entsprechende Partnerschaften haben — aber es ist der niederschwelligste Zugang zu IPOs, den der deutschsprachige Raum aktuell kennt.

Drittens — und das ist oft der praktikabelste Weg — der Kauf an der Erstnotiz. Wer bei einem begehrten IPO nicht zur Zuteilung kommt, kann am ersten Handelstag einfach an der Börse kaufen, sobald die Aktie notiert. Der Preis kann dann bereits deutlich über dem Emissionspreis liegen; in anderen Fällen auch darunter.

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Schneiden IPOs eigentlich gut ab?

Die unbequeme empirische Antwort lautet: im Durchschnitt nein. Jay Ritter, Professor an der University of Florida und seit Jahrzehnten der führende akademische IPO-Forscher, hat wiederholt gezeigt, dass IPOs in den ersten drei Jahren nach der Erstnotiz im Durchschnitt hinter dem breiten Aktienmarkt zurückbleiben. Der berühmte „Erstnotiz-Pop“ — der oft spektakuläre Kursanstieg am ersten Handelstag — wird häufig in den folgenden Monaten und Jahren durch eine stillere Underperformance wieder abgetragen.

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Die Gründe sind plausibel: Unternehmen gehen besonders gerne dann an die Börse, wenn die Marktstimmung hoch ist und ihre Bewertung entsprechend gut ausfällt. Aus Käufersicht ist der typische IPO damit kein Schnäppchen, sondern tendenziell ein teuer gepreister Einstieg. Das heißt nicht, dass jeder einzelne IPO eine schlechte Idee ist — die Spannweite ist enorm — aber als generische Strategie ist „IPOs mitzeichnen“ historisch schwächer gewesen als einfach einen breiten Welt-ETF zu kaufen.

Häufige Fragen

Muss ein Unternehmen eine bestimmte Größe haben, um an die Börse zu gehen?
Formal gibt es Mindestanforderungen der jeweiligen Börse — in Frankfurt etwa ein Mindeststreubesitz und bestimmte Transparenzpflichten. Praktisch lohnt sich ein IPO aber meist erst ab einer Bewertung von rund 100 bis 200 Millionen Euro, weil die IPO-Kosten sonst die Erlöse überproportional schmälern.

Was passiert nach der Lock-up-Periode?
Sechs bis zwölf Monate nach dem IPO dürfen Altgesellschafter (Gründer, VC-Fonds, Manager) ihre verbliebenen Aktien wieder frei verkaufen. Das löst oft zusätzliches Angebot am Markt aus und kann zu kurzfristigen Kursrückgängen führen. Erfahrene Beobachter schauen sich Aktien rund um diesen Zeitpunkt bewusst genau an.

Ist ein SPAC dasselbe wie ein IPO?
Nein. Ein SPAC ist eine Mantelgesellschaft, die zunächst selbst an die Börse geht und erst danach ein Zielunternehmen übernimmt. Für das Zielunternehmen ist das eine Abkürzung, die klassische Prospekt- und Prüfverfahren teilweise umgeht — was SPACs für Privatanleger eher riskanter und intransparenter macht als klassische IPOs.

Was ist eine Überzeichnung?
Wenn die Nachfrage im Bookbuilding das angebotene Volumen übersteigt, spricht man von einer Überzeichnung. Je nach Überzeichnungsgrad wird dann repartiert — also entweder jeder Zeichner bekommt proportional weniger, oder die Banken wählen nach bestimmten Kriterien aus. Bei stark überzeichneten IPOs bekommen Kleinanleger häufig nur einen Bruchteil der gewünschten Stückzahl oder gehen ganz leer aus.

Soll ich als Privatanleger bei jedem IPO mitmachen?
Nein. Die empirischen Daten legen nahe, dass der durchschnittliche IPO in den Jahren nach der Erstnotiz schlechter abschneidet als ein breiter Welt-ETF. Einzelne IPOs können enorm erfolgreich sein, andere enttäuschen nachhaltig. Wer IPOs überhaupt zeichnen möchte, sollte das als spekulative Beimischung behandeln und keine substanziellen Teile des Portfolios darauf setzen.

Weiter in der Serie

In der nächsten — und letzten — Folge unserer Aktien-Serie geht es um ein Thema, das den Hebel auf Aktien direkt anspricht: Folge 33 — Wie Sie Aktien mit einem Hebel kaufen (Aktienoptionen).

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