Folge 24 – Wann soll ich Aktien kaufen? (Aktien Teil 5)

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Folge 24 – Wann soll ich Aktien kaufen? (Aktien Teil 5)

Zuletzt aktualisiert: April 2026

Wer als Privatanleger eine Einzelaktie ins Depot legt, stellt sich früher oder später dieselbe Frage: Wann ist eigentlich der richtige Moment? Die ehrliche Antwort vorweg — den perfekten Zeitpunkt gibt es nicht, und wer auf ihn wartet, wartet meistens zu lange. Was sich aber sehr wohl unterscheiden lässt, sind günstige von ungünstigen Kaufsituationen. Genau darum geht es in dieser Folge.

Die ehrliche Antwort vorab

Anders als oft angenommen, lässt sich der ideale Einstiegszeitpunkt nicht aus Charts, Indikatoren oder „heißen Tipps“ ableiten. Selbst professionelle Fondsmanager scheitern regelmäßig am sogenannten Market Timing — und sie tun das mit Research-Budgets, von denen Privatanleger nur träumen können. Wer trotzdem versucht, den Tiefpunkt zu erwischen, verpasst in der Praxis fast immer die besten Erholungstage, die statistisch betrachtet einen erheblichen Teil der langfristigen Aktienrendite ausmachen.

Trotzdem ist die Frage nach dem „Wann“ nicht falsch — sie muss nur anders gestellt werden. Statt nach dem perfekten Tag zu suchen, sollten Sie sich fragen: Ist diese Aktie zu diesem Kurs ein faires Geschäft? Und: Habe ich die Geduld, einen Bewertungsabschlag auch dann auszusitzen, wenn der Kurs zwischenzeitlich noch tiefer fällt?

Wann ein Aktienkauf sinnvoll ist

Drei Bedingungen sollten erfüllt sein, bevor Sie eine Einzelaktie kaufen:

  • Der Kurs liegt erkennbar unter dem, was Sie für den fairen Wert des Unternehmens halten.
  • Das Geschäftsmodell ist Ihnen verständlich, und Sie halten es für tragfähig — nicht nur in den nächsten zwei Jahren, sondern in zehn.
  • Der Unternehmenswert (vereinfacht: Eigenkapital plus realistische künftige Erträge) liegt über der aktuellen Marktkapitalisierung, also dem Wert aller Aktien zum aktuellen Kurs.

Diese Form des Investierens hat einen Namen: Value Investing. Sie wurde von Benjamin Graham entwickelt und durch seinen bekanntesten Schüler — Warren Buffett — über Jahrzehnte populär gemacht. Die Idee dahinter ist denkbar einfach: Kaufen Sie nicht, was teuer ist, kaufen Sie, was billig ist.

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Ein vereinfachtes Rechenbeispiel

Stellen Sie sich eine fiktive Immobilien-AG vor, die Wohnungen kauft und vermietet. Die Bilanz weist folgende Werte aus:

  • Wert der Immobilien: 10 Mrd. Euro
  • Anzahl der Aktien: 1 Mrd. Stück

Rein rechnerisch ergibt das einen Buchwert von 10 Euro je Aktie. Wenn der Aktienkurs nach einer Krise auf 5 Euro fällt, der Wert der Immobilien aber unverändert bleibt, dann bekommen Sie hier ein Wirtschaftsgut zum halben Preis. Klingt zu schön, um wahr zu sein — kommt in der Realität aber regelmäßig vor.

Wie das in der echten Welt aussah: März 2020

Wer die Theorie für graue Lehrbuchweisheit hält, sollte sich an den März 2020 erinnern. Innerhalb weniger Wochen verlor der DAX rund ein Drittel seines Werts, der S&P 500 ähnlich viel. Substanziell starke Unternehmen — von Allianz bis Microsoft — wurden mit massiven Abschlägen gehandelt, ohne dass sich an ihrem operativen Geschäft Fundamentales geändert hätte. Wer in diesem Moment den Mut hatte, antizyklisch zu kaufen, blickt heute auf eine der besten Einstiegsphasen des Jahrzehnts zurück. Wer hingegen zwei Monate später einstieg, weil die Schlagzeilen wieder freundlicher wurden, hat einen erheblichen Teil dieser Erholung verpasst.

Die Lehre daraus ist nicht, dass Sie auf den nächsten Crash warten sollen — das wäre wieder Market Timing durch die Hintertür. Die Lehre ist, dass Sie in solchen Momenten handlungsfähig sein müssen: mental vorbereitet, mit Cash-Reserve, und ohne Panik im Magen.

Wann Sie besser nicht kaufen

Genauso wichtig wie die Kaufkriterien sind die Ausschlusskriterien. Die folgende Übersicht stellt beide Seiten direkt gegenüber:

Kaufen Sie, wenn …Kaufen Sie nicht, wenn …
Sie das Geschäftsmodell verstehenSie nur einem Tipp aus dem Bekanntenkreis folgen
Der Kurs unter dem fairen Wert liegtDer Kurs nach einer langen Hausse Rekordstände erreicht
Sie eine eigene Meinung gebildet habenSie das Unternehmen aus einem Finanzguru-Newsletter kennen
Sie das Geld in den nächsten fünf Jahren nicht brauchenSie nur kaufen, weil „alle anderen gerade kaufen“
Sie auch Kursrückgänge von 30 % aussitzen könnenSie sich nicht trauen, in einer Korrektur durchzuhalten
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Der letzte Punkt ist erfahrungsgemäß der entscheidende. Theoretisch wissen alle, dass Aktienkurse schwanken. Praktisch werden sehr viele Anleger genau dann nervös, wenn sie eigentlich nachkaufen sollten. Wer seine eigene Schmerzgrenze nicht kennt, sollte mit kleineren Positionen beginnen.

Cost-Averaging — der pragmatische Ausweg aus der Timing-Frage

Für die meisten Privatanleger gibt es eine einfachere Antwort auf die Frage „Wann kaufen?“ — und sie lautet: regelmäßig, in gleichen Beträgen, unabhängig vom aktuellen Kursniveau. Das nennt sich Cost-Averaging und löst das Timing-Problem dadurch, dass es es ignoriert. Wer jeden Monat die gleiche Summe in einen ETF-Sparplan investiert, kauft in teuren Phasen automatisch weniger Anteile und in billigen Phasen mehr — über zehn oder zwanzig Jahre glättet sich daraus ein robuster Durchschnittskurs.

Wer einen solchen Sparplan einrichten möchte, findet bei Anbietern wie Scalable Capital kostenfreie ETF-Sparpläne ab kleinen Beträgen — Trade Republic bietet vergleichbare Konditionen. Eine vollständige Übersicht aller aktuellen Anbieter mit Konditionen und Sparplan-Auswahl finden Sie in unserem Depotkonto-Vergleichsrechner.

Wichtig zu wissen: Cost-Averaging und Value Investing schließen sich nicht aus. Viele Anleger fahren beides parallel — ein breit gestreuter ETF-Sparplan als Fundament, dazu eine kleinere „Spielwiese“ mit ein bis zwei selbst recherchierten Einzelaktien, bei denen die Value-Logik aus diesem Beitrag zur Anwendung kommt.

Häufige Fragen rund um den richtigen Kaufzeitpunkt

Gibt es eine beste Tageszeit, um Aktien zu kaufen?
In der ersten halben Stunde nach Börseneröffnung sind die Spreads — also der Abstand zwischen Kauf- und Verkaufskurs — meist am breitesten, weil die Marktteilnehmer noch nach einem fairen Preis tasten. Wer eine Limit-Order setzt und keinen Zeitdruck hat, fährt in der Regel besser, wenn er den Vormittagshandel abwartet. Für Sparpläne ist die Tageszeit ohnehin unerheblich.

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Soll ich vor oder nach der Dividendenzahlung kaufen?
Das ist letztlich ein Nullsummenspiel. Am Tag der Dividendenausschüttung fällt der Kurs um exakt den Betrag der Dividende — das nennt sich Dividendenabschlag. Wer vorher kauft, bekommt die Dividende, zahlt aber den höheren Kurs (und auf die Dividende Steuern). Wer nachher kauft, bekommt den Rabatt im Kurs. Steuerlich ist die zweite Variante für die meisten Anleger leicht im Vorteil.

Lohnt es sich, im Crash nachzukaufen?
Historisch gesehen ja — aber nur, wenn Sie sich vorher eine Cash-Reserve dafür aufgebaut haben und mental darauf vorbereitet sind, dass es nach Ihrem Kauf noch deutlich tiefer gehen kann. Nachkaufen aus dem laufenden Sparplan ist riskant, weil Sie Ihre Sicherheitsreserve angreifen.

Ist „Buy the Dip“ eine sinnvolle Strategie?
Nur in Verbindung mit einer klaren Bewertungslogik. Ein gefallener Kurs ist nicht automatisch ein günstiger Kurs — er kann auch ein erstes Warnsignal sein. Die Frage, die Sie sich stellen sollten, lautet nicht „Wie viel ist die Aktie gefallen?“, sondern „Was ist sie heute wert, und was bezahle ich dafür?“.

Wie viele Einzelaktien sollte ein Privatanleger maximal halten?
Eine in der Praxis bewährte Größenordnung sind acht bis zwölf Einzeltitel. Weniger erhöht das Klumpenrisiko, mehr lässt sich neben dem Hauptberuf kaum noch fundiert beobachten.

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