Das digitale Geld ist nicht aufzuhalten

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Das digitale Geld ist nicht aufzuhalten

Beim Bitcoin war es irgendwie abzusehen, dass die meisten Staaten ihn wohl nicht als offizielles Zahlungsmittel anerkennen werden – dafür steht er einfach systembedingt viel zu wenig unter der möglichen Kontrolle von Staaten und Notenbanken. Auch Facebook erhielt mit den Plänen seiner digitalen Währung Libra eine recht schroffe Abfuhr vonseiten der meisten Staaten. Vom Gedanken und von den Möglichkeiten, die rein digitale Währungen bieten, angetan, kommen aber zahlreiche Staaten immer mal wieder mit neuen Ideen für eine komplett digitale Zahlungsinfrastruktur um die Ecke, einige wollen sogar einen „staatlich kontrollierten“ Bitcoin-Klon erschaffen, wie zuletzt Estland. Man bekommt den Eindruck, beim Wunsch nach einem volldigitalen Zahlungssystem geht es vor allem um die Kontrolle. Die Kontrolle von Zahlungsflüssen, Guthaben und letztendlich die Kontrolle von Menschen. Denn ohne Geld geht in unserer Welt nahezu nichts. Das hat natürlich ein „Gschmäck’le“, wie der Schwabe sagen würde – und trägt sicherlich nicht dazu bei, dass die breite Masse der Menschen solchen Plänen der Regierung aus vollem Herzen begeistert zustimmen würde. Nicht nach allem, was wir von ihr schon kennen.

Bitcoin und auch Facebook sind unbekümmert

Wohl nicht zuletzt durch die Auswirkungen und auch die entstehenden Unsicherheiten der Corona-Pandemie erlebte der Bitcoin im Jahr 2020 einige ansehnliche Höhenflüge, für das kommende Jahr erwartet man durchaus noch einige weitere von ihm.

Auch bei der Gesellschaft hinter der Facebook-Währung hat man sich nicht abschrecken lassen. Von einer eigenen digitalen Währung will man sich nicht abbringen lassen, die ehemalige Libra Association will mit einer neuen, etwas weniger komplex gestalteten Währung schon 2021 an den Start gehen. Um die eher ernüchternde Vergangenheit und die harsche Kritik vonseiten der Politik und den Regulierungsbehörden hinter sich zu lassen, hat man sich und dem Krypto-Pfennig schwupps einen neuen Namen verpasst. Diem heißt das Ganze jetzt – und versucht es erneut. Die neu aufgelegte Währung soll 1 : 1 an den USD gekoppelt werden. Für die Zukunft hat man sich zwar noch die Schaffung weiterer Währungen vorgenommen, für den Moment möchte man allerdings lieber erst einmal kleine Brötchen backen. Eine Schaffung von unterschiedlichen digitalen Währungen, die an jeweils verschiedene physische Währungen gekoppelt sein sollten, hat man zunächst einmal aufgegeben. Die Verbindung zu Facebook bleibt bestehen, man wollte sie nicht vollends kappen. PayPal ist allerdings schon aus der Libra Association ausgetreten und beteiligt sich an der Diem Association damit auch nicht mehr.

So abwegig ist dieses Beharren auf der eigenen Kryptowährung dabei eigentlich gar nicht – tun doch viele Staaten bereits dasselbe. Die russische Regierung hat ihre Ablehnung von Kryptowährungen, die sie „ausschließlich als Finanzierungsquelle von Terroristen und Extremisten“ sah, überwunden, und will nun einen eigenen Krypto-Rubel herausbringen Unter kompletter staatlicher Kontrolle von der Emissionsregulierung über das Mining bis hin zum gesamten Umlaufprozess natürlich. Sagte nicht irgendein bekannter Russe einmal: „Wenn du einen Unfug nicht verhindern kannst, werde einfach sein Anführer!“? Das scheint hier wohl passend – zudem kann man dann Russland nicht mehr als Sanktionsmaßnahme den Ausschluss vom SWIFT-System androhen. Mit dem Krypto-Rubel könnte man das leicht umgehen. Ein Schelm wer Böses dabei denkt, natürlich auch in Bezug auf die komplette staatliche Kontrolle. Das dient alles nur der Sicherheit der Bürger – und wie schon so oft und gern überstrapaziert natürlich der „Terrorismusbekämpfung“.

Auch der Iran äußerte schon Anfang 2019 ähnliche Pläne – wohl auch aus ähnlich gelagerten Gründen. In diesem Fall wohl hauptsächlich wegen möglicher oder tatsächlicher US-Sanktionen, deren Wahrscheinlichkeit mit Trumps schwerfälligem Abschied aus seinem heißgeliebten Amt als (neuerdings) Ajatollah aller Amerikaner aber vermutlich in Zukunft ohnehin abnehmen dürfte. Die Chinesen sind wie gewohnt mit ihren Plänen schon deutlich weiter voran als der Rest der Welt und testen den E-Yuan schon seit einer ganzen Weile im ausgedehnten Feldversuch.

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Nach digitalen Währungen gieren nicht nur Diktaturen, sondern alle Staaten

Wer nun meint, die Euro-Staaten würden sich eher von Plänen abgrenzen, die gerade bei zahlreichen Diktaturen ganz oben auf der Agenda stehen, der täuscht sich. Alle großen Notenbanken arbeiten schon längst an eigenen, natürlich in vollem Umfang staatlich kontrollierten, digitalen Währungen. Was man bei manchen als „undemokratisch“ und „diktatorisch“ eingestuften Staaten „befremdlich“, „verdächtig“ oder „gefährlich“ sieht, tut man längst schon selber.

Mitte 2021 will die EZB über die Einführung des E-Euros offiziell entscheiden, fast jedem dürfte aber jetzt schon klar sein, wie diese Entscheidung ausfallen wird. Nicht zuletzt der massive Digitalisierungsschub (wohlgemerkt: es war ein Schub, wenn man allerdings einen schwer Gehbehinderten anschiebt, kommt er trotzdem nicht weit und schnell voran, ganz ähnlich ist es hier). Nicht zuletzt der massive Digitalisierungsschub durch die Corona-Pandemie also hat diese Pläne auch im schönen Europa angeblich auf die obersten Plätze der Agenda gesetzt. Mancherorts spricht man schon von 2022 als Einführungsdatum, sicherheitshalber sollte man wie bei allen europäischen und deutschen Plänen dabei aber noch rund ein Jahrzehnt zugeben. So sportliche Pläne gab es zuletzt bei der Maskenbeschaffung – und wir wissen, wie das ausging.

Der auf dem Fuße folgende Plan wäre dann natürlich die Abschaffung jeglicher Art von Bargeld, und dann wohl innerhalb kürzester Frist. Damit wäre auch sehr schnell die Anonymität des gesamten Zahlungsverkehrs dahin – und zwar vollständig. Jeder einzelne Kauf, jeder einzelne Cent Vermögen, alles wird nachprüfbar und auffindbar (wenn man es denn technisch schafft, solche Daten aufzufinden, aber solche Dinge klappten in der Vergangenheit zumeist). Gerade dieser Verlust der Anonymität ist auch der Grund, warum die Mehrzahl der Bürger solchen Zahlungssystemen eher hochskeptisch bis ablehnend gegenübersteht – wohl zurecht. Noch schlimmer als Bewegungsprofile sind die kompletten Zahlungsprofile eines Menschen.

Die begründeten Bedenken gegen digitale Währungs- und Zahlungssysteme

Der Hauptgrund, der Wegfall jeglicher Anonymität, wird immer mit dem Argument der „Vermeidung von Schwarzarbeit“ vom Tisch gewischt. Wenn nun aber auch die kleinste Arbeitsleistung offiziell versteuert werden muss, hat der Bürger davon nichts – sondern ausschließlich der Staat. Wenn Staatsmitarbeiter dann diese erhobenen Steuergelder in Millionenhöhe verschleudern, für zweifelhafte Zwecke heranziehen oder gleich Millionen in den Sand setzen, kann der Bürger nichts dagegen unternehmen. Außer sich vielleicht fragen, wie zur Hölle man solche Knalltüten wählen konnte – muss es aber im Prinzip hinnehmen. Gewinner und Verlierer sind hier ziemlich klar erkennbar.

Zudem könnten sich Fälle häufen, wie gerade derzeit beim „Coronahilfen-Betrug“, wo, wie einzelne Medien berichteten, manche Einzelselbständige, die schließen mussten, plötzlich als Beschuldigte in einem Betrugsverfahren (Betrug mit Coronahilfen) geladen wurden, weil sie zum Zeitpunkt des Beantragens der „Bazooka-Hilfe“ ihren Dispo noch gar nicht vollständig leergeräumt hatten. In Staates Augen scheint man so etwas schon als Betrug zu werten. Großmäulig angekündigte Hilfen für alle darf man offensichtlich erst dann beantragen, wenn man schon zuvor zwei Wochen nichts mehr zu essen hatte und die Hose bereits rutscht. Mit einem volldigitalen Zahlungssystem ließen sich solche das Fördervolumen mindernde Sachverhalte noch viel umfassender prüfen – und vollautomatisch. Mit dem Ergebnis, dass man noch in viel mehr Fällen irgendwelche Gründe findet, um eine Leistung zu verweigern. Den großartigen öffentlichen Versprechungen tut das dann ja keinen Abbruch, die nachfolgende Praxis kann ja niemand überblicken.

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Genau das sind aber die Dinge, die Menschen im Gedächtnis bleiben und sie zur Skepsis an solchen komplett gläsernen Systemen treiben. Vieles könnte man zwar auch heute ganz ähnlich überwachen, der Aufwand wäre aber meist immens hoch und kaum lohnend. Steht die Möglichkeit zur Überprüfung von praktisch allem ganz einfach und kostengünstig vollautomatisch zur Verfügung, wäre es naiv zu glauben, dass diese Möglichkeit nicht in vollstem möglichen Umfang ausgeschöpft würde.

Mittlerweile sind auch viele Experten zu dem Schluss gekommen, dass zu 100 % transparente Systeme nicht umsetz- und durchsetzbar wären. Umgekehrt stellt sich aber die Frage, welcher Staat bereit wäre, sich mit einem gewollten Graubereich überhaupt abzufinden. Diese weise Entscheidung zur nicht vollen Transparenz, wie sie von technischen Entwicklern in modernen Plänen angedacht wurde, wird ihrerseits wohl nur sehr schwer gegenüber dem jeweiligen Staat durchsetzbar sein.

Das Problem der Kontrolle bleibt natürlich überdies trotzdem bestehen. Wir leben nicht mehr im feudalen Mittelalter, wo der Pfennig des Fürsten im Nachbarkönigreich schon nicht mehr gilt. Jede von einem einzelnen Staat emittierte und kontrollierte Währung wird weltweit nachgefragt werden. Und es ist schlicht unmöglich, als europäischer Staat irgendeine Kontrolle über die Finanzierung der Schattenwirtschaft in Lateinamerika mit der eigenen Währung auszuüben. Außer man schränkt ihren Gebrauch auf die eigenen Landesgrenzen ein. Das kann aber niemand mit auch nur etwas Verstand ernsthaft wollen.

Dazu kommt immer, dass etwa eine von China ausgegebene E-Währung zwar von China geprüft werden kann, aber etwa nicht von den USA, wenn dort damit bezahlt wird. China sieht in diesem Fall alles, die USA praktisch nichts und sie können auch nichts nachverfolgen. Dieser Umstand könnte damit theoretisch auch benutzt werden, um chinesische Interessen durchzusetzen, indem man die Transaktionen überwacht und je nach Wahl genehmigt oder nicht genehmigt. Das Gleiche gilt umgekehrt natürlich mit einer amerikanischen Cyberwährung in China. Zutrauen darf man das sicherlich beiden Seiten.

Natürlich kann ein Staat die Währung eines anderen als Zahlungsmittel schlicht nicht akzeptieren, um die Kontrolle im eigenen Land zu behalten – das würde aber den Wert der fremden Währung aber deutlich drücken, wenn sie nur in einzelnen Bereichen verwendet werden kann, kein Staat wird solche Verbote der eigenen Währung in anderen Staaten also einfach so hinnehmen. Eine problematische Situation besteht hier vor allem zwischen den USA und China, wohl auch weiterhin, aber ebenso zwischen China und der EU.

In vielen Schwellenländern könnte es dann umgekehrt zu massiven Versuchen der Einflussnahme über die eigenen Cyberwährungen kommen, was den betreffenden Schwellenländern und auch Dritte-Welt-Staaten vermutlich schwer schaden dürfte und zudem politisch und wirtschaftlich für viel Unruhe und Instabilität sorgen wird. Es wäre praktisch ein offen geführter Währungskrieg im Gange.

Nicht zuletzt ist ein wichtiger Aspekt – wie bei allen digitalen Systemen, die mit hochsensiblen persönlichen Daten gefüllt sind – auch hier die Datensicherheit. Jeder kann sich ausmalen, was passiert, wenn staatlich geführte Datensysteme gehackt oder gar gekapert würden. Die Bedrohung für jeden einzelnen Bürger wäre maximal. Da der Sicherheitsstandard beim Schutz von Datensystemen in Deutschland ungefähr dem der Digitalisierung der Schulen entspricht, haben viele Bürger zu Recht Angst vor einem solchen Szenario. Eine gute Gelegenheit lockt bekanntlich auch immer zahlreiche Kriminelle an. Und wenn es bereits begabten Teenies in Deutschland gelingt, den Bundestag zu hacken oder Polizeidienststellen über Tage lahmzulegen, ist diese Angst vielleicht auch nicht ganz unbegründet.

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Schwierig ist die technologische Abhängigkeit der gesamten Wirtschaft von einem einzelnen Zahlungssystem natürlich auch ganz allgemein. Wenn dieses System aus irgendeinem Grund zum Erliegen kommt, erliegt dem Unfall gleich die gesamte Wirtschaft. Wenn Zahlungen nicht mehr funktionieren, funktioniert nichts mehr. Noch nicht einmal die Versorgung der Bürger. Einen solchen SPOF („Single Point of Failure“) in die eigene Wirtschaft einzubauen, kann nur als leichtsinnig angesehen werden.

Technische Probleme kommen in deutschen Systemen natürlich nie vor, sonnenklar, wir haben sie auch noch nie erlebt. Mal im Ernst: Wer Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn und Windows kennt, glaubt ganz sicher nicht mehr an die ständige Unfehlbarkeit und dauernde problemlose Einsatzbereitschaft irgendeines technischen Systems. Das wäre dann allerdings ein großes Problem. Eines, das einen kompletten Lockdown wie im Frühjahr 2020 noch weit in den Schatten stellen würde. Mit Plünderungen ist zu rechnen – und zwar wohl schon nach wenigen Stunden.

Neben den ganzen theoretischen Überlegungen zur Währung selbst gilt es dann noch, eine ganze Reihe von Überlegungen zur praktischen Umsetzung bei Banken zu tätigen. Blockchains sind hier nicht die alles heil machende Lösung. In der Praxis sind sie sogar im Bankenverkehr eine eher wenig geeignete Lösung.

Dazu kommt überhaupt, dass bei allen Blockchain-basierten Lösungen enorm hohe Datenmengen übertragen werden, was in den zahlreichen ländlichen Gebieten in Deutschland, in denen man noch immer keine einigermaßen vernünftige Internetverbindung (oder überhaupt eine) zustande bringt, schlicht ein Ding der Unmöglichkeit sein dürfte. Dann gibt’s die Sachen im Dorfladen entweder umsonst, gegen unterschriebenen Schuldschein oder man fährt kurz einmal in die nächste Großstadt, um die getätigten Einkäufe zu bezahlen.

Wie ein Banksystem aussehen könnte, wie man die Sicherheit für die Bank und gleichzeitig die Sicherheit für die Kunden sicherstellen will, wie man den Haftungsproblemen beim Systemausfall einer einzelnen Bankfiliale begegnen will – und wie man mit dem Umstand umgehen will, dass man eigentlich gar keine Bank mehr für den Zahlungsverkehr braucht, da sich auch alles direkt und ohne Umweg digital abwickeln lässt, dafür aber einen „Verwalter“ und Ansprechpartner für seine ganzen Geldgeschäfte, inklusive Anlagen und Vorsorgeleistungen verliert: Darüber hat sich anscheinend – jedenfalls öffentlich – noch nie jemand Gedanken gemacht.

Fazit

Die „schöne neue Welt“ einer volldigitalen Währung ist eigentlich nur für den Staat schön, der am Ende alles kontrollieren und überwachen und in seiner Außenpolitik über seine eigene digitale und weltweit verfügbare Währung seine Interessen durchsetzen kann.

Der Rest des ganzen Spiels besteht dann überwiegend aus Nachteilen, schweren Bedenken und einem technischen Hasardspiel mit einem einzelnen SPOF, der als praktikabler Aus-Knopf für die gesamte Wirtschaft und Lebensführung der Menschen im Land dienen kann. Ein Sekundenbruchteil und alles kommt zum Stillstand.

Trotzdem wollen alle – auch die EZB – ihre eigene digitale Währung am liebsten schon morgen, ohne dass sich überhaupt irgendjemand einmal über die Folgen Gedanken gemacht hätte. Vor allem über die Folgen für die Bürger und die Wirtschaftstreibenden im Land. Und die Menschen in den Schwellen- und Dritte-Welt-Ländern, die man dann mit seinem Währungskrieg wohl überziehen wird.

Wohlan, nur zu, mutig voran. Oder vielleicht doch zur Abwechslung mal mit ein bisschen Verstand.

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