Die Südsee-Blase und die Lehren daraus

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Die Südsee-Blase und die Lehren daraus

Die „Tulpenzwiebel-Manie“ oder „Tulpenblase“ ist in der Geschichte des Börsenhandels als warnendes Beispiel recht gut bekannt. Die Südsee-Blase dagegen kaum. Dabei könnte man auch aus ihr Lehren ziehen, gerade aktuell. Das haben wir versucht. In unserem Beitrag analysieren wir das ganze Geschehen einmal gründlich und versuchen, daraus Erkenntnisse für die Gegenwart zu gewinnen, von denen es einige gibt. Denn allem Anschein nach lernt auch der Anleger-Teil der Menschheit tatsächlich nur sehr langsam.

Die Südseeblase

Wir begeben uns nach London, an den Anfang des 18. Jahrhunderts – in die 1720er Jahre. Tatsächlich reicht die Geschichte der Spekulationen und zumindest der Vorläufer der Börsen schon so weit zurück – und sogar noch weiter.

Während in Marseille zur selben Zeit noch die Große Pest wütet, ist man über den Kanal hinweg in London mit ganz anderen Dingen beschäftigt: nämlich mit der Ausbeutung der gerade erst vor 200 Jahren entdeckten Südsee-Gebiete. Viel war noch nicht darüber bekannt. Der berühmte James Cook sollte erst 50 Jahre später seine umfangreiche Forschungsreise dorthin unternehmen. Den hohen erwarteten Gewinn an Rohstoffen, exotischen Waren und vor allem Sklaven von den Cook-Inseln, Hawaii und Tahiti verteilte man aber bereits vorneweg – in Form von Anleihen.

Erst 1711 hatte sich die South Sea Company gegründet, federführend bei der Gründung waren dabei zwei Bankiers und eine anonyme Person, deren Name nirgendwo auftaucht. Durch geschickte Manöver erhielt die Company von der Regierung das Monopol – nicht nur für den Handel mit Südamerika, sondern auch noch zusätzlich für alle bisher nicht entdeckten Gebiete. Von Südamerika erwartete man sich nicht so viel, bei den Südsee-Gebieten kannten die Träume und Illusionen über den dortigen Reichtum aber kaum Grenzen. Auch wenn bisher noch niemand Genaueres wusste.

Ein weiterer geschickter Schachzug der beiden Bankiers John Blunt und George Caswell war, der Bank of England die englischen Staatsschulden abzunehmen. Zunächst 9 Millionen Pfund, später noch mehr. Natürlich tat man das nicht umsonst, sondern nur gegen eine satte Verzinsung von 6 % p. a. Dafür erhielt man gleichzeitig das Recht, zusätzliche Aktien herauszugeben und so quasi einen (damals nicht selbstverständlichen) immer wieder erneuerten Freibrief zur Kapitalerhöhung.

Der Kurs entwickelte sich gut, beim Nennwert von 100 Pfund lag die Aktie Anfang 1720 bereits bei 120 Pfund Kurswert. Bis zum Sommer hinweg schwoll die Begeisterung der Leute allerdings so stark an, dass der Kurs bis auf 950 Pfund kletterte. Wie zu erwarten, gründeten sich noch eine Menge mehr Unternehmen, die ebenfalls von diesem „lukrativen Markt“ profitieren wollten und sammelten ebenfalls Unmengen von Geld aus nahezu allen Bevölkerungsschichten ein, indem sie Aktien herausbrachten. An allen sinnvollen und weniger sinnvollen Leistungen, die auch nur in irgendeiner Form in Zusammenhang mit der geplanten Ausbeutung der Südsee-Gebiete standen, konnte man sich beteiligen, bis hin zu Lohnausfallsversicherungen für Schiffsmatrosen auf dem Weg in die Südsee – und das taten auch die meisten. Die Südsee war der „Jahrhundert-Glücksfall“. Mit dem „Bubble Act“ tat die britische Regierung dann genau das Falsche. Nämlich, allen diesen Gesellschaften eine „königliche Ernennung“ zukommen zu lassen, was die Gesellschaften weit über andere Unternehmen erhob und die Kurse noch einmal deutlich weiter nach oben trieb.

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Die Realität sah nüchtern betrachtet natürlich völlig anders aus. Aus dem Spanischen Erbfolgekrieg und den nachfolgenden Friedensverhandlungen hatte sich keine Auflösung des spanischen Privilegs zum Sklavenhandel ergeben, wie das erwartet worden war. Den „sagenhaften Reichtum“ der Südsee-Gebiete hatte bis dorthin niemand mit eigenen Augen gesehen. Für viele lag er aber „auf der Hand“. Und allein mit dem angekündigten Sklavenhandel konnte man ja zu dieser Zeit enorme Gewinne erzielen. Der fand aber schlicht gar nicht statt, die erste Handelsreise 1717 war nur wenig ergiebig gewesen und ohne Sklaven zurückgekehrt. Gerade der Sklavenhandel hätte aber für die Dividende sorgen sollen, die alle erwarteten (nebst einer Verzinsung von 4 %, die die Anteilscheine garantierten).

Als schon Ende des Sommers 1720 klar wurde, dass man die versprochene Dividende nicht bezahlen können würde, rauschte der Kurs nach unten von vormals 950 Pfund auf gerade einmal etwas über 100 Pfund, also den ursprünglichen Nennwert. Für viele – auch angesehene Bürger –  bedeutete das den Ruin. Selbst der sonst in anderen Dingen so rationelle Isaac Newton war um 20.000 Pfund ärmer geworden. Die Anlagen existieren übrigens noch bis heute. Die britische Regierung bezahlt bis heute noch Zinsen auf kleinere Restbestände der Jahrhunderte alten Anleihen, horrende Zinsen von 2,5 bis nahezu 4 % jährlich.

Im Rückblick analysiert

Heute hat man natürlich etwas Distanz zum Geschehen und kann sehr gut aus der Rückschau nachvollziehen, was da passiert ist. Da macht zunächst jemand einen Traum von einem neuen, unglaublich lukrativen und unendlich reichen Markt auf – und verkauft ihn gewinnbringend. Wer wegen seines (von ihm selbst erwarteten) unermesslichen Reichtums dann großzügig noch dem Staat auch anbietet, seine Schulden zu übernehmen, hat schnell Freunde – einflussreiche Freunde. Und in der damaligen wie heutigen Klatsch- und Tratsch-Gesellschaft bleibt dieser anscheinend zu erwartende unermessliche Reichtum natürlich nicht lange geheim. Es spricht sich herum und jeder möchte noch schnell seinen Anteil daran sichern, um auch unermesslich reich zu werden – oder jedenfalls ziemlich reich, für die eigenen Lebensverhältnisse.

Die Masse nimmt zwar an, dass hinter dem zu erwartenden Gewinn nachprüfbare oder zumindest plausible und konservativ eingeschätzte Fakten stehen – am Ende prüft das aber niemand nach. Selbst die nicht, die eigentlich die Mittel und die Möglichkeiten dazu hätten. Man glaubte lieber das, was man gerne glauben wollte.

Schon das Ergebnis der Friedensverhandlungen 1713 hätte einem eigentlich zu denken geben müssen. Denn die Möglichkeiten zum Sklavenhandel (dem lukrativsten und am besten einschätzbaren Teil des ganzen Geschäfts) waren und blieben eingeschränkt, da die spanischen Vorrechte lediglich marginal eingeschränkt wurden, prinzipiell aber weiter galten. Das war auch weithin bekannt.

Der Staat hat im Grunde am unglücklichsten agiert: sich nicht nur an windigen, an wenige Fakten gebundenen Geschäftsmodellen zu beteiligen, was den Bankiers überhaupt erst den bedeutsamen Ruf eingebracht hatte, war gelinde gesagt unglücklich. Indem man aber jemanden die eigenen Staatsschulden in immenser Höhe übernehmen lässt, gibt man ihm überhaupt erst die Möglichkeit, ein klares Signal dafür zu senden, dass sein Unternehmen ja unglaublich reich sein müsse. Der Anschein bestand ja. Noch schlimmer war dann, diese Geschäftsmodelle auch noch staatlich „abzusegnen“ und ihnen damit noch mehr Legitimität und anscheinende wirtschaftliche Tragfähigkeit zu bescheinigen.

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Zwar gab es auch im britischen Parlament Stimmen, die befürchteten, dass das Land „durch den Handel mit imaginären Reichtümern ruiniert werden könnte“. Sie wurden aber überhört oder bewusst ignoriert. Es zeigt aber zumindest, dass noch einige ein wenig mehr auf dem Boden der Tatsachen standen. Der König und einige andere wichtigen Investoren schafften es noch, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen und rechtzeitig zu verkaufen, als sich das Platzen der Illusion abzeichnete. Für die Wirtschaft und weite Teile der einfachen Bevölkerung bedeutete es aber horrende und lebensverändernde Verluste. Und für den Staat insgesamt damit eine massive Rezession. Die Geschäftsführer hat man dann juristisch verfolgt, in den Kerker geworfen und zum Teil begingen leitende Mitglieder Selbstmord. Im Grunde haben sich aber die Anleger mit ihren völlig überzogenen Erwartungen selbst getäuscht. Das Unternehmen hat eigentlich nur getan, was alle Unternehmen tun – versucht, Geld zu verdienen und Marktpotenziale zu erschließen. Einen „Schwindel“ kann man ihm nicht unterstellen – höchstens eine allzu positive Darstellung möglicher Umstände. Das tut aber selbst Unilever heute bei jeder Zahnpasta. Kein Mensch braucht Fakten oder gesicherte Erkenntnisse.

Lehren für die heutige Zeit

Sieht man sich das ganze Geschehen aus einer distanzierten Perspektive an, zeigen sich sehr deutliche Parallelen zur Dotcom-Blase im Jahr 2000, bei der es ja auch um „Neuland“ ging, das keiner noch so recht kannte. Und wo bislang auch noch gar keine hohen Gewinne verdient worden waren, aber auch zum jüngst erst geschehenen Wirecard-Skandal. Im Grunde fallen auch die meisten sogenannten ‚Unicorns‚ in die Kategorie der verdächtigen Parallelen. Wobei man natürlich nicht annehmen oder den Unicorns wünschen darf, dass alle so enden wie die Südsee-Blase. Ein Risiko dafür besteht aber.

Bei der Dotcom-Blase haben die Anleger ebenso wie bei der Südsee-Blase die Fundamentaldaten von Unternehmen weitgehend ignoriert. Selbst die Jahresabschlüsse blieben unberücksichtigt. Man hatte nur immense (völlig unrealistische) Gewinnerwartungen für die Zukunft – ohne diese Zukunft überhaupt zu kennen. Niemand hätte sich 1999 ausmalen können, dass die Welt von heute so aussieht. Oder auch nur irgendeine Vorstellung davon, wohin sich das Internet entwickelt und womit man überhaupt darin Geld verdienen und Umsätze erzielen könnte. Wie auch bei der Südsee-Blase haben bei der Dotcom-Blase zahlreiche Startups darauf gesetzt, dass ihnen Anleger das Geld nachwerfen werden. Immer mehr Unternehmen wurden allein mit dem Ziel gegründet, sie an die Börse zu bringen – für Kapital war dann gesorgt. Das Motiv hinter diesem ganzen Anlegerwahn kann man ganz klar und schnöde festmachen: blinde, völlig verblendete Gier. Und man hat nicht in Unternehmen investiert, sondern allein in ein „Thema“, das offizielle Stellen durch die Betonung seiner Wichtigkeit und die Börse durch die Einrichtung eigener Tech-Sparten quasi „legitimiert“ hatten.

Auch bei Wirecard ging es um ein „Thema“ und die staatliche Unterstützung des „Erfolgsunternehmens“ tat wieder einmal ein Übriges für das Ansehen.

Im Rückblick betrachtet hat selbst die ungebildete und mit intellektuellen Dingen weithin überforderte Bevölkerung des 18. Jahrhunderts noch deutlich besonnener und bodenständiger reagiert als die „gebildeten“ Deutschen im Jahr 2000. Der Spuk war schnell vorüber.

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Kehren wir zu den Unicorns zurück, sehen wir auch hier zahlreiche überbewertete Unternehmen, die bisher noch nicht einmal einen Cent verdient haben. Ihr Wert beruht allein auf Erwartungen – vor allem denen der Anleger, oft noch nicht einmal der Unternehmer selbst.

Das Geld, das Unternehmen nachgeworfen wird, wird dann folgerichtig dazu benutzt, um noch mehr Unternehmen aufzukaufen, natürlich im gleichen, „erfolgreichen“ Marktsegment. Auf diese Weise entstehen dann komplette, von vielen Unternehmen besiedelte Märkte, die es in der Realität oft gar nicht gibt, weil der gesamte Markt auf irgendwelchen Zukunftserwartungen beruht. Für Anleger sieht das aus wie ein riesiger Markt, der ja irgendeine Legitimität haben muss – aber nicht hat.

Gut vergleichbar damit ist der Markt für batteriebetriebene Elektrofahrzeuge. Keiner weiß, ob das überhaupt die Technologie für die Zukunft sein wird. Angesichts der zahlreichen ungelösten technischen Probleme, von der benötigten Infrastruktur und den wahnwitzigen notwendigen Strommengen über die ganz sicher nicht ausreichende Verfügbarkeit seltener Erden, die zwingend benötigt werden, ist das wenig wahrscheinlich. Und nur weil deutsche Autobauer das jetzt auch machen (wohlgemerkt halbherzig und nur nach großem Druck), ist das kein Beweis dafür, dass diese Technologie irgendetwas mit unserer Zukunft zu tun hat. Der eigentlich grundlegende Verursacher eines Problems ist ja zudem höchst selten der geeignete Kandidat dafür, das von ihm verursachte Problem grundlegend wieder zu lösen.

Auch Weltraum-Unternehmen, die fremde Planeten ausbeuten wollen oder den Mond kolonisieren, fallen in diese Kategorie. Aber das ist dann bereits so utopisch, dass zumindest einige mehr auf den Gedanken kommen, dass man davon nun nicht direkt Gewinne erwarten darf.

Bei Wirecard hat man wenigstens einen (gefälschten) Proof-of-Concept nachgeschoben. Wahrscheinlich hätte es den für die meisten Anleger aber ohnehin gar nicht gebraucht. Man hätte wohl auch so wie dämlich in dieses „Thema“ von Bezahldienstleistungen investiert, allein weil es plausibel erscheint, dass jemand so etwas tatsächlich in größerem Umfang brauchen könnte. (Digitales Bezahlen im Supermarkt über Gesichtserkennung – na toll. Wollten wir das wirklich?).

Fazit

Es wird Zeit, dass Anleger sich ein bisschen zurücknehmen damit, echtes Geld in schiere Fantasien und holde Träume zu investieren. Und der blinden Gier sollte man vielleicht gelegentlich mal eine Brille aufsetzen und mit einem Bein immer schön auf dem Boden bleiben. Und als Regierung sollte man tunlichst ein wenig vorsichtiger damit sein, was man in den Himmel lobt. Und sich vielleicht aus der allzu eifrigen Förderung einzelner Wirtschaftsunternehmen oder Branchen eher ein bisschen heraushalten.

Echter Fortschritt und realer Gewinn entstehen, indem dazu fähige Unternehmen brauchbare, aufgrund nachprüfbarer Fakten funktionierende und benötigte Dinge herstellen, die eine Verbesserung darstellen. Und nicht, indem irgendjemand verkündet, irgendwelche hanebüchenen Fantasien ohne erkennbaren real überprüfbaren Ansatzpunkt oder Science Fiction Romane demnächst vielleicht in die Realität umsetzen zu wollen.

Fest steht: Nach rund 300 Jahren sind Anleger keineswegs bedeutend klüger geworden, es wird eher noch schlimmer. Und die Gier wird unverhohlener und rücksichtsloser denn je. Es wäre mal wieder Zeit für ein bisschen Evolution, im Geiste.

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