Folge 30 – Wie Sie Aktien gegen Kursverluste absichern können (Aktien Teil 11)

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Folge 30 – Wie Sie Aktien gegen Kursverluste absichern können (Aktien Teil 11)

Zuletzt aktualisiert: April 2026

Niemand würde ein Haus ohne Versicherung gegen Feuer und Einbruch kaufen. Was also ist mit dem größten Risiko an der Börse – dem Kursverlust? Anders als oft angenommen, lässt sich auch eine Aktie versichern. Der Mechanismus dahinter heißt Hedging, und in dieser Folge zeigen wir, wie er funktioniert, was er kostet und wann sich der Aufwand wirklich lohnt.

Zwei Wege, Verluste zu begrenzen – und warum nur einer wirklich „Absichern“ heißt

Wer Kursverluste auf einer Aktienposition begrenzen möchte, hat im Grunde zwei Werkzeuge zur Auswahl: die Stop-Loss-Order und die Absicherung mit Put-Optionen.

Die Stop-Loss-Order ist der einfachere, kostenlose Weg. Fällt der Kurs unter eine vorher definierte Schwelle, wird die Aktie automatisch verkauft. Wer diese Variante noch nicht kennt, findet die Details in unserem Beitrag zu den Orderarten. Technisch ist das eine Ausstiegsregel, keine Versicherung: Die Aktie ist nach Auslösung weg, und ein danach einsetzender Rebound bringt dem ehemaligen Eigentümer keinen Cent mehr.

Die zweite Methode ist die eigentliche Versicherung: Sie behalten die Aktie und erwerben zusätzlich eine Put-Option, die Ihnen das Recht einräumt, die Aktie zu einem vorab festgelegten Kurs zu verkaufen – egal, wie tief der Markt fällt. Gerät der Kurs in die Tiefe, üben Sie die Option aus. Steigt der Kurs dagegen, lassen Sie die Option verfallen und profitieren voll vom Anstieg. Das ist Hedging im Wortsinn.

Was ist eine Put-Option?

Eine Put-Option ist das Recht, aber nicht die Pflicht, eine bestimmte Aktie bis zu einem festen Termin zu einem festen Preis zu verkaufen. Der festgelegte Preis heißt Strike, der letzte mögliche Tag der Ausübung Verfallstag. Optionen werden an speziellen Terminbörsen wie der Eurex gehandelt und üblicherweise in standardisierten Kontraktgrößen von 100 Aktien pro Kontrakt.

Dabei unterscheidet man zwei Ausprägungen: Amerikanische Optionen können an jedem Handelstag bis zum Verfall ausgeübt werden, europäische Optionen nur am Verfallstag selbst. Für Absicherungszwecke ist der Unterschied in der Praxis meist zweitrangig, weil man die Option ohnehin bis zur Fälligkeit laufen lässt.

Entgegen ihrem Ruf als reine Spekulationsinstrumente wurden Optionen ursprünglich genau für den Zweck erfunden, über den dieser Beitrag handelt: einen Preis in der Zukunft schon heute fixieren zu können.

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So funktioniert der Protective Put – die Mechanik

Die Kombination aus gehaltener Aktie und gekaufter Put-Option nennt sich Protective Put. Ein einfaches Beispiel macht das klar:

Angenommen, Sie halten 100 Aktien eines DAX-Unternehmens zum Kurs von 100 Euro – Ihre Position hat also einen Marktwert von 10.000 Euro. Sie sind langfristig überzeugt, fürchten aber in den nächsten Monaten einen Rücksetzer. Also kaufen Sie zusätzlich einen Put-Optionskontrakt auf dieselbe Aktie mit einem Strike von 90 Euro und einer Laufzeit von sechs Monaten. Die Prämie für diesen Kontrakt beträgt in unserem Beispiel 3 Euro pro Aktie – insgesamt 300 Euro.

Damit ist Ihr maximaler Verlust auf die kommenden sechs Monate festgenagelt:

Maximalverlust = (Kaufkurs − Strike) + Optionsprämie
Maximalverlust = (100 − 90) + 3 = 13 Euro pro Aktie

Ganz gleich, wie tief die Aktie fällt – Ihr Verlust pro Aktie ist auf 13 Euro begrenzt, bei 100 Aktien also auf 1.300 Euro. Ohne die Put-Option wäre bei einem Kurssturz auf 50 Euro ein Verlust von 5.000 Euro entstanden.

Die Kehrseite: Die Aktie muss um die gezahlten 3 Euro Prämie (3 Prozent) steigen, bevor Sie überhaupt wieder in der Gewinnzone sind. Das ist der Preis für die Sicherheit.

Was bestimmt den Preis einer Absicherung?

Die Höhe der Optionsprämie hängt an vier Faktoren: dem Abstand zwischen aktuellem Kurs und Strike (je näher der Strike am Marktpreis, desto teurer), der Restlaufzeit (länger = teurer), dem risikolosen Zinssatz – und vor allem der impliziten Volatilität der Aktie. Letztere ist der mit Abstand wichtigste Treiber. Schwankt ein Titel stark, ist die Versicherung teurer; in ruhigen Märkten sind Puts vergleichsweise günstig.

Das erklärt ein Paradox, das viele Anleger überrascht: Genau dann, wenn die Absicherung am dringendsten erscheint – nach einem Kursrutsch, wenn die Volatilität explodiert – ist sie auch am teuersten. Wer systematisch hedgt, kauft seine Puts in ruhigen Zeiten, nicht in der Panik.

Vier Wege, eine Aktie abzusichern – im Vergleich

Der Protective Put ist nicht die einzige Möglichkeit, eine Aktienposition gegen Verluste abzusichern. Die folgende Übersicht zeigt die vier gebräuchlichsten Methoden auf einen Blick:

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MethodeKostenAbsicherungsgradKomplexitätGeeignet für
Stop-Loss-OrderKeineGering – kein Schutz vor Kurslücken über NachtNiedrigKleinanleger, einfache Ausstiegsregel
Protective PutPrämie (1–10 %)Hoch – garantierter MindestverkaufspreisMittel bis hochEinzelpositionen mit hohem Einzelwert
Collar (Put kaufen + Call verkaufen)Deutlich reduziert, teils kostenneutralHoch, aber Gewinn nach oben gedeckeltHochFortgeschrittene, die Prämienkosten drücken wollen
Inverser ETF / Short-ETFLaufende Gebühren, PfadabhängigkeitNur für Depotabsicherung, nicht für EinzelwerteNiedrig bis mittelBreit diversifizierte Depots gegen Marktrisiko

Welche Variante die richtige ist, hängt von der Ausgangslage ab. Wer eine einzelne große Position im Depot hat, kommt am Protective Put kaum vorbei. Wer ein breites ETF-Portfolio gegen einen möglichen DAX-Rückschlag schützen will, fährt mit einem kurzfristigen Short-ETF oft einfacher.

Wo kauft man eigentlich echte Optionen?

Hier beginnen die praktischen Probleme. Die meisten bekannten Neobroker in Deutschland – Trade Republic, Scalable Capital, finanzen.net zero – bieten keine echten Aktienoptionen an. Was dort als „Hebelprodukte“ verkauft wird, sind Optionsscheine oder Knock-out-Zertifikate: in der Regel Schuldverschreibungen einer einzelnen Bank, die das Optionsrisiko nachbilden, aber mit zusätzlichen Emittentenrisiken und oft weniger transparenter Preisbildung. Für gezieltes Hedging einer Aktienposition sind sie nur bedingt geeignet.

Wer echte börsennotierte Optionen an der Eurex oder an US-Terminbörsen handeln möchte, braucht einen spezialisierten Broker. Eine in der Praxis bewährte Adresse ist LYNX, ein Introducing Broker von Interactive Brokers, der deutschen Privatanlegern Zugang zu praktisch allen wichtigen Options-Marktplätzen weltweit bietet. Auch CapTrader deckt diesen Markt ab – unser ausführlicher Blick auf das Angebot steht im CapTrader-Test.

Eine Übersicht über weitere Broker mit Zugang zu Terminbörsen finden Sie in unserem Depotkonto-Vergleichsrechner.

Wann sich eine Absicherung wirklich lohnt

Aus der Praxis heraus haben sich vier Situationen herauskristallisiert, in denen der Griff zum Protective Put tatsächlich Sinn ergibt:

  • Wenn die Absicherungskosten über die gesamte Laufzeit hochgerechnet unter fünf Prozent pro Jahr bleiben. Alles darüber frisst die erwartete Rendite zu stark an.
  • Wenn eine einzelne Position einen auffällig großen Anteil am Depot einnimmt und ein Rückschlag den Rest des Portfolios spürbar in Mitleidenschaft ziehen würde.
  • Wenn eine Aktie nach einem starken Anstieg wirkt, als hätte sie ihr Kursziel vorerst erreicht, Sie aber die laufende Dividende weiter vereinnahmen wollen und nicht verkaufen möchten.
  • Wenn ein bekannter Termin bevorsteht – Quartalszahlen, Gerichtsurteile, politische Entscheidungen – von dem Sie einen möglichen, aber ungewissen Ausschlag erwarten.
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Umgekehrt gilt: Für ein breit diversifiziertes ETF-Depot und einen langfristigen Anlagehorizont ist systematisches Hedging in aller Regel unwirtschaftlich. Die Prämien summieren sich über die Jahre zu einem erheblichen Renditeverlust, während die historische Erfahrung zeigt, dass diversifizierte Portfolios Kursrückschläge ausreichend oft selbst wieder aufholen.

Häufige Fragen zur Aktienabsicherung

Kann ich bei Trade Republic oder Scalable Capital Optionen kaufen?
Nein, nicht im klassischen Sinn. Beide bieten Optionsscheine und Knock-out-Zertifikate an, also bankbegebene Schuldverschreibungen. Für echte, börsengehandelte Optionen brauchen Sie einen spezialisierten Broker wie LYNX oder CapTrader.

Was ist der Unterschied zwischen einer Option und einem Optionsschein?
Eine Option ist ein standardisierter, an einer Terminbörse gehandelter Kontrakt. Ein Optionsschein ist eine Schuldverschreibung einer einzelnen Bank, die ein Optionsrecht verbrieft. Der wirtschaftliche Zweck kann ähnlich sein, aber bei Optionsscheinen tragen Sie zusätzlich das Emittentenrisiko der ausstellenden Bank.

Wie lange gilt eine Absicherung?
So lange wie die Laufzeit der gekauften Put-Option. Üblich sind Laufzeiten zwischen einem Monat und zwei Jahren. Nach Verfall müssten Sie eine neue Option kaufen, um die Absicherung zu verlängern.

Warum sollte ich hedgen, statt die Aktie einfach zu verkaufen?
Wer verkauft, realisiert eventuell Steuern auf bisherige Gewinne, verliert Dividendenansprüche und muss beim Wiedereinstieg auf einen günstigeren Kurs hoffen. Ein Protective Put lässt die Aktienposition unangetastet und begrenzt nur das Verlustrisiko – bei Wiederanstieg bleiben Sie voll dabei.

Was kostet eine Absicherung typischerweise?
Das hängt stark von der Volatilität der Aktie und der gewünschten Laufzeit ab. Für eine liquide DAX-Aktie bewegen sich die Kosten eines Protective Put mit moderatem Strike und halbjährlicher Laufzeit häufig im Bereich von 2 bis 5 Prozent des Aktienwerts. Für volatile Einzeltitel können es auch 10 Prozent oder mehr werden.

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