Können wir uns bald über einen digitalen Euro freuen? Oder sollten wir uns eher davor fürchten?

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Können wir uns bald über einen digitalen Euro freuen? Oder sollten wir uns eher davor fürchten?

Wer die letzten Jahre auch nur ein wenig aufmerksam die Wirtschaftsnachrichten verfolgt hat, dem wird aufgefallen sein, dass die gesamte Finanzwelt sich in Zukunft wohl ober übel mit virtuellen Währungen beschäftigen müssen wird. Bitcoin und anderes als bloßen „kurzfristigen Hype“ abzutun, wird sich wohl am Ende genauso falsch herausstellen wie die von Bill Gates noch 1995 getroffene Aussage, beim Internet handle es sich um „eine vorübergehende Erscheinung“. Am Ende hat das Internet unser Leben grundlegend verändert und möglicherweise werden Blockchain-Technologie und virtuelle Währungen das auch tun. Mittlerweile erscheint sogar ein „virtueller Euro“ im Bereich des Möglichen – unumstritten ist er allerdings nicht. Wir haben uns einmal Gedanken gemacht, was das so bedeuten könnte.

Virtuelle Währungen sind – und bleiben – präsent

Jüngsten Plänen zufolge schafft es der Bitcoin möglicherweise sogar bald an die Börse. Ein Indexfonds auf den Bitcoin wurde bisher von der amerikanischen SEC immer abgelehnt, nun soll es aber endlich ein institutionelles Produkt geben, mit dem man in Bitcoin und andere Kryptowerte ganz regulär investieren kann. Schon in allernächster Zukunft soll ein Iconic-ETN (Exchange-Traded-Note) an der Frankfurter und Luxemburger Börse erhältlich sein. Er bekommt eine reguläre ISIN-Wertpapiernummer und kann ganz normal gehandelt werden. Gegenüber den bisher nur derivativen Produkten mit hohem Emittentenrisiko ist das ein wichtiger Vorteil für alle, die in Bitcoin und andere Kryptowährungen investieren wollen. Technisch gesehen handelt es sich dabei zwar immer noch um eine Inhaberschuldverschreibung – das Emittentenrisiko fällt allerdings in diesem Fall weg. Es bleibt spannend, ob die europäischen Aufseher das in dieser Form tatsächlich genehmigen werden – oder wie die amerikanischen Kollegen von der SEC für nicht zulässig erklären.

Libra wird in Europa abgelehnt – dafür macht man etwas Eigenes

Sehr interessant ist, dass sich bereits wenige Wochen nach dem Bekanntwerden von Facebooks Libra-Plänen und ersten Gesprächen von Facebook-Abgesandten mit Regierungen formiert sich bereits massiver Widerstand in Europa. Eine Koalition der wirtschaftsstarken Euro-Nationen (Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, Niederlande) setzt sich massiv für ein komplettes Verbot der Facebook-Währung in Europa ein, allen voran Frankreich, das als Antreiber für dieses Verbot gilt. Es soll bereits der Start der Facebook-Währung, der für das nächste Jahr geplant ist, durch das Verbot in Europa verhindert werden.

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Grund für das Verbot ist – so jedenfalls ist die offizielle Angabe der beteiligten Finanzminister, dass die EU die Facebook-Währung nicht regulieren kann. Eine ordentliche rechtliche Grundlage für ein Verbot ist das natürlich nicht. Das rangiert eher im Bereich von frommen Wünschen denn in einem Bereich von juristisch auch nur irgendwie haltbaren Grundlagen. Die Energie, die man in das Verbot investiert, ist aber wenigstens ungebrochen.

Und ganz unversehens taucht in dem ganzen Getümmel ein anderes Gespenst auf: der digitale Euro.

Der deutsche Privatbankenverband BdB hat in einem Bericht ausdrücklich und unzweifelhaft erklärt, dass die Wirtschaft unbedingt einen „programmierbaren digitalen Euro“ bräuchte. Digitale Währungen, die nicht Teil der staatlichen Geldpolitik sind, sieht man dagegen als eine sehr riskante Sache an. Sie könnte nach Meinung des Bankenverbands „die Stabilität des bestehenden Geld- und Währungssystems“ gefährden. Bei privaten und globalen Währungen sieht man zudem die Gefahr, dass das Risiko für ökonomische Konflikte erhöht wird. Zitat: „Eine globale digitale Währung zumal von einem gewinnorienterten, börsennotierten Unternehmen bereitgestellt, ist nicht im Sinn einer stabilen Weltgemeinschaft“.

Der Begriff „programmierbar“ beim digitalen Euro bezieht sich dabei auf Smart Contracts, die mit der digitalen Währung möglich und ausführbar sein müssen. Das immerhin ist logisch.

Wie sieht das bei anderen Ländern aus?

Ein gutes Beispiel für eine bereits weiter entwickelte technische Lösung stellt etwa Schweden dar. Hier steht man bereits kurz vor der Einführung der „e-Krone“, es wird von Seiten der Regierung bereits nach technischen Partnern für die die konkrete Umsetzung und zur Behebung einiger Probleme bei der technischen Seite der Umsetzung gesucht. Außerhalb Europas machte jüngst vor allem China Schlagzeilen, als es ankündigte, eine eigene Digitalwährung einführen zu wollen.

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Kryptowährungen im Libanon

Die Banken im Libanon blieben jüngst für mehr als eine Woche geschlossen, weil es politische Unruhen im Land gab, nachdem Premier Saad Hariri einige Vorschläge zu neuen Steuern öffentlich gemacht hatte, unter anderem auf Whatsapp. Das nahm natürlich keiner hin, die Bevölkerung rebellierte und ging auf die Straße, wies dabei auch auf Korruption auf den höchsten Staatsebenen hin und beschuldigte die Regierung, für die wirtschaftlich schlechte Situation verantwortlich zu sein. Wegen der Unruhen blieben die Bankautomaten leer und die meisten Banken im Land geschlossen. Der Bitcoin als alternatives – und vor allem Zensur-resistentes – Zahlungssystem konnte sich hier beweisen. Ähnlich steigt die Nachfrage nach Bitcoin auch in anderen Krisenregionen. Und in Ländern mit wenig stabilen Währungen greifen Menschen immer häufiger nach Bitcoin statt nach dem früher beliebten US-Dollar, der fast überall als stabil gibt. In Venezuela versuchen Menschen ihr Vermögen ebenfalls häufig in Bitcoin zu bewahren, um der galoppierenden Inflation des Venezolanischen Pesos zu entkommen.

Interessant ist im Libanon vor allem die staatliche Reaktion: Aufgrund der unvorhersehbaren Schwankungen der „Ware“ Bitcoin wurde die Verwendung von BTC auf dem libanesischen Markt ganz einfach verboten. Dafür will die Zentralbank in den nächsten Jahren eine eigene Währung herausgeben – die natürlich von der Zentralbank sehr stark reguliert und überwacht wird. Zuerst wird den Menschen, die demonstrieren, der Zugang zu Bargeld unmöglich gemacht – um sie von ihren Forderungen abzubringen. Wenn sie dann eine Alternative finden, wird die kurzerhand für illegal erklärt. Nur so für den Fall, dass man so etwas noch einmal machen möchte.

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Digitaler Euro – ebenfalls gelenkt und überwacht?

Davon kann man ausgehen – vor allem wenn der Bankenverband schon so deutlich von unregulierten Kryptowährungen abrät, die angeblich die Stabilität des Finanzsystems gefährden, vor allem wenn gewinnorientierte Unternehmen dahinter stehen.

Natürlich geht es hier auch um die Fragen eines Monopols. Die etablierten Banken sind die einzigen, die derzeit Zugang zu Zentralbankgeld haben, dazu haben sie ihr „eigenes“ Geld, das Giralgeld, dessen Generierung niemand anderes durchführen kann, als der Bankensektor selbst. Diese Generierung von Buchgeld hat – so viel muss man zugestehen – natürlich auch Auswirkungen auf die im Umlauf befindliche Geldmenge. Und Banken sind natürlich auch gewinnorientierte Unternehmen. Sie wären also nach Argumentation des Bankenverbands selbst ebenso ein großes Risiko für die Finanzstabilität.

Entkommen werden wir der digitalen Währung sicherlich nicht – die Blockchain-Strategie der Bundesregierung und auch die industrielle Entwicklung hin zum Internet-of-Things setzt das Vorhandensein einer digitalen und programmierbaren Bezahlungslösung bereits voraus.

Ob wir uns vor dem künftigen digitalen Geld fürchten müssen, hängt im Wesentlichen von zwei Dingen ab. Zum einen, ob wir den bestehenden Institutionen eine sinnvolle Geldpolitik zutrauen und uns weiterhin damit wohlfühlen, dass ein sehr kleiner Kreis praktisch völlig unabhängig und ziemlich protektionistisch und monopolisiert das für jeden lebenswichtige Geld herstellt. Und zum anderen davon, ob digitale Bezahlvorgänge in Zukunft noch anonym möglich sind oder wir uns mit all unseren Transaktionen komplett gläsern machen. Ignorieren sollten wir das Thema nicht – denn es geht uns alle an, in diesem Fall jeden Einzelnen von uns. Jeder Einzelne sollte sich also eine Meinung darüber bilden.

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